Posted On 17. Mai 2016 By In Aus- und Fortbildung, Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1498 Views

Wahrnehmungs- und Urteilsfehler

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Fallgruben bei der Übungsevaluation

Übungsbewertungen sind ein sehr wichtiger Teil einer jeden Übung. (siehe z. B. Blog „Auswertung von Stabsübungen”). Dabei versteht man unter Beobachten das Sehen, Hören und Fühlen mit der Absicht, Schlussfolgerungen aus den Beobachtungen zu ziehen. Jeder Übungsbeobachter unterliegt dabei Wahrnehmungsfehler (biases). Sie liegen in der Person des Beobachters und sind unvermeidbar. Sie können lediglich durch Ausbildung, Erfahrung und Vorbereitung vermindert werden.

Im folgenden möchte ich auf die Wahrnehmungsfehler eingehen, die bei Übungsbeobachtungen in der Regel den größten Einfluss haben. Danach werde ich einige Methoden angeben, wie man solche Wahrnehmungsfehler begegnen kann.

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Häufig auftretende Fehler

 

Übungsbeobachter als guter Gast

Einige Übungsbeobachter sehen sich als Gäste der übenden Organisation. Als gute Gäste vermeiden sie zu negative Bewertungen. Sie neigen dann dazu gewisse Aspekte überhaupt nicht zu bewerten oder aber eine durchschnittliche / befriedigende Bewertung abzugeben.

 

Selbstbeweihräucherung

Es gibt aber auch Übungsbeobachter, deren Hauptziel es ist, die eigene Kompetenz darzustellen. Da sie ja als Evaluatoren / Schiedsrichter eingesetzt werden, sind sie natürlich bessere Krisenmanager als die Übenden. Sie bewerten die Leistungen immer negativ und geben sich häufig schon in der Vorstellungsrunde als die Helden des Bevölkerungsschutzes zu erkennen.

 

Aufmerksamkeitsabwendung

Übungsbeobachter, die zum Beispiel erschöpft sind, durch Medikamente oder Alkohol beeinflusst sind, sich langweilen oder beruflich bzw. privat stark eingebunden sind, verlieren schnell das Interesse an der Übung und konzentrieren einen Großteil ihre Hirnkapazitäten auf andere Gedanken. Dies führt dazu, dass sie die Übung nur noch oberflächlich beobachten und viele Einzelheiten übersehen.

Selektion

Da unsere Gehirnleistung begrenzt ist, müssen wir die Informationen, die auf uns einströmen, selektieren, mit der Folge, dass wir nicht alles wahrnehmen, was in einer Übung passiert. Dies geschieht ständig und vollkommen unbewußt. Diese Selektion wird von unseren Erfahrungen beeinflusst. Und so ist es die Regel, dass unterschiedliche Personen unterschiedlich selektieren.

 

Subjektivität der Interpretation

Jede Interpretation einer Information ist subjektiv. Der Mensch ist nicht in der Lage, die Realität objektiv wahrzunehmen. Die Informationen, die wir selektiert aufnehmen, bauen wir in eine für uns schlüssige Geschichte ein. Diese Geschichte ist aber von unseren Erfahrungen abhängig, so dass jeder von uns immer ihre / seine eigene Geschichte kreiert.

Wir haben es also mit einer doppelten auf unsere Erfahrungen basierende Verzerrung der Realität zu tun.

 

Bestätigungsfehler

Darunter wird unsere Neigung verstanden, eher nach Informationen zu suchen, die unsere Erwartungen bestätigen als nach solchen, die ihnen widersprechen. Diese Neigung kommt auch bei der Interpretation von oder dem Erinnern an Informationen vor.

 

Ankerheuristik

Bestimmte Informationen (oft die ersten, aber es können auch vollkommen irrelevante sein) beeinflussen unsere  Entscheidungsfindung. Durch diese Informationen wird in unseren Überlegungen ein „Anker” gesetzt, um den sich unsere weiteren Überlegungen drehen. So kann es passieren, dass ich einen Münchener Stab überdurchschnittlich gut beurteile, weil ich letzte Nacht den FC Bayern im Fernsehen genossen habe – es sei denn ich bin ein Fan der unterlegenden Mannschaft.

 

Halo-Effekt

Wenn wir einmal eine positive Eigenschaft einer Person festgestellt haben, neigen wir dazu, daraus zu schließen, dass auch andere Eigenschaften dieser Person positiv sind, ohne dafür einen Beweis zu besitzen. (Heiligenschein-Effekt)

Genauso ergeht es uns häufig im umgekehrten Fall (Teufelshörner-Effekt).

