Photo by Јerry

Posted On 20. März 2015 By In Bevölkerungsschutz With 3339 Views

Qualität im Rettungsdienst II

follow and like us:
0

Qualität im Rettungsdienst bedeutet letztlich, dass das Beste zum Wohl des Patienten mit möglichst geringsten gesamtgesellschaftlichen Kosten getan wird. Dazu wird im zweiten Schritt eine grundsätzliche Betrachtung der Vergleichssystematik durchgeführt.

Teil 2: Vergleich mit dem eigenen System und fremden Systemen

Den 1. Teil findet man hier.

Messen

Man solle messen, was sich messen lässt und was sich nicht messen lässt, messbar machen. Sagte Galileo zu Recht. Gleichermaßen gilt: Wer Mist misst, misst Mist. Aufgrund der unerschöpflichen Möglichkeiten am eigenen Arbeitsplatz-PC werden häufig Zahlen gemixt, die nicht zueinander gehören. Mehr noch werden Werte verglichen, die nicht zueinander gehören. Sprichwörtlich werden also Äpfel mit Birnen verglichen.

Wenn jedoch ein Vergleich angestrebt wird, muss dieser fair und transparent sein. Fair meint, dass er einer gleichen Basis und Kontrollmöglichkeit folgt. Denn der Vergleich soll nicht emotional und an subjektiven Punkten vollzogen werden, sondern objektiven Parametern folgen. Und eines gilt vor allem: Er muss statistisch korrekt und immer einheitengleich sein.

Für den Bereich des Rettungsdienstes ist der Vergleich aus zweierlei Gesichtspunkten unerlässlich. Zunächst müssen alle Prozesse darauf ausgerichtet sein, vom Besten zu lernen und immer besser zu werden. Denn damit wird erreicht, dass alle Patienten bestmöglich versorgt werden. Bestmöglich in der Zeit bis der Rettungsdienst am Notfallort eintrifft und bestmöglich in der Qualität der Mitarbeiter. Des Weiteren müssen alle Mittel, die durch den Kunden, durch seine Kassenbeiträge erbracht werden, wirtschaftlich und sinnvoll eingesetzt werden. So forderte die Bundesärztekammer 1997 in einem Grundsatzpapier: „Die für einen bedarfsgerechten Rettungsdienst notwendige Finanzierung orientiert sich an medizinischen und ökonomischen Prämissen. Das Wirtschaftlichkeitsgebot ist zu beachten. Die Träger des Rettungsdienstes müssen zur Zusammenarbeit verpflichtet und der Zusammenschluss zu leistungsfähigen Rettungsdienstbereichen, zur Ausschöpfung von Qualitäts-, Rationalisierungs-, Wirtschaftlichkeits- und Finanzierungsreserven und Synergieeffekten gefördert werden.“

Daher werden in der Praxis Kennzahlen und Ansprüche benötigt, die diesen Vergleich im Rettungsdienst möglich machen, um mit Entscheidungsträgern in der Führung des Rettungsdienstes, vielmehr aber in Politik und bei den Krankenkassen den soliden und besten Kompromiss zu finden. Die Veranlassung der Erhebung der Kennzahlen, der Lenkung dieser und deren Interpretation liegen beim Träger des Rettungsdienstes.

Nicht nur der Begriff ‚Kennzahl‘, sondern auch ‚Benchmark‘ und ‚Parameter‘ werden hierbei immer wieder – und manchmal über Gebühr – bemüht. Daher seien diese kurz erläutert.

