Posted On 19. Januar 2016 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 3018 Views

Spontanhelfer und Stare

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Können Spontanhelfer in den staatlichen Bevölkerungsschutz eingebunden werden? Mit dieser Frage beschäftigen sich seit einiger Zeit ein Vielzahl von Konferenzen, Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen (z. B. an der AKNZ, https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/BBK/DE/Downloads/AKNZ/AKNZ_Box_Jahresprogramm_2016.pdf?__blob=publicationFile) sowie eine Reihe von Artikeln (siehe z. B. DGSMTech e.V., http://dgsmtech.de). Und das  sowohl in Deutschland wie weltweit.

Leider kenn ich die Antwort (noch?) nicht!

Aber vielleicht finden wir sie ja in einem vollkommen anderen Gebiet: Beim Blick in die Natur frage ich mich, warum Stare, Ameisen, Bienen usw. als Gruppe so erfolgreich sind und welches Führungsmodell und welche Kommunikationsstrategien sie nutzen. Hierzu gibt es eine Reihe von beachtlichen Erkenntnissen aus dem Bereich der Verhaltensforschung.

Warum können zum Beispiel Stare besser eine große  Anzahl von Artgenossen führen und leiten als wir Menschen? Und was können wir von ihnen lernen?

Formationsflug der Stare

Zur Einstimmung auf die folgende Überlegungen bitte ich Sie, sich folgenden kleinen Film anzuschauen: https://www.youtube.com/watch?v=eakKfY5aHmY.
Wer ist der Dirigent dieses unfallfreien, auf äußere Einflüsse, Hindernisse usw. agil reagierenden Formationsfluges? Wer ist die verantwortliche Führungskraft? Wo ist das Hirn, das alle steuert? Und wie kommuniziert dieses Hirn mit allen einzelnen Entitäten?
Craig Reynolds vom Massachusetts Institute of Technology konnte die Bewegungen in einer Computersimulation nachahmen, in dem jedem Vogel-Avatar drei einfache Regeln zuwies:

  1. Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt (Separation)
  2. Bewege dich in dieselbe Richtung wie deine nächsten Nachbarn (Angleichung)
  3. Halte dich eng an deine nächsten Nachbarn (Kohäsion)

(siehe z. B. https://en.wikipedia.org/wiki/Flocking_(behavior) oder ausführlicher bezüglich der Nützlichkeit einfacher Regeln das Buch Simple Rules von Donald Sull und Kathleen M. Eisenhardt, in dem ich auf das Beispiel der Star-Formationsflüge gestoßen bin.) Es bedarf also keine Führungskraft, um solche Formationsflüge durchzuführen!

Könnte es sein, dass mittels Einhaltung einfacher Regeln, die Akteure im Bevölkerungsschutz (staatliche und nichtstaatliche Hilfsorganisationen, Spontanhelfer, Betroffene, Unternehmen, Polizeien, Bundeswehr,…) fähig werden, miteinander eine Katastrophe effektiv und effizient zum Wohle der Betroffenen abzuarbeiten, ohne dass sich jemand dem anderen unterordnen muss?

Sie werde vielleicht fragen, warum aber sollten sich die Akteuere freiwillig – ohne gesetzlichen bzw. quasi-gesetzliche Vorgaben – an Regeln halten? Vielleicht weil es für das Erreichen des Zieles – Abarbeitung der Lage – vorteilhaft ist? Oder vielleicht weil die eigene Reputation als professioneller Helfer gesteigert wird?

Code of Conduct der Humanitären Hilfe 

Das sich unterschiedliche Organisationen durchaus an Spielregeln halten, zeigt die internationale Humanitären Hilfe. Die Internationale Rotkreuz-/Rothalbmond-Bewegung (IFRC) und Nicht-Regierungsorganisationen der Humanitäre Hilfe haben 1994 einen Verhaltenskodex (Code of Conduct for The International Red Cross and Red Crescent Movement and NGOs in Disaster Relief) erarbeitet, der zwischenzeitlich von 595 Organisationen unterzeichnet wurde und an dem sich auch staatliche Organisationen (wie etwa das THW) weitestgehend halten (siehe http://www.ifrc.org/en/publications-and-reports/code-of-conduct/)

Bienen photo

Ansätze zum Aufstellen von Regeln

Sull und Eisenhart identifizierten vier Ansätze, um Regeln aufzustellen:

  1. Nutzung von eigenen persönlichen Erfahrungen – besonders effektiv für Regeln, die über eine lange Zeit weitergegeben wurden.
  2. Lernen von fremden Erfahrungen – besonders gut funktionierend, wenn die konkrete Situation möglichst genau mit der der angenommenen Erfahrungen übereinstimmt.
  3. Zusammenfassung von stichhaltigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu einfachen Regeln.
  4. Erarbeiten von einfachen Regeln durch gemeinsame Verhandlungen zwischen den einzelnen Interessengruppen.

