Posted On 18. August 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1645 Views

Wann soll ich wie entscheiden?

follow and like us:
0

Justin Fox unterscheidet in „From ‘Economic Man’ to Behavioral Economics”, Havard Business Review 05/15, 79-85 drei Arten von Entscheidungsfindung:

  • rational,
  • heuristisch und
  • aus dem Bauch heraus

Welche ist in welcher Situation anzuwenden?

In früheren Blogs habe ich bereits das Thema Entscheidungsfindung mehrfach aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, z. B.:

Diesmal möchte ich kurz die drei Methoden nach Fox darstellen und mich dann darauf konzentrieren, wann welche Methode die größte Wahrscheinlichkeit bietet, keine Fehler zu machen. Allerdings gibt es nie eine 100% Sicherheit, die richtige Entscheidung zu treffen.

IMG_2702

Rationale Entscheidungsfindung

Die rationale Entscheidungfindung ist diejenige, die in der FwDV / DV 100 vorgeschrieben wird. Es sind Informationen zu sammeln, diese zu analysieren, Einsatzoptionen zu erarbeiten, diese zu bewerten, eine Entscheidung zu treffen, diese in Befehle oder Anforderungen zu überführen und den Output zu kontrollieren. (siehe meinen Blog „Führungsvorgang”)

Grundannahme dieses Verfahrens (auch Decision Analysis genannt) ist, dass der Stab über alle notwendigen Informationen zur Zeit der Planung verfügt. Mittels mathematischer Methoden des Operations Research können auch ungewisse Ereignisse berück-sichtigt werden, wenn deren Eintrittswahrscheinlichkeiten bekannt sind.

Der Vorteil dieses Verfahrens ist dessen Konsistenz, Rationalität und das es erlernbar ist. Nachteile sind der hohe Zeit- und Infor-mationsbedarf sowie der hohe Bedarf an menschlicher kognitiver Leistungsfähigkeit.

 

Heuristische Entscheidungsfindung

Die Theorie zu dieser Art von Entscheidungsfindung geht auf die Arbeiten von Tversky und Kahneman zurück. Danach nutzen Menschen bei der Entscheidungsfindung eine begrenzte Anzahl von Daumenregeln (Heuristiken). Gerade wenn die Informa-tionsmenge zu groß ist und keine Zeit für die rationale Entscheidungsfindung zur Verfügung steht, werden diese Heuristiken als „Abkürzungen” im Entscheidungsprozess genutzt. Nach Klein benötigt man für verlässliche Intuitionen voraussagbare Situatio-nen und die Möglichkeit zu lernen. Gigerenzer betont, dass wenn unzuverlässige Informationen vorliegen, das Problem zu simplifizieren ist und Daumenregeln angewendet werden müssen. (siehe „Intuitive Entscheidungsfindung im Bevölkerungs-schutz„)

Die Stärke der heuristischen Entscheidungsfindung ist, dass sie auf beobachteten Geschehnissen beruht. Wobei allerdings es immer problematisch ist, abzuschätzen, inwieweit die Erfahrung mit dem anliegenden Problem übereinstimmt.

IMG_2618

Entscheidungsfindung aus dem Bauch heraus

Steht man neuen Situationen gegenüber, so kann man auf seine Heuristiken nicht zurückgreifen. Muss man nun schnell ent-scheiden, so hat man sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

Diese Verfahren ist sehr einfach. Es werden keine externen Informationen benötigt. Allerdings ist nicht vorauszusagen, ob das Bauchgefühl einem nicht trügt.

 

Wann soll welche Methode angewandt werden?

Fox kommt zu dem Schluss, dass eine Mischung aus allen drei Methoden den größten Erfolg verspricht und schließt seinen Artikel mit dem Bekenntnis: „It may be that good decision making looks like the dynamic between Star Trek’s Captain Kirk and Mr. Spok,…”.

 

Was bedeutet dies für den Bevölkerungsschutz?

Wann sollen Sie welche Methode anwenden? Nach Fox sollen Sie eine Mischung aller Methoden nutzen. Aber in welcher Situation welche Methode?

