Posted On 24. Januar 2017 By In Bevölkerungsschutz With 1152 Views

Qualität – Stolz – Vertrauen – Respekt 

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Oder was ist eigentlich die Aufgabe einer Feuerwehr?

Ein Blick auf das letzte Jahr offenbart eins: Die Feuerwehr Rautheim war erfolgreicher als die Berliner Feuerwehr. Zumindest wenn man die Anzahl der zu beklagenden Brandtoten als Maßstab wählt. Selbst bei der Kennzahl Brandtote pro 1.000 Einwohner schneiden die Rautheimer Kameraden immer noch besser ab als die Berliner. Gratulation! Können wir daraus schließen, dass die Rautheimer Feuerwehr besser ist als die Berliner? Sicherlich nicht: In Rautheim (ein Stadtteil Braunschweigs, in dem keine 5.000 Einwohner wohnen) war im letzten Jahr kein Brandtoter zu beklagen, so dass bei einer Kennzahl die dieses Kriterium beinhaltet, die Kameraden immer sehr gut abschneiden. Wird allerdings die Kennzahl aus einem Haus gerettete Personen betrachtet, so schneidet die Berliner Feuerwehr deutlich besser ab als die Rautheimer. Gratulation an die Berliner!

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Aufgabe der Feuerwehr

Jeder von uns stellt sich sicherlich von Zeit zu Zeit die Frage, wie gut ist eigentlich meine Feuerwehr? Das ist nicht leicht zu beantworten. Die KGST bemüht sich zusammen mit einigen Feuerwehren schon seit einigen Jahren um eine befriedigende Antwort [http://www.kgst.de/themenfelder/buergerservice-ordnungswesen/feuerwehr/index.dot]. Bei der Aufstellung der kommunalen Haushalte sowie bei der Erstellung von Bedarfsplänen wird diese Frage vielerorts sehr emotional gefügt. Auch das Beauftragen von Beratungsunternehmen – kleinen besonders auf diese Fragestellung spezialisierten oder weltweit agierenden – hatte bisher noch keinen durchschlagenden Erfolg. So nimmt es nicht Wunder, dass immer wieder Forschungsarbeiten zu diesem Thema initiiert werden; von der berühmten ORBIT-Studie bis zur TIBRO-Studie. (Hier lohnt sich mal zu googlen, um die Vielzahl der Artikel zu diesem Themenfeld zu studieren.)

Grundlage vieler dieser Arbeiten ist die Idee, dass die Feuerwehr etwas produziert. Produkte sind: Brandbekämpfung, technische Hilfeleistung usw.; Qualitätsmerkmale Anzahl der entsandten Feuerwehrleute, Eintreffzeiten usw.. Eric Saylors schlägt in seinem Artikel „Fire departments are response models, not production models” [https://medium.com/elitecommandtraining/fire-departments-are-response-models-not-production-models-f7943d5c623d#.vultqgvnb] einen anderen Ansatz vor. Er vergleicht die Feuerwehr mit den weissen Blutkörperchen. Die produzieren in der Regel – im Gegensatz zu den roten – nichts. Aber wenn der menschliche Körper angegriffen, in seiner Existenz bedroht wird, nehmen sie ihre wichtige Aufgabe wahr. Die weißen Blutkörperchen liefern also eine hohe Qualität, wenn sie jeden Angriff abwehren – nicht wenn sie ein gewisses Produkt möglichst effektiv und effizient zur Verfügung stellen.

Ich möchte ein andere Analogie bemühen: die Krankenkasse. Ich bin am glücklichsten, wenn ich meine Krankenkasse nicht in Anspruch nehmen muss. Während dieser Zeit erwarte ich, dass sie mir das Gefühl gibt, im Bedarfsfall für mich da zu sein, mich zu unterstützen, meine „gesundheitliche Sicherheit“ zu garantieren. Ansonsten erwarte ich, dass sie meine Beiträge nicht sinnlos verschleudert. Versicherungen wie öffentliche Feuerwehren stehen nämlich dem so genannten AMG-Problem gegenüber. AMG = „Anderer Menschen Geld”. Wenn Sie sich ein Privatfeuerwehr leisten möchten, können Sie sie mit Ihrem Geld gestalten, wie Sie möchten, als Angehöriger einer öffentlichen Feuerwehr ist Ihnen dies nicht möglich.

Lassen Sie uns deshalb einmal diesen dritten Ansatz versuchen! Meines Erachtens ist die Aufgabe einer Feuerwehr bei den Menschen in ihrem Zuständigkeitsbereich ein Sicherheitsgefühl – Lebensqualität zu erzeugen. Wie kann nun dieses erzeugt werden?

Dazu müssen die Angehörigen der Feuerwehr jederzeit – ich meine wirklich jederzeit, auch außerhalb des Dienstes – dieses Gefühl in ihren Mitmenschen generieren. Also erste Aufgabe für Angehörige einer Feuerwehr: Leben Sie Feuerwehr!

Wie zeigen wir nun, dass unsere Feuerwehr eine gute Feuerwehr ist? Ich möchte hier nur auf drei Aspekte eingehen: Stolz, Vertrauen, Respekt.