 

Kontrast-Effekt

Wir bewerten einen Person oder deren Handlung besser bzw. schlechter, wenn wir sie mit einer anderen Person oder Handlung vergleichen. So bewerten wir einen Mittelklassewagen besser, wenn wir unmittelbar davor, Kleinwagen bewertet haben. Dagegen schlechter, wenn wir vorher Luxuslimousinen betrachtet haben.

 

Positionseffekt

Nimmt ein Mensch eine Reihe von Informationen nacheinander auf, so erinnert er sich an die erste und die letzte Information am besten. Übrigens sollte man dies auch bei Lagevorträge und Lagemeldungen beachten.

 

Eigengruppen-Verzerrung

Menschen beurteilen die Leistungen von Personen, die zu einer gleichen Gruppe wie wir selber gehören, positiver als die anderer Personen. Gerade in sehr homogenen Gruppen, in denen die Angehörigen noch Uniformen tragen oder in sehr elitären Gruppen tritt dieser Effekt verstärkt auf.

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Vermeidungsstrategien

Der erste Schritt ist anzuerkennen, dass wir Wahrnehmungsfehler unterliegen. Dazu dient unter anderem dieser Blog. Aber ihn zu lesen, ist sicherlich nicht ausreichend. Eine entsprechende Schulung kann ich nur anraten. (Leider ist das Angebot an entsprechenden Schulungen derzeit eher gering – voran ich nicht ganz schuldlos bin.)

Dann sollte jeder Beobachter strukturiert vorgehen. Dabei sollte er folgende Ratschläge befolgen:

  • Fokussiere Dich auf die Übungsziele.
  • Spalte die einzelnen Ziele in kleine, konkrete, nicht überlappende Einzelfragestellungen auf.
  • Notiere Deine Beobachtungen sofort.
  • Nutze das Vier- oder Mehraugen-Prinzip für möglichst jede Fragestellung.
  • Notiere, welche Wahrnehmung Du bei wem festgestellt hast (Funktion, Verantwortlichkeit,…).
  • Unterscheide zwischen
    • Inhaltsaspekte
      • Liefert die betrachtete Person Arbeitsergebnisse, die in ihren Zuständigkeitsbereich fällt?
      • Werden die durch die Einsatzleiterin vorgegebene Prioritäten berücksichtigt?
      • Wie ist die Qualität der Entscheidungen? (was schwer zu messen ist)
      • Wie ist die Quantität der Entscheidungen?
      • Welches Fachwissen zeigt die Person?
      • Werden Ratschläge aus den Reihen des Stabes (z. B. von den Fachberatern) berücksichtigt?
    • Organisationsaspekte
      • Wie ist der Prozess der Stabsarbeit?
      • Werden vorgefertigte Prozeduren wie Standardeinsatzregeln angewendet?
      • Werden die Werkzeuge der Stabsarbeit wie Lagekarte, Lagebesprechungen usw. sinnvoll angewendet?
      • Werden interne und externe Arbeitsvereinbarungen (z. B. alle Stunde eine 5-minütige Lagebesprechung oder einmal am Tag eine gemeinsame Lagebesprechung von Verwaltungs- und Führungsstab) getroffen und eingehalten?
      • Hält sich jeder an diese Absprachen?
    • Verhaltensaspekte
      • Hört jeder dem anderen zu oder wird sich gegenseitig unterbrochen?
      • Kommunizieren die Stabsmitglieder verbal und nonverbal in einer angemessen Art und Weise?
      • Nutzen sie dabei eine für alle verständliche Sprache?
      • Kann jedes Stabsmitglied adäquat an der Entscheidungsfindung teilhaben?
      • Unterstützen sich die Stabsmitglieder bei Bedarf untereinander?

Und besonders wichtig:

  • Notiere Dir Wahrnehmungsfehler, die Du bei Dir oder anderen festgestellt hast!

Nach der Übungsbeobachtung solltest Du Deine Wahrnehmungen im Lichte der Wahrnehmung  anderer Personen reflektieren. Dazu bietet sich an, mit den Übenden unmittelbar nach der Übung eine erste Übungsaussprache durchzuführen (Hotwash). Auch eine Aussprache mit den anderen Übungsbeobachtern und / oder den Angehörigen der Steuerungsgruppe ist sinnvoll.

Nach diesen verschiedenen Besprechungen sollest Du Deine Aufzeichnungen nochmals kritisch überarbeiten.

Allerdings solltest Du hier nicht der Versuchung unterliegen, zur Mehrheitsfraktion gehören zu wollen. Eine Gefahr, die wir alle immer wieder ausgesetzt sind.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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