Posted On 6. Januar 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 2533 Views

Personalplanung in Führungsstäben

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Eine wesentliche Aufgabe eines Führungsstabes ist entsprechend der FwDV/DV 100 die Ordnung der Kräfte. Neben den Einheiten in den eigenen Bereitstellungsräumen können – je nach Auftrag durch die politisch Gesamtverantwortliche – noch die Einheiten des Grundschutzes der operativ-taktischen Einsatzleiterin und ihrem Führungsstab direkt unterstehen. Die eingesetzten Einheiten vor Ort und die Einsatzkräfte in den Bereitstellungsräumen der TEL unterstehen ihr nur mittelbar.

 

Aufgabenverteilung bei der Personalplanung

Die Einsatzkräfte des Führungsstabes werden von mehreren Stabsfunktionen verwaltet:

  • S1: Einheiten, die für die Ablösung aller zur Zeit eingesetzter Einheiten notwendig sind,
  • S3: Einheiten, die für zukünftige, derzeit in Planung befindliche Einsatzaufgaben benötigt werden,
  • S4: Einheiten des Eigenschutzes und
  • Einsatzleiterin: Einheiten der Führungsreserve sowie ggf. des Grundschutzes

Der S1 muss nach Anforderungen durch die einzelnen Stabsfunktionen diesen Einsatzkräfte zur Verfügung stellen. Ein Führungsfehler wäre es, wenn ein Sachgebiet ohne Absprache bzw. ohne Weisung der Einsatzleiterin Einheiten, die von einem anderen Sachgebiet verwaltet werden, Aufträge erteilt. Unterstellt die Einsatzleiterin Einheiten eines Sachgebietes einem anderen, so ist dies dem ersteren unverzüglich mitzuteilen. Die gesamte Planung muss dieser neuen Situation angepasst werden.

Welche Einheiten nach Fähigkeiten und Anzahl für welche der oben beschriebenen Aufgaben notwenig sind, ergibt sich aus der Gesamteinsatzplanung des Stabes. Die Personalsituation kann als Gesamtes mittels eines Kiviat-Diagrammes (Spinnennetzdiagrammes) anschaulich visualisiert werden. Je größer die rote Fläche, desto schlechter die Situation.

Personalplanung Diagramme.001

Abbildung: Kiviat-Diagramm der Personalsituation in einem Führungsstab 

 

Die Planung des S1: Einheiten der Ablösung

Grundlage der Planung für die Ablösung der im Einsatz befindlichen Kräfte ist die planerische Einsatzdauer, die die Einsatzleiterin festzulegen hat. Dabei sollte die tägliche Maximalarbeitszeit entsprechend der europäischen Arbeitsschutzverordnung nicht überschritten werden. Können nicht ausreichend viele Reserveeinheiten nach Personalstärke und Fähigkeiten nachgeführt werden, ist die Einsatzdauer zu verlängern. Dies ist den unterstellten Führungsebenen umgehend mitzuteilen, damit diese entsprechende Ruhepause einplanen können. In der Regel ist es besser mit verringerter Arbeitsleistung kontinuierlich weiterzuarbeiten, als die Hilfeleistung einstellen zu müssen, weil alle Einsatzkräfte erschöpft sind. Je nach Lage sollte die Arbeit während Dunkelheit teilweise oder ganz eingestellt werden. Aber selbst dann wird ein Mehrschichtbetrieb notwendig sein.
Kommt die Einsatzleiterin zu dem Schluss, dass die Einsatzdauer für einige Einheiten aufgrund der Gefahrenlage verlängert werden muss, sollte sie dies im Bewusstsein tun, dass die Arbeitsleistung dieser Einheiten rapide abnehmen wird und nach dem Einsatz eine längere Regeneration vorzusehen ist. Die Entscheidung über eine Reduzierung der Hilfeleistung ist bei Menschenrettung schwierig aber notwendig. Hier benötigen die Führungskräfte Weitblick und dürfen sich nicht von der Dramatik des Augenblickes gefangen nehmen lassen.

Neben den Einsatzkräften vor Ort müssen auch die Angehörigen der Stäbe und TEL abgelöst werden. Auch hier gilt es, eine planerische maximale Arbeitszeit festzulegen. Ich bezweifle, dass bei einer hochdynamischen und komplexen Lage die Stabsmitglieder in der zwölften Einsatzstunde noch ausreichend leistungsfähig sind, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.