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Seien Sie stolz auf Ihre Feuerwehr
und zeigen Sie dies durch Ihr Auftreten, Ihr Verhalten, Ihr Reden!

Wenn Sie nicht von der Leistungsfähigkeit und dem Wert Ihrer Feuerwehr überzeugt sind, wie sollen es dann die Anderen? Tun Sie Gutes und reden sie angemessen davon. Zeigen Sie auf, was gut aber auch was einmal nicht so gut gelaufen ist. Seien Sie kritisch mit Ihren Leistungen. Dann können Sie auch erwarten, dass Andere Ihre Leistungen fair beurteilen.

Hier fällt mir eine Redewendung ein, die ich in Stuttgart lernen durfte und jede Führungskraft als Negativbeispiel an die Frühstückstasse kleben möchte: „it gschompfa isch globt gnuag” (auf Hochdeutsch: „Nicht geschimpft, ist gelobt genug”). Loben Sie die Angehörigen Ihrer Feuerwehr, damit diese stolz auf sich sind!

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Bauen Sie Vertrauen auf!

Wie macht man das? Grundvoraussetzung ist, dass Sie denjenigen vertrauen, die ihnen vertrauen sollen. Ich erinnere mich an manche heftige Diskussionen zwischen uns Feuerwehrangehörigen und den gewählten Vertretern der Bürgerinnen und Bürger. Warum sollten eine Bürgermeisterin oder ein Stadtrat der Feuerwehr schlechtes wollen? Weshalb sollten diese Entscheidungsträger grundlos unsere Budgets kürzen? Das sie gottesgläubig auf das Sankt- Florian-Prinzip – „Heiliger Sankt Florian / Verschon‘ mein Haus / Zünd‘ and’re an!” – setzen, glaube ich nicht. Aber solange wir als Feuerwehrangehörige, als Experten bei jeder Diskussion sofort mit den Leichentüchern wedeln, werden wir als unseriös angesehen. Folge sind u. a. die vielfach gehörten Argumente: „Die Feuerwehrangehörigen wollen ja nur wieder ein neues Spielzeug” bzw. „Da möchte sich jemand ein Denkmal setzen”.
Bedarfsplanung ist schwer zu verstehen und noch schwerer zu erläutern. Aber dass bei einem neunzigprozentigen Erreichungsgrad der Hilfsfrist von 8 Minuten die Feuerwehr die betroffenen Menschen aus einem brennenden Haus rettet und bei einer Hilfsfrist von 10 Minuten nicht, ist irgendwie sehr merkwürdig. Und dann das Ganze noch als wissenschaftliche Erkenntnis darzustellen, nährt bei manchen Laien den Verdacht, dass da irgendetwas in der Argumentation nicht stimmt. Fragen Sie mal einen Arzt, wie lange ein Mensch unter Wasser überleben kann. Sie werden sicherlich als Antwort bekommen: „Das kommt darauf an!” Und die Atemumgebung für einem Menschen unter Wasser ist eindeutiger beschreibbar als für einen Menschen in einem Wohnungsbrand. Das die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen zu schaden kommen, umso länger die Zeit bis zur Rettung dauert, leuchtet hingegen jedem ein.

Also vertrauen wir mal unseren Mitmenschen, unseren Entscheidungsträgern in den politischen Gremien. Glauben wir ihnen, dass sie Gutes für die Menschen erreichen möchten und erläutern wir ihnen, welche Folgen, die einzelnen Alternativen (alternativlos ist bei der Bedarfsplanung oder Beschaffungsprozessen kein Vorschlag) nach sich ziehen würden. Und zwar so, dass diese es verstehen!

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Zeigen Sie Respekt

 Wir fordern zu recht Respekt von unseren Mitmenschen – siehe z. B. die Kampagne „Keine Gewalt gegen Einsatzkräfte”. Aber auch hier gilt, wie bereits Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (1207-1273) feststellte: wer andere mit Respekt behandelt, wird selber respektiert werden. Besonders als Feuerwehrangehöriger haben wir im Dienst und privat alle Menschen respektvoll zu behandeln: die Banker wie die Obdachlosen, die Alten wie die Kinder, einen Demenzkranken genau so wie Stephen Hawing, einen Dresdner wie einen Flüchtling aus Aleppo oder Lagos! Ganz entsprechend unserem Jahrhunderte alten Leitspruchs: „Gott zu Ehr, dem Nächsten zur Wehr!”

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung: Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Grundsätze, die ich hier beschrieben habe, nicht immer leicht umzusetzen sind. Manchmal bin ich frustriert und schimpfe über meine Feuerwehr, die Feuerwehren und ihre Organisationen mit ihren Funktionären im allgemeinen. Aber dann frage ich mich, wenn alles so schlecht ist, warum bin ich dann noch Angehöriger meiner Feuerwehr. Die Antwort: sie ist gar nicht so schlecht und macht wirklich einen tollen und wichtigen Job!


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Meine Vorsätze für 2017

Sei Stolz auf Deine Feuerwehr und Deine Tätigkeit in ihr!

Vertrau Deinen Vorgesetzten und unterstellten Einsatzkräften!

Behandele Jedem zu jeder Zeit mit Respekt!

(Das hier für die Feuerwehren ausgeführte, gilt für alle Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben!)

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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