Posted On 13. Januar 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1636 Views

Rationale Entscheidungsfindung im Bevölkerungsschutz

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Grundsätzlich gibt es zwei Methoden der Entscheidungsfindung: rational (nach Abwägen verschiedener Möglichkeiten) oder intuitiv (aus dem Bauch). Die FwDV / DV 100 schreibt im Punkt 3.3.2 den rationalen Prozess vor, Gary Klein empfiehlt in seinem Buch „Natürliche Entscheidungsprozesse” den Intuitiven.

In diesem und im nächsten Blog möchte ich beide Ansätze, beginnend mit dem Rationalen, kurz vorstellen.

 

Aussagen der FwDV / DV 100

Laut FwDV / DV 100 muss die Beurteilung auf die zielgerichtete Auswertung der Informationen aus der Lagefeststellung beruhen. Es sind die Vor- und Nachteile der möglichen Alternativen abzuwägen. Dabei sind folgende Fragen zu behandeln:

  • Welche Gefahren sind für Menschen, Tiere, Umwelt und Sachwerte erkannt?
  • Welche Gefahr muss zuerst und an welcher Stelle bekämpft werden?
  • Welche Möglichkeiten bestehen für die Gefahrenabwehr?
  • Vor welchen Gefahren müssen sich die die Einsatzkräfte hierbei schützen?

Mit den Antworten im Hinterkopf sind die eigentlichen Fragen zu beantworten:

  • Welche Vor- und Nachteile haben die verschiedenen Möglichkeiten?
  • Welche Möglichkeit ist die Beste?

Aber nach welchen Kriterien sollte die letzte – die entscheidende – Frage entschieden werden? Die FwDV/DV 100 fordert, „mit dem geringsten Aufwand den größtmöglichen Erfolg zu erzielen.”

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Ziele

Um zielgerichtet Informationen auswerten zu können, bedarf es zu allererst einmal Ziele. Diese ergeben sich aus dem Auftrag und den Leitlinien der Einsatzleiterin.

Bei größeren Einsatzlagen müssen u. U. mehrere Ziele verfolgt werden. Für die weitere Planung sind sie mit einer Priorität zu versehen. Es darf keine zwei Ziele mit gleicher Priorität geben, ansonsten ist keine Entscheidungsgrundlage vorhanden. Das Anwenden des „Gießkannenprinzips” ist keine einsatztaktische Entscheidung.

 

Ökonomisches Prinzip
Die Forderung der FwDV/DV 100 mit geringstem Aufwand den größtmöglichen Erfolg zu erzielen, erinnert an das ökonomische Prinzip. Es gibt drei Optimierungsmöglichkeiten:

a) Minimierung des Inputs (Mitteleinsatz) bei festgeschriebenem Output (Erfolg)

b) Maximierung des Outputs bei festgeschriebenem Input

c) Suchen von Nebenminima für Input und Output, sodass das Verhältnis beider optimiert wird

Im Bevölkerungsschutz findet man die Variante

a) in der Regel bei kleineren Einsatzlagen (genügend Einsatzkräfte entsprechend der Alarm- und Ausrückeordnung an der Einsatzstelle),

b) bei größeren Einsatzlagen in der Anfangsphase (Mangel an Einsatzkräften) und

c) bei größeren Einsatzlagen in späteren Einsatzphasen.

 

Mögliche Entscheidungskriterien

Hat der S3 mehrere Alternativen der Einsatzleiterin zur Entscheidung vorgelegt, muss diese die Beste auswählen. Der S3 hat eine begründete Empfehlung auszusprechen. Mit folgenden Kriterien kann er seine Empfehlung untermauern:

  • Ergebnis bei einer erfolgreichen Umsetzung des Einsatzplanes
  • Folgen eines Misslingens des Einsatzplanes
  • Wahrscheinlichkeit, dass der Einsatzplan erfolgreich umgesetzt werden kann
  • zeitliche Entwicklung der Flexibilität eines Einsatzplanes
  • Kosten der Umsetzung des Einsatzplanes
  • Zeit der Umsetzung des Einsatzplanes

Natürlich können diese Kriterien im Vorfeld der Umsetzung nur geschätzt werden. Aber Prognosen zu treffen, ist die Grundvoraussetzung der Entscheidungsfindung.

Die Kriterien sind nicht unabhängig voneinander, was die Entscheidung noch erschwert.

Neben diesen Kriterien kann es je nach Einsatzlage weitere Aspekte geben, die zu berücksichtigen sind.

 

Gewichtung der einzelnen Kriterien

Nur selten wird man einen Einsatzplan entwicklen können, der bei allen Kriterien den anderen überlegen ist. Um eine Entscheidung treffen zu können, hilft es häufig, die Ergebnisse der Abschätzungen grafisch darzustellen.

Abbildung 1 zeigt die Einschätzung dreier Einsatzpläne bezüglich der oben genannten Kriterien.

