Posted On 6. Februar 2018 By In Organisation With 986 Views

Organisationskultur deutscher Feuerwehren

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Gibt es eigentlich die Berufsfeuerwehr noch, der ich beigetreten bin?

Vor knapp 40 Jahren bin ich in die Feuerwehr eingetreten. Ich weiß natürlich, dass früher alles besser war – keine Frage. Aber hat sich nicht wirklich die Organisationskultur bei den deutschen Berufsfeuerwehren geändert? Mir scheint, dass sich das Verhältnis des Leiters der Feuerwehr zur Mannschaft bei vielen Feuerwehren verändert hat. (Gibt es eigentlich eine Berufsfeuerwehr, die von einer Dame geführt wird?) Sind nicht die persönlichen Angriffe auf die Leiter der Feuerwehren in den letzten Jahren gestiegen? Werden heute nicht mehr Amtsleiter vor dem Erreichen der Altersgrenze von ihrem Posten enthoben als früher? Das Klima bei den deutschen Berufsfeuerwehren scheint – von weit außerhalb des Systems betrachtet – kühler, ja aggressiver geworden zu sein.

Was ist Organisationskultur 

Laut Wikipedia versteht man unter Organisationskultur „die Sammlung von Traditionen, Werten, Regeln, Glaubenssätzen und Haltungen, die einen durchgehenden Kontext für alles bilden, was wir in dieser Organisation tun und denken.“

Die Organisationskultur drückt Ziele durch Werte und Überzeugungen aus und sie weist den Weg mittels gemeinsamer Annahmen und Gruppennormen. Vieles davon ist in unausgesprochenen Verhaltensweisen, Denkweisen und sozialen Mustern verankert. Organisationskultur und Führung sind untrennbar miteinander verbunden. Und Peter F. Drucker warnte: „Kultur isst Strategie zum Frühstück!” Danach scheint die Organisationskultur entscheidend für die Umsetzung der Unternehmensstrategie.

Organisationskultur bei deutschen Feuerwehren

Wie sieht es nun bei den Feuerwehren aus? Wie es aussehen sollte, findet man bei einigen Feuerwehren in den Leitbildern.

Die Feuerwehr Heidelberg erklärt in ihrem Leitbild: „Wir gehen respektvoll und fair miteinander um – Wir sind eine Gemeinschaft. Kameradschaft, Respekt, Vertrauen, Ehrlichkeit und der Umgang miteinander auf Augenhöhe sind der Schlüssel zu unserem Erfolg. Wir handeln nicht eigennützig. Bei uns wird Leistung anerkannt. Wir wissen, dass Motivation, Leistungsbereitschaft und überdurchschnittliche Arbeitsbereitschaft nur möglich sind, wenn die Leistungen jedes Einzelnen wahrgenommen und honoriert wird. Es ist aber auch wichtig, aus Fehlern zu lernen und offen über unsere Erfahrungen zu sprechen.”

Interessant finde ich auch: „Den Anforderungen in einer älter werdenden Gesellschaft stellen wir uns.…”. Das erinnert mich an die Vision des Lichtensteinischen Landesfeuerwehrverbandes: „Mit zunehmend höheren Schutzansprüchen bei gleichzeitiger Abnahme der Eigenverantwortung erwartet unsere Gesellschaft jederzeit schnelle und professionelle Hilfe.”
Beide Statements beklagen nicht den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre, sondern sehen es als selbstverständlich an, sich ihnen zu stellen.

Auch bei einem anderen Punkt finden sich Parallelen, Heidelberg: „Durch die Einbindung unserer Abteilungen in den Stadtteilen sind wir fester Bestandteil des Heidelberger Stadtlebens. Trotz Modernisierung und struktureller Veränderungen wahren wir die Tradition.”, Lichtenstein: „Die Mitglieder schätzen ihre Orts­feuerwehr als attraktiven, traditionel­len Dorfverein mit einer sinnvollen, herausfordernden Tätigkeit.”

Die Heidelberger Feuerwehrler sehen sich als Vorbild: „Wir genießen großes Vertrauen und Ansehen bei der Bevölkerung. Unsere Arbeit und unsere Meinung werden akzeptiert. Damit dies so bleibt, sind wir nicht nur schnell und professionell, sondern treten auch hilfsbereit, höflich, freundlich und einheitlich in der Öffentlichkeit auf.”

Der Leiter der Feuerwehr Heidelberg Dr. Georg Belge schreibt in seinem Vorwort über die Entstehung des Leitbildes: „…gemeinsame Werte in unseren internen Strukturen sind unerlässlich. Dafür haben wir in vielen Workshops in allen Abteilungen – beginnend mit der Jugendfeuerwehr – unsere gemeinsamen Werte für die Heidelberger Feuerwehr ermittelt.”

Herr Dr. Belge verdeutlicht, dass ein Leitbild, eine Kultur nicht angeordnet werden kann, sondern von allen entwickelt werden muss, damit sie auch später gelebt wird.

Viele deutsche Feuerwehren haben sich ein Leitbild gegeben. Leider findet es sich nicht immer prominent im Internetauftritt der Feuerwehr. (siehe dagegen z.B. Abu Dhabi Civil Defense)

 Heidelberg photo

Wie sieht die Situation bei deutschen Feuerwehren aus?