Was bedeutet dies für den deutschen Bevölkerungsschutz?

Diese Ansätze auf den deutschen Bevölkerungsschutz angewandt, bedeuten:

  1. Da speziell zu der Zusammenarbeit zwischen staatlichen Organisationen und den Spontanhelfern in Deutschland nur wenige Erfahrungen vorliegen, scheidet dieses Ansatz meines Erachtens aus.
  2. Aber von anderen lernen, können wir schon. Über die meiste Erfahrung auf diesen Gebiet dürften die USA, Australien und Neuseeland verfügen. Bevor diese Erfahrungen allerdings eins zu eins auf Deutschland übertragen werden können, ist zu ermitteln, inwieweit die Situation in diesen Ländern mit der in Deutschland übereinstimmt. Neben Fragen der Organisation der Gefahrenabwehr sind u. a. auch soziokulturelle,  sozialpsychologische und rechtliche Aspekte zu betrachten.
    Aber auch Erkenntnisse über die Führung und Zusammenarbeit unterschiedlicher Entitäten aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften und der Militärwissenschaften können wertvolle Erkenntnisse liefern.
  3. Stichhaltige wissenschaftliche Erkenntnisse liegen derzeit noch nicht in dem Maße vor, dass aus ihnen Regeln ableitbar wären.
  4. Somit könnten erste brauchbare Regeln mittels eines „Runden-Tisches”, an dem sich eine repräsentative Auswahl der infrage kommenden Entitäten zusammenfindet, entwickelt werden. Solch ein Verfahren ist im deutschen Bevölkerungsschutz nicht vollkommen unbekannt: siehe z. B. die Konsensus-Konferenz, die grundlegende bundeseinheitliche Leitlinien und Standards zur psychosozialen Betreuung von Notfallopfern und Angehörigen nach schweren Unglücksfällen und Katastrophen sowie für die „Hilfe für Helfer“ aufstellte (http://www.bbk.bund.de/DE/TopThema/TT_2010/Konsensus-Konferenz.html).
    Im besten Fall wird ein itteratives Verfahren gewählt, bei dem zwischen den einzelnen Sitzungen des Runden-Tisches die Ergebnisse in Übungen überprüft werden.
    Auch ein „virtueller Runder-Tisch”, bei dem die Moderator-Organisation z.B. die Delphi-Methode nutzt, könnte schon wichtige erste Ergebnisse liefern.

Was können wir tun?

Da wir nicht wissen, wann die nächste Katastrophe Deutschland trifft, scheint mir ein paralleles Vorgehen zur Entwicklung von allgemein anerkannten Regeln bei der Zusammenarbeit im Bevölkerungsschutz der richtige Weg zu sein:

  1. Aufstellung der Erfahrungen aus Deutschland, u.a: Wo wurden Spontanhelfer eingebunden? Mit welchem Ergebnis? Welche Regeln wurden explizit und implizit genutzt?
  2. Welche Erfahrungen liegen aus anderen Ländern vor? Welche Unterschiede bestehen zwischen diesen Ländern und Deutschland? Wie müssen die Regeln der anderen Länder an die deutsche Situation angepasst werden?
  3. Welche Erfahrungen gibt es in der Wirtschaft und beim Militär? Wie unterscheiden sich deren Situationen von dem des deutschen Bevölkerungsschutzes? Wie müssen deren Regeln angepasst werden?
  4. Welche wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse können anderen Wissenschaften – z. B.: Soziologie, Psychologie, Kulturwissenschaften, Jura – beisteuern?
  5. Etablierung eines Runden-Tisches zur Aufstellung von Regeln.
  6. Überprüfung der Ergebnisse aus den obigen Schritten mittels möglichst realistischer (Simulationsunterstützter) Übungen.
    Solange kein Runder-Tisch etabliert ist, sollten die Interessierten ihre Meinung auf einer der vielen Internet-Plattformen zum Thema Bevölkerungsschutz darstellen und so eine möglichst breite Diskussion starten.

Um schnell erste Ergebnissen zu erzielen, bedarf es einige Arbeit. Aber es gibt viele engagierte Menschen in und außerhalb der Organisationen, die gerne über ihre „Leidenschaft” diskutieren.

kinder photo

Und dann sind da noch eine Heerschar von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Themen für Studienarbeiten, Thesen usw. suchen.
Es gibt also durchaus genügend Arbeitsbienen, die den Honig produzieren, von dem die Verantwortlichen saugen können.

Fangen wir gemeinsam an, es lohnt sich! Die nächsten Betroffenen – vielleicht sind wir es ja selber – werden dankbar sein!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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