Benchmark

Benchmark bezeichnet den Prozess in dem ein bestimmter Punkt, eine Zahl, ein Wert als Bezugspunkt festgelegt wird. Diese Methode geht bis in die Zeit vor Christi zurück. Der Begriff selber ist abgeleitet aus dem angelsächsischen Raum. Bench steht für das Wort Stütze und mark steht für Bezugspunkt. Diese Begriffe sind im heutigen Bauwesen in England noch feste Begriffe. Im Bereich der Kennzahlen und der Betriebswirtschaft ist der Begriff seit einer von Rank Xerox durchgeführten Analyse im Jahr 1979 ein Begriff, folgend der Veröffentlichung von Robert C. Camp. Der Prozess des Benchmark zielt darauf ab, sich mit anderen Betrieben, Konkurrenten, Kommunen und internen Abteilungen zu vergleichen, mit dem Ziel vom Besten zu lernen. Ein Beispiel für ein Benchmark ist der Vergleich des Prähospitalzeitintervalls (PHZ) verschiedener Rettungsdienstbereiche anhand eines Bezugspunktes. In diesem Fall des vorgegebenen maximalen PHZ. Der Erreichungsgrad gibt Aufschluss darüber, wie gut die PHZ-Erreichung in einem Bereich im Vergleich zum Bezugspunkt ist. Grundsätzlich ist es so, dass ein Benchmark mittels unterschiedlicher Kennzahlen durchgeführt werden kann.

Kennzahlen

Kennzahlen sind ein Instrument, welches in präziser und konzentrierter Form Aussagen über wichtige, zahlenmäßig erfassbare Tatbestände und Entwicklungen einer Organisation liefert. So definiert es die Deutsche Gesellschaft für Qualität e.V.. In einem Kennzahlensystem werden die Kennzahlen dann zusammengeführt, in Korrelation gesetzt und fortgeschrieben. Dieser Prozess findet in der Regel im Bereich der Buchhaltung statt. Ein Beispiel für eine Kennzahl ist die Einsatzhäufigkeit pro 1000 Einwohner. Wichtig bei der Kennzahlenbetrachtung ist immer, dass die erhobenen Werte auf eine Grundgesamtheit (hier 1000 Einwohner) normiert werden, um Vergleiche zu ermöglichen.

Hieran sieht man deutlich, dass die Hilfsfrist eine nicht umfangreich aussagekräftige Kennzahl ist, da sie zunächst eindimensional ist.

Parameter

Hier sind bestimmte Werte und Wertegruppen gemeint, die untersucht, gemessen und bewertet werden können. Im Fokus steht hier eine systemische Sichtweise und die Frage, welche Einflussgrößen (Parameter) ein System beeinflussen. Parameter werden unterschieden in veränderliche, unveränderliche und dynamische Parameter. Auf die veränderlichen und unveränderlichen Parameter wird während einer Messreihe Einfluss genommen. Die dynamischen Parameter sind schwer beeinflussbar und von der Dynamik der Messreihe abhängig. Sie werden aber auch aufgezeichnet und mit in die Analyse aufgenommen. Die Art des Parameters kann vom betrachteten System abhängig sein.

Im Rahmen des Qualitätsmanagements ist dann die Frage zu beantworten, wie bestimmte Parameter beeinflusst werden können, um bestimmte Kennzahlen in den gewünschten Wertebereich zu bewegen.

DV100-QM

QM-Führungsvorgang nach DV 100

Neben dem Vergleich ist die Steuerungsmöglichkeit ein wesentlicher Aspekt der Vergleiche.  Das Ziel ist es eben, vom Besten zu lernen.  Die erhobenen Kennzahlen können z.B. vom Träger des Rettungsdienstes für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Eine interessante Analogie ist hierfür der Führungsvorgang nach der Dienstvorschrift-100. Die vier Schritte Lagefeststellung – Planung – Befehl – Kontrolle sind dem des Benchmark ähnlich. So beginnt das Benchmarking mit der Festlegung der zu erhebenden Daten, über die Erhebung und den Vergleich. Es schließen sich die Bewertungen aus den ermittelten Kennzahlen an. Ergebnisse sollen dann konkrete Maßnahmen sein. Somit ist die Anwendung von Kennzahlen ein Werkzeug zur Organisation und Steuerung des Rettungsdienstes. In der obigen Abbildung  ist der Führungsvorgang in die Arbeit des Vergleichs über Kennzahlen transformiert. Diese Transformation kann Argumentationshilfe und Erklärung für die eigenen Mitarbeiter sein.