Das Erstellen eines Leitbildes ist das eine, das Leben dieses Ideals etwas vollkommen anderes. Das sieht man, wenn man in die Presse der letzten Jahre schaut. (Die folgenden Meldungen beziehen sich weder auf Heidelberg noch auf eine Feuerwehr in Lichtenstein sondern von 6 deutschen Berufsfeuerwehren.)

„Bei der Berufsfeuerwehr in […] brodelt es: Von […] Feuerwehrleuten sollen sich [1/6] nach neuen Stellen umschauen, weil sie unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen sind. Mehrere Feuerwehrleute hatten sich anonym an Medien gewandt…”

„ ‘Es ist nur allzu verständlich, dass die Stimmung bei der […] Berufsfeuerwehr immer schlechter wird. […]. Die Beschäftigten sehen kein Licht am Horizont. Ohne Perspektive sind viele nicht mehr bereit, den Karren aus dem Dreck zu ziehen’, so [ein Gewerkschaftsmitglied].”

„Die Probleme und die schlechte Stimmung bei der Feuerwehr seien […] lange bekannt.”

„Dass es bei der Feuerwehr bisweilen hitzig zugeht, liegt in der Natur der Sache. Wenn aber seit Monaten behördenintern der Baum brennt, lässt einen das zumindest aufhorchen. Miserabel sei die Stimmung unter den Berufsfeuerwehrleuten, viele wollten aus […] weg.”

„Die miese Stimmung innerhalb der Truppe nimmt kein Ende. Das änderten bislang auch nicht die Versuche aus der Rathausverwaltung […], mit Hilfe von Vermittlern, so genannten Mediatoren, die Wogen zu glätten. Das Verhältnis zwischen Feuerwehrspitze und vielen Bediensteten bleibt trotz alledem nach wie vor nachhaltig gestört. Oder spitzt sich die Lage sogar zu? Zumindest scheint sie prekär zu bleiben. Denn nach zumeist nur anonym geäußerten Angriffen gegen Feuerwehrchef […] stellen sich nun Mitglieder aus den eigenen Reihen auch ganz offiziell gegen ihn. Dabei soll es sich nach Informationen der […] Zeitung um Personal aus der Führungsriege handeln.”

„[…]s Umgangston sei zu harsch, er sei arrogant, missachte Berufserfahrung und benehme sich wie ein „Blaurock-Napoleon. Ein Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr erzählt […]: ‚Zu […] arroganter Art finden wir keinen Zugang, er führt die Feuerwehr wie ein Manager. Wir wünschen uns mehr Einfühlungsvermögen.‘ “

Sind das nur Ausnahmen? Oder sind dies Anzeichen eines generellen Trends – die Spitze des Eisberges? Und was sind die Gründe für die negative Stimmung bei einigen Feuerwehren? Hier wird jeder für sich eine ganze Reihe von Gründen finden: die schlechte Bezahlung (Ist diese verglichen mit Pflegekräften wirklich so schlecht?), die hohe Arbeitsbelastung (bei 10 Arbeitstagen im Monat?) usw. Bei allen Diskussionen darf aber niemals vergessen werden: Feuerwehrleute setzen ihre Gesundheit und ihr Leben zum Wohle der Menschen in Deutschland ein. Dies wurde uns allen wieder am 18.01.2018 schmerzlich bewußt. Und die Anforderungen an die Feuerwehrleuten wachsen durch die komplexer werdende Welt weiter.
Ob die Gründe „objektiv” zutreffen oder nicht, es kommt auf die subjektive Wahrnehmung einer jeden Feuerwehrfrau und eines jeden Feuerwehrmannes an. Der Stress im Einsatz ist schon groß genug, da sollte Stress auf der Wache nicht noch hinzukommen.

miteinander photo

Der Leiter der Feuerwehr ist gefragt?

Laut Boris Groysberg, Jeremiah Lee, Jesse Price und J. Yo-Jud Cheng [The Leaders’s Guide to Corporate Culture; Harvard Business Review, Jan-Feb 2018; 44-52] kann die Organisationskultur verändert werden. Weiterhin behaupten sie, dass Organsationskultur und Führung unentwirrbar mit einander verbunden sind. Folgt man ihnen, so sind die Leiter der Feuerwehren und ihr Führungsteam gefragt.

Ich bin mir sehr sicher, dass sich in den letzten 25 Jahren die Einstellungskriterien und die Ausbildung verbessert haben. Aber trotzdem glaube ich, dass zukünftig bei der Einstellung mehr auf „kulturelle Kompetenz”, auf Empathie geachtet werden muß. Technisch-naturwissenschaftliches Wissen, Feuerwehrkenntnisse und sportliche Fitness (so wichtig sie auch für Führungskräfte sind) können leichter von unseren Feuerwehrschulen verbessert werden als fehlende Empathie. Zusätzlich sollte nochmals überlegt werden, ob Themen aus der Truppmann-, Gruppenführer- und Zugführerausbildung nicht etwas gekürzt werden können, um Zeit für Themen der Unternehmensführung zu gewinnen. An Einsatzstellen, die von Amtsleitern oder Direktionsbeamten geführt werden, gibt es eine Vielzahl von Einsatzkräften, die über umfangreiche Truppmann-, Gruppenführer- und Zugführerausbildungen und -erfahrungen verfügen. Führt man mit Auftrag, müssen die obersten Führungskräfte über dieses Wissen nicht selber verfügen.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten

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