Posted On 20. Dezember 2016 By In Aus- und Fortbildung, Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 2640 Views

Vergeßt die Einsatzkräfte nicht!

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Oder warum wir nicht aus Fehlern lernen!

Wenn ich an Einsatz- und Übungsevaluationen teilnehme bzw. Berichte über solche lese, muß ich häufig feststellen, dass wir viele Ursachen für mangende Einsatzleistungen bereits im Ratslehrgang an der damaligen Landesfeuerwehrschule in Münster diskutiert haben. Nach mehr als 25 Berufsjahren davon mehr als 10 Jahre in der Aus- und Fortbildung ist das schon eine etwas bittere Erkenntnis.

Ein Grund ist sicherlich die weit verbreitete, aber falsche Auffassung, dass ein Bericht einer Übungs- oder Einsatznachbetrachtung „Lessons learnt” beinhaltet. Er enthält im bestens Fall erkannte Bereiche, in denen die Qualität unserer Arbeit zu steigern ist. Menschen und Organisationen haben erst dann etwas gelernt, wenn sie ihr Verhalten geändert haben. Der entscheidende Schritt vom Feststellen und Aufzeigen von Defiziten zu deren Beseitigung wird häufig unterlassen. So ist es kein Wunder, daß sich manche Defizite immer wieder in den Berichten finden lassen.

 

Ursachenanalyse

In den Berichten werden oft nicht die eigentlichen Gründe einer nicht optimalen Leistung angegeben sondern deren Folgen. „Grund” ist hier sehr wörtlich zu nehmen: der Analyst muss im trüben Teich der Folgen bis auf den Grund hinabtauchen, die eigentliche Ursache finden und ans Licht bringen. Eine geeignete Methode ist die sogenannte „Why-Staircase” -Methode.

Why-Staircase.001

Wenden Sie diese Methode an, werden Sie häufig feststellen, dass irgendwann einmal vor dem analysierten Einsatz bzw. der Übung die Einsatzkräfte bei einer Entscheidung vergessen worden.

Beispiel

In vier Bereichen findet sich üblicherweise die Ursache für einen nicht optimalen Einsatz:

  • gesetzliche und politische Rahmenbedingungen
  • Organisatorische Rahmenbedingungen
  • verwendete Technologie
  • Einsatzkräfte

Zur Selbstrechtfertigung eignet sich der erste Bereich besonders gut. Aber bevor wir auf die gewählten Volksvertreter verweisen, sollten wir uns erst einmal fragen, ob wir im Rahmen der gesetzlichen und politischen Vorgaben wirklich das Bestmögliche erreicht haben. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auf die 2. Stufe der „Warum-Treppe” hinabsteigen, z. B. bei der verwendeten Technologie:

    • Ist sie für den Einsatzzweck geeignet?
    • War sie voll funktionsfähig?
    • Ist sie fehlerhaft bedient wurden?

Wenn sie fehlerhaft bedient wurde, müssen wir auf der 3. Stufe fragen:

  • Beherrschten die Einsatzkräfte, die die Technologie bedienten, diese nicht, oder besteht ein generelles Problem?
  • Im ersten Fall: warum wurden sie in diese Funktion eingeteilt?
  • Im zweiten Fall: warum ist dies so?

Auf der 4. Stufen im zweiten Fall:

  • Warum beherrschen die überwiegende Anzahl der Einsatzkräfte die Technologie nicht?
    • War die Ausbildung bzw. ist die Fortbildung nicht ausreichend?
    • Verfügen die Einsatzkräfte nicht über die notwendigen Fähigkeiten bevor sie zu uns kommen?

Die Fragen der 4. Stufe betreffen also die Ausbildungs- bzw. Personalabteilung einer Feuerwehr. Sollte als Ursache folgen, dass der Markt einfach nicht genügend geeignete Einsatzkräfte für eine Technologie trotz aller Werbemassnahmen zur Verfügung stellt, ist der eigentliche Grund die Beschaffung der Technologie.