Folgende Zwecke gibt es nach Heinze:

  • Bündelungs- bzw. Scheinwerferfunktion
    Eine Kennzahl bündelt verschiedene relevante und zahlenmäßig erfassbare Informationen zu einer Zahl.
  • Kontrollfunktion
    Permanenter Abgleich der Ist- und Soll-Zahlen. Damit werden nachgelagert Ziele und Maßnahmen überprüft. Nicht geprüfte Zahlen bergen die Gefahr, dass der Mitarbeiteranreiz zur Zielerreichung nachlässt.
  • Ampel- bzw. Frühwarnfunktion
    Bei einer dauerhaften Beobachtung von Kennzahlen kann bei stark gegenläufigen Zahlen rechtzeitig durch zielgerichtete Maßnahmen gegen gesteuert werden.
  • Verhaltenssteuerungs- oder Aktivierungsfunktion
    Durch den Vergleich mit sich selbst und anderen kann der Träger mit Hilfe von Kennzahlen Zielvereinbarungen im Kontraktmanagement treffen. Weiterhin erhalten die Mitarbeiter eine Rückmeldung, ob Maßnahmen zum Erfolg geführt haben. Dadurch steigt die Motivation und es entsteht das Gefühl von eigenverantwortlichem Handeln.

Die Kennzahlen können direkt in das Berichtswesen an Vorgesetzte und die politischen Instanzen einfließen. Schließlich sei noch erwähnt, dass Vergleiche in zwei Ebenen möglich sind. Mittels Kennzahlen und eines Benchmarks können zum einen Vergleiche mit anderen Rettungsdienstbereichen stattfinden, es ist aber genauso möglich, einen Rettungsdienstbereich mit sich selbst zu vergleichen. Die letztere Variante erfordert natürlich einen Vergleich über einen längeren Zeitraum, um Entwicklungen erkennen zu können.

Parameterdefinitionen

Vor der Durchführung eines Vergleichs des eigenen Rettungsdienstes, dem Vergleich mit internen anderen Verwaltungseinheiten oder Dritten müssen die Ziele für den teilnehmenden Fachbereich definiert werden. Im vorliegenden Fall muss der Träger des Rettungsdienstes, resp. seine Führungskräfte eine Zieldefinition und einen Katalog mit Erwartungen für den Systemvergleich formulieren. Hierbei sind die Grenzen eines solchen zahlenbasierten Systemvergleichs wichtig. Aufgrund moderner Steuerungsinstrumente und Datensysteme ist die Aggregation von unendlichen Parametern einfach möglich. Die Kunst ist heute nicht mehr immer neue Grafiken, Zahlen und Tabellen aneinander zu reihen. Wichtig ist die analytische Konzentration auf wichtige Kernparameter. Den Zieldefinitionen und den Erwartungen folgen dann die Parameter. Die Klassifizierung erfolgt in Struktur-, Grund- und Kennzahlen.

  • Strukturzahlen
    sind die Zahlen, die die Stadt in seinen geografischen, politischen und sozialen, wie ökonomischen Bedingungen beschreiben.
  • Grundzahlen
    sind die Werte aus dem Alltags- und Einsatzbetrieb des Rettungsdienstes. Dazu werden noch die dort beschriebenen Beiwerte aus den Besonderheiten des Fachbereiches Rettungsdienst aufgenommen.
  • Kennzahlen
    sind die Ergebnisse aus der Zusammenstellung von Strukturzahlen und Kennzahlen oder aus der Verbindung von verschiedenen Kennzahlen. Zur Erläuterung sind folgend noch die Beiwerte entscheidend. Die Kennzahlen stellen das Arbeitsergebnis des Systemvergleichs vor der internen Verwertung dar.