In der Ausbildung sollten Sie mit dem Erlernen der rationalen Entscheidungsfindung beginnen. In Planbesprechungen und Fall-studien sollten Sie entsprechend der FwDV / DV 100 unterschiedliche Einsatzoptionen erarbeiten, bewerten und dann Ihre Ent-scheidung treffen. Lassen Sie sich Zeit dafür. Es ist hier nicht notwendig, in Echtzeit zu spielen. Vielmehr sollten Sie Ihre Gedan-kengänge mit andere diskutieren. Dadurch erlernen Sie nicht nur die Methode sondern bauen gleichzeitig „Erfahrungen” auf, die Sie später nutzen können. Dieses Verfahren ist in der Offiziersausbildung vieler Armee seit Jahrzehnten etabliert und wird in Stabsreisen (Fallstudium, theoretische Diskussion, schriftliche Ausarbeitungen, Besuch des Schlachtfeldes und danach nochmals theoretische Beschäftigung mit den Entscheidungen) nahezu zelebriert.

Wenn Sie sattelfest in dieser Methode sind, sollten Sie in Ihrer Ausbildung einen Schritt weitergehen und zusätzlich Echtzeit-übungen  durchführen. Vorteilhaft ist es, wenn Sie erstmal ein Übungsszenario wählen, von dem Sie keinerlei Vorkenntnisse besitzen (z. B. Mondlandung) und Sie nur Ihren gesunden Menschenverstand anwenden können. Dann machen Sie sich keine Gedanken über besondere Spezifika oder ob alle Übungsannahmen wirklich realistisch sind, sondern Sie können sich ganz auf die Beherrschung der Entscheidungsfindungsmethoden konzentrieren. Am meisten lernen Sie aus Übungen, wenn Sie unmittelbar im Anschluss eine umfangreiche, schonungslose und offene Aussprache durchführen. Schriftliche Übungsauswertungen, Wochen nach der Übung veröffentlicht, haben nicht annähernd diesen Lernwert.

Als nächsten Schritt stehen dann die Echtzeitübungen mit einem realen / realistischen Szenario an. Dabei sollten Sie die Übungen so realistisch wie möglich durchführen: nutzen Sie Ihre eigenen Führungsmittel, üben Sie mit Ihren Nächst-unterstellten,…. „Train as you Fight” wie die Militärs sagen.

IMG_2615

Bei den Echtzeitübungen wie im Realfall müssen Sie alle drei Methoden lageangepasst anwenden. Dabei sollten Sie auch hier die rationale Entscheidungsfindungsmethode bevorzugen. Dazu benötigen Sie – wie oben beschrieben – Ressourcen, im wesentlichen Zeit. Zum Einsatzbeginn, in der so genannten Chaosphase, haben Sie diese aber gerade nicht. Wie ich in „Führen durch das Chaos” beschrieben habe, müssen Sie anstreben, die Chaosphase zu verlassen und eine der drei anderen Phasen (einfach, komplex, kompliziert) etablieren. Sie müssen sich Zeit „erkaufen”, um Strukturen aufzubauen und soweit vor die Lage zu kommen, dass Sie die rationale Entscheidungsfindungsmethode anwenden können. Dies schaffen Sie durch die Nutzung der heuristischen Methoden, wenn Sie über viel Erfahrungen aus eigenen Einsätzen oder aus Fallstudien und Übungen verfügen. Andernfalls müssen Sie auf Ihren Bauch vertrauen.

In den drei Phasen einfach, kompliziert und komplex kommt es immer wieder vor, dass die Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht, trotz aller Maßnahmen nicht für die rationale Methode ausreicht. Dann müssen Sie wieder heuristisch oder aus dem Bauch entscheiden. Deshalb sollten Sie die zu treffenden Entscheidungen nach Ihrer Wichtigkeit einteilen und für die wichtigsten Entscheidungen die meiste Zeit reservieren. Als erstes sollten Sie so viel wie möglich delegieren (siehe „Führen mit Auftrag”) Dann sollten Sie die übrig gebliebenen Entscheidungen einteilen in Standardentscheidungen und außergewöhnliche. Für die erste Gruppe verwenden Sie Heuristiken, wie Checklisten, Standardeinsatzregeln usw.. Wichtig ist dabei immer, dass Sie den Output regelmäßig kontrollieren, während des Einsatz lernen und Ihre Heuristiken ansprechend anpassen (siehe „Agile Einsatz-planung”). Nun haben Sie – hoffentlich – genügend Zeit, um die wichtigen Entscheidungen rational treffen zu können.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
follow and like us:
0

Tags : , , , , , , , , ,

LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com

Enjoy this blog? Please spread the word :)

RSS35
Facebook0
Facebook
Twitter20
LinkedIn
Google+
http://jemps.de/wann-soll-ich-wie-entscheiden/
Follow by Email