Vermeiden von Fehlern

Denkt man einmal den obigen Prozess vor einer Entscheidung fiktiv durch, so können unter Umständen zukünftige Mangelleistungen vermieden werden. Folgendes fiktives Beispiel soll dies veranschaulichen.
Eine Mitarbeiterin der Technikabteilung sieht auf einer Messe einen neuen hydraulischen Spreizer, der wenig wiegt, aber trotzdem eine deutlich stärkere Spreizkraft aufweist, als alle anderen auf dem Markt befindlichen Geräte. Er hat nur einen Nachteil: er kann nur von Linkshändern bedient werden. Vor der Beschaffung sollte die Mitarbeiterin bei ihrem Kollegen der Einsatzabteilung nachfragen, ob für solch ein Gerät überhaupt ein Bedarf besteht. (Technische Denkmäler haben schon genügend Abteilungsleiter Technik hinterlassen.) Dies kann anhand der Risikoanalyse und Einsatznachbereitungen ermittelt werden. Bei einer positiven Antwort sollte die Mitarbeiterin einen Kollegen in der Ausbildungsabteilung fragen, ob die Abteilung in der Lage ist, die eigenen Feuerwehrleute entsprechend den Anforderungen zu Linkshänder umzuschulen. Dabei ist zu beachten, dass ja weiterhin auch noch andere Fähigkeiten zu schulen bzw. zu trainieren sind. Falls eine entsprechende Schulung nicht durchführbar ist, muss die Personalabteilung sicherstellen, dass sie zukünftig in der Lage sein wird, genügend geeignete Linkshänder untern den Bewerbern zu rekrutieren. Sollte sie dies nicht können, sollte die Mitarbeiterin den Spreizer nicht beschaffen. Eine Technologie, die von den Einsatzkräften nicht verwendet werden kann, hat den Einsatzwert Null – selbst wenn sie in den Händen des Herstellers den höchsten Einsatzwert besitzt, der derzeit auf dem Markt zur Verfügung steht.

Vor der Beschaffung hat also eine intensive Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Abteilungen zu erfolgen.

Drohne photo

Forschung

Auch Forscher bzw. forschende Feuerwehrleute sollten sich u.a. folgende Fragen einmal stellen, bevor sie viel Ressourcen in ein Projekt stecken:

  • Besteht ein Bedarf? Wenn ja:
  • Kann die Technik von ausreichend vielen Einsatzkräften erlernt werden? Wenn nein:
  • Können genügend neue Einsatzkräfte rekrutiert werden?
  • Übersteigt der Nutzen der neuen Technologie die Entwicklungs- und Beschaffungskosten?

Drohne photo

Über diese Fragen denke ich zum Beispiel seit einiger Zeit nach, wenn ich etwas über Aufklärungsdrohnen lese:

  • Welchen einsatztaktischen Mehrwert haben Drohnenbilder? Welche Entscheidung in welcher Situation würde eine Einsatzleiterin anders treffen, wenn sie über Drohnenbilder verfügen würde?
  • Wer kann und darf Aufklärungsdrohnen wann und wo fliegen?
  • Wer kann ein Drohnenbild einsatztaktisch interpretieren? Wie sind z. B. die Größenverhältnisse bei einer Abbildung aus einem schrägen Winkel, wenn entsprechende Maßstäbe auf dem Bild fehlen?
  • Und lohnen sich die Kosten?
    (Wenn nur ein Menschenleben mittels einer neuen Technologie gerettet werden kann, lohnt sich die Beschaffung. Aber gilt dies auch, wenn Drohnen zur Aufklärung bei einem Vollbrand einer Lagerhalle eingesetzt werden?)

Bei allen Beschaffungen und technischen Entwicklungen / Forschungen ist ein intensiver Austausch mit den Anwendern, nicht nur deren Vorgesetzten anzustreben. Und nach der Einführung sind die Erfahrungen der Einsatzkräfte möglichst schnell, umfassend und Deutschland weit zu verbreiten und zu diskutieren. Hier würde ein „Feuerwehr-Intranet” gute Dienste leisten.

Denken photo

Vor der Entscheidung an die Einsatzkräfte denken!

Weisheit und vor allem Einsatzerfahrung erlangt man nicht durch die Verleihung von goldenen Dienstgradabzeichen. Gelegentlich mit Einsatzkräften einen Kaffee trinken und zuhören, ist immer eine gute Möglichkeit um auf dem Weg zu Lessons Learnt voranzukommen.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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