Die Erhebung erfolgt in vergleichbaren und vorher definierten Messgrößen. Die Einheiten und Messgrößen müssen mit den Zahlenwerten geliefert werden. Somit ist gewährleistet, dass nur mit einheitlichen Bezugsgrößen und immer im selben Referenzrahmen verglichen wird. Weiterhin wird vorher der Zeitraum der Erhebung festgelegt. Um auch einen fortlaufenden internen Vergleich zu ermöglichen ist analog zum NKF die Annuität als Betrachtungszeitraum sinnvoll. Zudem müssen die Datenformate und die Zusammenführung der Daten vorher festgelegt und vereinbart werden. Wichtig ist hierbei, dass man zwischen den Zahlen, anhand der Einheiten, unterscheidet. Nur so können im Rahmen des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses auch Prozesse und Prozessschritte zur Verbesserung identifiziert werden. Gleichzeitig sind an diesen Stellen auch die Stellschrauben für die Führungskräfte des Rettungsdienstes um konkrete Maßnahmen  zur Verbesserung oder Qualitätssicherung einzuleiten.

 Zusammenführung der Ergebnisse

Bei der Zusammenführung der Ergebnisse steht die Klarheit und Ausdruckskraft im Vordergrund. Weiterhin muss eine Erläuterung aller Zahlen, Daten und Fakten erfolgen. Die Zusammenstellung der Daten sollte in schriftlicher, wie auch in graphischer Art erfolgen. Neben der logischen Zusammenführung von Werten, ist die Nennung der Beiwerte und sonstiger Faktoren wichtig. Die Zahlen sind so aufzubereiten, dass jederzeit ein Rückschluss auf die Berechnung der Kennzahlen möglich ist. Also müssen auch die Struktur- und Grundzahlen zur Verfügung gestellt werden.  Wie in der nachfolgenden Abbildung  gezeigt, ist nicht nur der Vergleich mit den Kennzahlen interessant, sondern auch von Strukturzahlen oder Grundzahlen. Es obliegt dann dem Träger des Rettungsdienstes, seiner übergeordneten Stelle oder vor allem der politischen Entscheidungsebene, wie die Zahlen zu interpretieren sind.

Umgang mit Benchmark - Beispiel

Umgang mit Benchmark – Beispiel

 

Zum Abschluss sei ein kurzes Beispiel gegeben: Die Anzahl der vorgehaltenen Rettungstransportwagen ist zunächst eine Grundzahl, die keine weitere Aussage hat. Auch in Kombination mit der Grundzahl ‚Anzahl der Einwohner‘ und der so entwickelten Kennzahl ‚Einwohner pro Rettungstransportwagen‘ kann lediglich der Vergleich dargestellt werden. Nach dieser Zusammenführung der Ergebnisse muss dann die Interpretation erfolgen. Eine Interpretation wäre in diesem Beispiel, mit Hilfe der Grundzahl Erreichungsgrad in % der Rettungstransportwagen, eine Aussage über die Effizienz des Rettungsdienstes. Bei einem hohen Erreichungsgrad in % der Rettungstransportwagen wäre zeitgleich eine minimale Anzahl von Rettungstransportwagen pro Einwohner anzustreben.

Im nächsten Teil werden dann die Struktur-, Grund- und Kennzahlen näher beschrieben.

Photo by Јerry

Benedikt Weber

Benedikt Weber

Ich arbeite als Beratender Ingenieur in Köln bei antwortING. Nach Jugend, Abitur und einer Ausbildung zum Bankkaufmann im Münsterland habe ich in Münster und Köln studiert.
Als Einsatz- und Führungskraft war ich mehrere Jahre im Rettungsdienst und Katastrophenschutz aktiv. Im Rahmen meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Einrichtungen habe ich mich auf die Verbesserung des Bevölkerungsschutzes spezialisiert. Ich arbeite in nationalen und internationalen Forschungsprojekten mit und nehme aktiv am Austausch in der zivilen Sicherheitsforschung teil. Unter anderem lehre ich am IdF (NRW) und der AKNZ sowie am Bildungsinstitut des DRK.
Benedikt Weber

Letzte Artikel von Benedikt Weber (Alle anzeigen)

follow and like us:
0

Tags : , , , , , , ,

LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com

Enjoy this blog? Please spread the word :)

RSS35
Facebook0
Facebook
Twitter20
LinkedIn
Google+
http://jemps.de/qualitaet-im-rettungsdienst-2/
Follow by Email