Posted On 6. November 2017 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1331 Views

Wie kooperiere ich als Behörde mit Spontanhelfer?

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In den letzten Jahren stellte man weltweit fest, dass bei großen Schadenlagen eine Vielzahl von durchaus sehr unterschiedlichen Spontanhelfer die Not der betroffenen Bevölkerung zu lindern suchten. Der Erfolg war durchaus unterschiedlich. Auch die Zusammenarbeit mit den staatlichen Gefahrenabwehrbehörden fiel mal besser und mal schlechter aus.

Als Verantwortlicher der Schadensabwehrbehörden (i. d. R. Stadt- und Landkreise, bzw. ihre Feuerwehren) hat man die Frage zu beantworten, wie kann ich mit diesen Spontanhelfern zusammenarbeiten?

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Die folgenden Regeln können bei der Beantwortung hilfreich sein, (nach Tom Fletcher, ehemals UK Botschafter und derzeit Berater der Emirates Diplomatic Academy).

  1. Lege das oberste Ziel Deines Einsatzes fest und visualisiere es groß und deutlich sichtbar an Deiner Lagekarte!

    Was sind die Ziele einer Gefahrenabwehrbehörde / einer Gefahrenabwehrorganisation / eines Einsatzleiters?
    Offensichtlich ist dies jedem klar: Die Not der betroffenen Menschen lindern!

    Aber bei großen Schadenlagen kann es zu sich gegenseitig ausschließenden Interessen der betroffenen Menschen kommen. Droht ein Deich zu brechen, sind erst die Vielzahl von Wohnhäusern einer Einfamiliensiedlung zu schützen oder der Gefahrgutbetrieb?
    Ist die Not der Menschen zu lindern, deren Häuser schon geflutet sind oder ist die noch nicht eingetretene Not von tausenden Menschen abzuwenden, die bei einem Stromausfall betroffen wären, wenn das benachbarte Umspannwerk überflutet wird? (Hier kommt mir ein interessanter Vergleich mit der Situation im Deutschen Herbst vor 40 Jahren in den Sinn!)

    Die vorhandenen, durchaus legitimen Motive: „Ich will zeigen, dass meine Hilfsorganisation die beste ist, das ich der beste Einsatzleiter bin!” erschweren die Festlegung des Einsatzzieles. Letztere Motive werden durch die deutliche Visualisierung an der Lagewand zumindest gedämpft.

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  2. Kenne Deinen gesetzlichen Auftrag und die Interessen der unterschiedlichen Spontanhelfer! Was sind Deine rote Linien und was sind die der anderen?

    Vergewissere Dich nochmals über Deinen gesetzlichen Auftrag. Er ist in der Regel enger gefasst als unser Selbstverständnis als Helfer oder die politischen Motive der gewählten Vertreter. Die gesetzlich festgelegten Aufgaben sind ein „Muss”, die anderen ein „Nice to do”, solange dadurch nicht gegen Gesetze verstoßen wird. Ist ein umgestürzter Baum, der gegen ein Haus liegt, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung und muss deshalb von der Feuerwehr entfernt werden? Oder etwa nicht und muss er deshalb auf Kosten des „Störers” (Baum- oder Hausbesitzer, bzw. derjenige, der den Umsturz verursacht hat) von eine Fachfirma entfernt werden? Die „Rund-Um-Sorglos”-Versorgung Betroffener durch die staatlichen Behörden läßt sich meistens nicht aus deren gesetzlichen Auftrag ableiten.

    Aber nicht nur die eigenen Interessen sollten genauestens bekannt sein, sondern der verantwortliche Einsatzleiter sollte auch eine Ahnung von den Interessen der Spontanhelfer haben. Ein Motiv spielt für Letztere eine ganz wesentlicher Bedeutung: „Der Spontanhelfer will gebraucht werden!” (siehe z. B. http://www.infranken.de/regional/wuerzburg/Was-Menschen-dazu-motiviert-anderen-zu-helfen;art88524,1682133). Sollte der Einsatzleiter dieses Motiv nicht befriedigen, so erzeugt er Frustration bei denen, die sich engagieren wollen. Zwei Reaktionen, die verhindert werden sollten, können dann nicht ausgeschlossen werden: Die Spontanhelfer werden unabhängig von den Behörden tätig oder sie artikulieren ihren Frust in den – alten wie neuen – Medien.

    Definiere nun Deine rote Linien. Zwei Linien sind sicherlich zu weit gefasst: „Ich kooperiere nicht mit Spontanhelfern!” und „Ich setze Spontanhelfern für alle Aufgaben ein!”.
    Erstere verbietet sich heute aus politischen Gründen. Der „mündige Bürger” ist beim staatlichen Handeln einzusetzen. Außerdem könnte es aufgrund des Subsidiaritätsprinzip unserer Verfassung gesetzlich gegeben sein. Die zweite verbietet unsere Fürsorgepflicht gegenüber allen Menschen (auch den Spontanhelfern). Ein Einsatz, bei denen sich die Spontanhelfer gefährden, ist – ggf. mittels Platzverweis – zu unterbinden.

    Aber man sollte auch die roten Linien von Spontanhelfern kennen und berücksichtigen, um sein oberstes Ziel zu erreichen. Als Occupy Sandy illegale Einwanderer in New York nach dem gleichnamigen Superstorm versorgte, wäre eine Kooperation mit den staatlichen Behörden (z.B. FEMA) nicht möglich, wenn letztere darauf bestanden hätten, den Aufenthaltsort dieser betroffenen Menschen zu erfahren. FEMA hätte sich vermutlich anders verhalten, wenn die betroffenen Personen Menschen- oder Drogenschmuggler gewesen wären.