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Abbildung 1: Lineare Darstellung der Auswirkungen unterschiedlicher Einsatzpläne

Die politisch Gesamtverantwortliche hat Grenzwerte (rot-weiße Rauten) festgelegt. Dadurch entsteht eine „No-Option-Fläche”. Befindet sich nur ein Kriterium eines Einsatzplanes innerhalb des „roten” Bereiches, ist der Einsatzplan abzulehnen. Im Beispiel wären somit alle drei Einsatzpläne nicht umsetzbar. Zwei Möglichkeiten führen aus der Sackgasse:

  1. Neuplanung und ggf. eine vierte, bessere Alternative finden oder
  2. ein oder mehrere Grenzwerte zu verschieben. So kann man einen höheren Kostengrenzwert vorgeben, sodass Einsatzplan A realisierbar wird. Einsatzplan B wäre umsetzbar, wenn die Einsatzkräfte vor Ort schneller das Einsatzziel erreichen. Dies kann mit mehr oder anderen Ressourcen (Einsatzkräfte und/oder Material) und dadurch mit Mehrkosten erreicht werden. Einsatzplan C sollte als Letztes erwogen werden, da der Output sehr gering ist.

Abbildung 2 zeigt die Kriterien in einem Sechseck angeordnet.

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Abbildung 2: Sechseck-Darstellung der Auswirkungen unterschiedlicher Einsatzpläne

In diesem Bild sind wie in Abbildung 1 „No-Option-Bereiche” dargestellt. Auch hier kann versucht werden, den ein oder anderen Einsatzplan innerhalb der „grünen Bereiche” zu optimieren oder aber die Grenzwerte zu verschieben.

Welche Darstellung die Einsatzleiterin bevorzugt, ist abhängig

  • vom „Geschmack” der Einsatzleiterin – nicht des S2
  • von den Möglichkeiten des S2 (technisch und handwerklich) und
  • von der jeweiligen Lage.

 

Kosten der Umsetzung eines Einsatzplanes

Die Frage, die im Vorfeld zu beantworten ist, lautet: „Wie viel Geld darf ein Stab ausgeben?”. Aus der Regelverwaltung sind wir es gewohnt, dass jede Person für eine bestimmte Summe zeichnungsbefugt ist. Die Kommunalverfassung wird in einer Schadenlage, selbst in einer Katastrophe, nicht außer Kraft gesetzt. Auch sollte man nicht so naiv sein und glauben, dass bei Katastrophen das Land bzw. der Bund einem Kreis zur Seite springen wird. Dies kann so sein, muss aber nicht. Die Grenze und ein Mechanismus, wie die Grenze zu erhöhen ist, sollten deshalb im Katastrophenschutzplan festgelegt sein.

 

Zeit der Umsetzung eines Einsatzplanes

Bei kleineren Einsätzen sind wir es gewohnt, dieses Kriterium in Betracht zu ziehen. So ist eine Reanimation oder Wasserrettung nach 60 Minuten sinnlos. Aber auch eine Deicherhöhung mittels Sandsäcke durchzuführen, wenn die Einsatzkräfte dafür 4 Stunden benötigen aber der Hochwasserscheitel schon in 3 Stunden die Stelle der Deicherhöhung erreicht, ist vergeudete Müh.

 

Ergebnis bei Erfolg versus Folgen bei Misserfolg und Wahrscheinlichkeit, dass der Einsatzplan umgesetzt werden kann

Die Entscheidung zu diesen Kriterien ist stark vom Charakter der Einsatzleiterin abhängig. So gibt es Personen, die eher optimistisch denken und die gerne Risiken eingehen. Sie werden anders entscheiden als eher auf Sicherheit bedachte. Was noch erschwerend hinzukommt, ist der Umstand, dass jeder von uns, sein Urteil in Abhängigkeit der Darstellung des Problems, sowie der Informationen, die man vor der Entscheidung aufgenommen hat, fällt. Die Entscheidung ist also sehr subjektiv und dem Moment geschuldet. Und S2 und S3 beeinflussen durch ihre Art des Vortrages die Entscheidung der Einsatzleiterin.

 

Zeitliche Entwicklung der Flexibilität des Einsatzplanes

Ist man seiner Entscheidung nicht sicher, so kann man einen Einsatzplan anweisen, der es gestattet, möglichst lange noch einen anderen Weg einzuschlagen. In der Feuerwehr ist dieses Vorgehen unter „Einsatz mit Bereitstellung” bekannt.

 

Fazit

Sie sehen, die rationale Entscheidungsfindung ist alles andere als trivial. Die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung steigt mit der Komplexität der Lage. Deshalb empfehlen einige Experten (Praktiker wie Wissenschaftler) gleich aus dem Bauch zu entscheiden. Aber dazu mehr in meinem nächsten Blog.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten

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