 

Die Planung des S4: Einheiten des Eigenschutzes

Die Einheiten des Eigenschutzes werden eingesetzt, wenn Einsatzkräfte in Gefahr geraten oder verunglücken. Deshalb müssen sie so zusammengestellt werden, dass sie auch in einem Ernstfall geeignet sind, den Einsatzkräften Hilfe leisten zu können. Sanitäts- bzw. Rettungsdienstkräfte gehören bei jedem Einsatz dazu; aber auch Bergungseinheiten oder ABC-Dekontaminiationseinheiten können je nach Lage notwendig sein. Außerdem müssen diese Einheiten bei einem Notfall so schnell wie möglich eingesetzt werden können. Das heißt, sie sind so dicht wie möglich bei den Einsatzkräften aber außerhalb der Gefahrenbereiche vorzuhalten. Deshalb sind die Einheiten des Eigenschutzes möglichst den unterstellten Führungsebenen (z. B. den TEL) zu unterstellen. Nur wenn nicht genügend Eigenschutzeinheiten zur Verfügung stehen, um sie entsprechend der Notwendigkeiten dislozieren zu können, muss der Führungsstab sie zentriert vorhalten.

 

Die Planung des S3: Einheiten für zukünftige Einsatzaufgaben

Bei der Erstellung eines neuen Einsatzplanes muss der S3 abschätzen, welche Einheiten wann, wo und mit welchen Fähigkeiten benötigt werden. Bei der Bewertung, ob die bisher eingesetzten Einsatzkräfte ausreichen, ist deren derzeitiger taktischer Einsatzwert – nicht der Wert entsprechend der Papierlage – zu berücksichtigen. Ein Abrollbehälter Schaum, dessen Schaummittel bereits verbraucht ist, hat einen anderen Einsatzwert als ein vollbestückter; genauso wie eine Sanitätsbereitschaft nach 12 Stunden Einsatzdauer gegenüber einer frischen. Das bedeutet, der S3 muss abschätzen, in welcher physischen und psychischen Verfassung die Einsatzkräfte sind und in wieweit Einsatzmittel noch zur Verfügung stehen. Sollte der taktische Einsatzwert der bisher eingesetzten Einheiten für die neuen Aufgaben nicht ausreichen, müssen dem S3 neue Einheiten unterstellt bzw. die Planung und ggf das Ziel überarbeitet werden.

 

Die Planung der Einsatzleiterin: Einheiten des Grundschutzes

Die Qualität des Grundschutzes in den Bereichen Brandschutz, Technische Rettung und Rettungsdienst sind je nach Bundesland gesetzlich oder in Bedarfsplänen durch die Legislative festgeschrieben. Eine längerfristige Unterschreitung dieser Mindeststandards bedarf einer besonderen Entscheidung. Diese muss der Einsatzleiterin bzw. politisch Gesamtverantwortlichen vorbehalten sein. Dabei ist nicht nur die Anzahl an Einsatzkräften und -mittel sondern auch deren Belastungen durch einen evtl. vorherigen Einsatz zu berücksichtigen. Ob eine Freiwillige Feuerwehr nach 10 Stunden Katastrophenschutzeinsatz noch in der Lage ist, den Grundbrandschutz sicher zu stellen, ist zumindest anzuzweifeln. Hier besteht eine Fürsorgepflicht der Einsatzleiterin gegenüber der Bevölkerung und den Einsatzkräften.

Abbildung: Napoleon – Vorbild für Führungsreserve

Die Planung Einsatzleiterin: Einheiten der Führungsreserve

Nur in besonderen Einsatzlagen wird sich die Einsatzleiterin den „Luxus“ leisten, eine Führungsreserve vorzuhalten. Die Führungsreserve steht der Einsatzleiterin für weitere nicht vorhergesehene neue Einsatzaufträge zur Verfügung. Dieses taktische Mittel, dass im militärischen Bereich üblich ist (vgl. Napoleons Alte Garde), kann aber bei Terrorlagen mit Mehrschlagstaktik (siehe die Anschläge auf den Londoner oder Madrider Personennahverkehr) entscheidend für einen Einsatzerfolg sein. Die Gefahr bei der Vorhaltung einer Führungsreserve besteht natürlich immer, dass deren Einheiten nicht eingesetzt werden und gleichzeitig die eingesetzten Einsatzkräfte für die derzeitigen Aufgaben Unterstützung benötigen.

 

Planungshorizont

Die Personalplanung in einem Führungsstab ist entsprechend den Aufgaben, der Verfügbarkeit von Einheiten und der benötigten Zeit für Nachforderungen langfristig – bis zu mehreren Tagen – zu planen.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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