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  3. Schreibe ggf. Dein oberstes Ziel so um, dass es von möglichst vielen Spontanhelfern geteilt wird und tausche es gegen das erste Ziel an Deiner Lagekarte aus! Visualisiere die roten Linie darunter.

    Während Deiner weiteren Planungen solltest Du immer dieses Ziel und die Linien wortwörtlich vor Augen haben. Sie sind die Basis aller weiteren Planungen.

  4. Bei den Kooperationsgesprächen mit Vertretern der Spontanhelfern und beim Ansprechen aller Spontanhelfern via Medien bleib fokussiert auf dieses gemeinsame Ziel! Forme die Erwartungen aller Seiten, sodass möglichst viele dieses oberste Ziel übernehmen. Behalte bei jede Abweichung von Deinem ursprünglichen Ziel im Auge, was dies für Dich bedeutet/kostet!

    Wenn Sie mit Menschen kooperieren möchten, die Ihnen persönlich unsympathisch sind, sollten Sie Ihre eigenen Gefühle hinten anstellen. Sie müssen keine Freunde werde – das Bilden einer Interessengemeinschaft zum Wohle der Betroffenen ist vollkommen ausreichend.

    Der Kostenaspekt wird dann besonders wichtig, wenn Sie vermuten, dass gewisse Helfer das Helfen nutzen, um andere, weiterreichende Ziele zu verfolgen. So ist es bei der internationalen Hilfe schon lange bekannt, dass gewisse Gruppen die humanitäre Hilfe dazu nutzen, ihre politischen und/oder religiösen Überzeugen – wenn nicht gar noch Schlimmeres –  zu verbreiten. Nicht umsonst unterwerfen sich die seriösen Hilfsorganisationen dem „Code auf Conduct der humanitären Hilfe”.

    Letztendlich müssen Sie z. B. als Verantwortlicher in Hamburg die Frage beantworten: „Bin ich bereit, bei einer Katastrophe mit der Autonomen Szene rund um die Rote Flora zusammenzuarbeiten?”

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  5. Bilde Allianzen!

    In der Regel kommen die Spontanhelfer nicht auf die staatliche Gefahrenabwehrbehörden zu. Letztere haben Kommunikationswege zu öffnen, um eine Kooperation zu initiieren. Und Kooperation hat auch immer etwas mit Vertrauen zu tun. Vertrauen die Spontanhelfer den Behörden nicht, ist es ratsam, in den Augen dieser Spontanhelfer vertrauenswürdige Alliierte, denen man selber auch vertraut, zu suchen. Die klassischen Hilfsorganisationen, Kirchen und religiöse Vereine, Sportvereine und ähnliche Organisationen bieten sich dabei an. Auch die Medien können Kommunikationskanäle öffnen. Allerdings muss man sich fragen, ob die ehrwürdige „Lügenpresse” geeignet ist, die speziellen Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die den Behörden besonders kritisch gegenüberstehen.

    Meinungsbildner und Stimmungsmacher sind also zu identifizieren und danach zu beurteilen, ob mit ihrer Hilfe das oberste Ziel zu einem vertretbaren Preis erreicht werden kann.

  6. Biete einige taktische Zugeständnisse im richtigen Moment an!

    Ein taktisches Zugeständnis, was sehr leicht anzubieten ist, wenn man sein Selbstdarstellungszwang im Griff hat, ist der Einsatz von Spontanhelfern in medienwirksamen Bereichen. Für Spontanhelfer ist das öffentliche Lob häufig die einzige Belohnung neben dem Lob der Menschen, denen geholfen wurde. Gerade hauptamtliche Helfer sollten hier ihre Professionalität unter Beweis stellen und ins zweite Glied der öffentlichen Wahrnehmbarkeit treten. Taktische Zugeständnisse sind gegenüber dem Erreichen des strategischen Zieles immer gerechtfertigt.

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  7. Verstehe, dass jede Kooperation ihrem eigenen Rhythmus folgt!

    Wie jede menschliche Beziehung so wird auch jede Kooperation von Behörden mit Spontanhelfern mal einfacher und erfolgreicher verlaufen und mal eben nicht. Akzeptiere es. Auch wenn im Einzelfall eine Kooperation nicht das erwartete Ergebnis liefert, ist dies noch kein Grund, generell jede Kooperation mit Spontanhelfern auszuschließen. Vielmehr sind die Gründe zu ermitteln und daraus Folgerungen für die Zukunft zu ziehen.

  8. Manage Deine Emotionen im Falle von Angriffen, besonders wenn sie via den öffentlichen Medien erfolgen! Behalte immer Dein oberstes Ziel im Auge!

    Behalte immer im Auge, dass es in der Regel nicht um Dich geht. Du bist nur das „Gesicht” der Behörde. Kann zum Beispiel eine Feuerwehr beleidigt sein? Ihre Mitglieder ja, aber die Organisation? (siehe auch http://www.zjs-online.com/dat/artikel/2013_1_671.pdf) Und was hilft es, den betroffenen Menschen, wenn Du beleidigt bist? Nach dem Einsatz ist immer noch genügend Zeit, um auf Angriffe zu reagieren. Und wenn Du als der „Schlechteste Einsatzleiter aller Zeiten – als Depp der Nation” dargestellt wirst – was soll’s? Bedenke immer, wer dies über Dich sagt und in welcher Situation er sich dabei befindet.

Eine extra Regel zum Schluß:

Ignoriere die Regeln 1- 8, wenn es notwendig ist!
Denn unser oberstes Ziel ist es, die Not der betroffenen Menschen zu lindern, nicht Standardregeln umzusetzen!

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Und dann noch ein Tip: Bereite Dich vor!

Helfer mögen spontan sein – ihr Management sollte es aber nicht!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten

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