Posted On 17. Januar 2017 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 3697 Views

OPT Führen in der Chaosphase

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Eine Szenario basierte Diskussion

Im Blog „Führen durch das Chaos” habe ich beschrieben, welche Aufgaben einer Einsatzleiterin während der Chaosphase entsprechend dem Cynefin Framework von Snowdon und Boone zufallen:

„Ziel in der Chaos-Phase muss es sein, dass die Einsatzleiterin die Einsatzkräfte unter ,Kontrolle’ bekommt. Mit anderen Worten, sie hat ein Führungssystem zu etablieren. Dazu ist es erforderlich, dass sie ,sichtbar’ wird. Das eigene Agieren – d. h. Befehle aussprechen – hat oberste Priorität. Es ist klar und direkt zu kommunizieren.  Schnelle, unreflektierte Entscheidungen, die die Situation für die Betroffenen verbessert oder zumindest nicht verschlechtert, sind angezeigt.” 

und:

„Die Gefahr von Fehlentscheidungen ist hoch. Deshalb ist die Chaosphase möglichst schnell zu verlassen. Dazu sind während der laufenden Gefahrenabwehr, Strukturen zu etablieren, um strukturiertes Führen zu ermöglichen und die Voraussetzungen für eine chaotische Situation sind zu vermindern, besser noch zu eliminieren. Dies kann erreicht werden durch

•Komplexitätsreduzierung (den Wald und nicht die Bäume sehen)

•Modellbildung (Das ist ein klassischer Wohnungsbrand)

•Ausführen von Maßnahmen, die fast immer durchzuführen sind (Einsatz mit Bereitstellung)

•Abstraktion (nicht ins Mitleid verfallen)

Aber die entscheidende Maßnahme zur Verkürzung der Chaos-Phase ist die Reduzierung der Anzahl zutreffender Entscheidungen. Dies ist durch Führen mit Auftrag zu erreichen.”

disaster photo

Was bedeutet dies nun für eine große Schadenlage, die von der Einsatzleiterin mittels einen operativ-taktischen Stabes geführt wird?

Zur Beantwortung dieser Frage lassen Sie uns ein Einsatzbeispiel anschauen:

In einer Novembernacht wütet ein Sturm über der deutschen Bucht. In Ihrem Landkreis fallen eine Vielzahl von Bäumen um, Dächer werden abgedeckt und der Nordseedeich bricht an verschiedenen Stelle, wodurch es zu großflächigen Überschwemmungen kommt. Auch an Ihrem Haus stellen Sie geringe Schäden fest. Dann fällt die Stromversorgung aus. Sie entscheiden sich, ohne Alarmierung zum Kreishaus zu fahren, um Ihre Aufgabe als S3 im operativ-taktischen Stab des Kreises falls erforderlich wahrzunehmen. Auf der Fahrt dorthin müssen Sie Umwege aufgrund umgefallener Bäume und Überschwemmungen in Kauf nehmen.

Beim Eintreffen im Stabsraum befinden sich schon weitere Mitglieder des Stabes dort. Die Informationslage des Stabes ist schlecht, da zum Teil die Funk- und Telefonnetze ausgefallen sind. Aus einigen Gebieten des Kreises liegen recht gute Informationen vor, während aus anderen Bereichen bisher keine Informationen eingetroffen sind.

Was tun Sie nun?

Schauen wir auf das Cynefin Modell. Was sind die ersten auszuführende Massnahmen, um ein Führungssystem zu etablieren?

  • Sichtbar werden
  • Agieren / Befehle aussprechen
  • Klar und direkt kommunizieren
  • Schnelle unreflektierte Entscheidungen treffen

Dazu bedarf es der

  • Komplexitätsreduzierung und
  • Modellbildung

Lassen Sie uns systematisch vorgehen?

  1. Wie ist die Schadenslage?
    Diese Frage kann derzeit nicht genau beantwortet werden. Aufgrund der obigen Schilderung schlage ich folgende Modellbildung zur Komplexitätsreduzierung vor: in allen Ortschaften des Kreises sind schweren Schäden zu verzeichnen, eine Vielzahl von Personen sind tot, verletzt oder obdachlos. Infrastrukturen sind ausgefallen.
  2. Welche Einheiten unterstehen Ihnen?
    Alle des Kreises – überörtliche Hilfe ist noch nicht angefordert.
  3. Aber welche Einheiten sind derzeit für Sie einsetzbar?
    Keine. Alle Einheiten des Kreises werden eingesetzt sein (wenn nicht durch die Leitstelle, dann eigenständig) oder sind nicht einsatzbereit, da deren Helfer selber Betroffene sind.
    Können Sie eigentlich Einheiten, die an einem Ort arbeiten, auslösen, um im Nachbarort, wo Ihrer Meinung nach eine größeren Notwendigkeit besteht, eingesetzt zu werden?
    Selbst wenn Sie in der Lage wären die Einheit per Funk zu erreichen, glaube ich dies nicht. Wer läßt schon seine Familie, seine Nachbar und Freunde im Stich, um andernorts zu helfen? Besonders dann, wenn er keine genauen Informationen über die Gesamtlage hat.

Für die ersten Maßnahmen benötigen wir m. E. keine detaillierteren Lageinformationen. Ich schließe mich der Meinung von Craig Fugate (FEMA Administrator) an, der bei der Diskussion einer ähnlichen Lage in seinem Vortrag im Center for Strategic and International Studies, Washington D.C. am 17.02.2011 äußerte: „Time for assessing is lost time for response” [https://www.youtube.com/watch?v=Kwazb-RHUtI]

  1. Was it Ihre erste Maßnahme?
    Sichtbar werden.
    Häufig entsteht Panik, wenn Menschen das Gefühl haben, dass niemand da ist, der hilft. Und nicht nur die Betroffenen sind davon bedroht auch unsere Einsatzkräfte.
  2. Wie können Sie das erreichen? Nutzen Sie doch alle Informationskanäle – behördliche und offene -, um die Gefahrenabwehreinheiten und die Bevölkerung zu informieren. Teilen Sie mit:
    – Ihr seit nicht alleine – der Kreisstab hat seine Arbeit aufgenommen!
    – Derzeit stehen zwar keine zusätzlichen Einsatzkräfte zur Verfügung – aber wir haben Einheiten zur Unterstützung angefordert!
    – Wir können derzeit nicht jedem helfen – tun aber unser Bestes!
    – Kümmert Ihr Euch bitte eigenständig um die lokalen Aspekte! Helft Euch selbst und Eure Nächsten!
    – Wir bauen eine umfangreiche medizinische Notversorgung auf (Feldhospitale, Land- und Lufttransport)!
    – Wir organisieren Evakuierungsunterkünfte, die in den nächsten Stunden geöffnet werden!
    – Wir organisieren Ausgabestellen für den täglichen Bedarf (Nahrung, Kleidung,…), die in den nächsten Stunden geöffnet werden!
    – und immer wieder speziell an die Bevölkerung: Helfen Sie sich und auch Ihrem Nächsten!
  3. Wenn nun die ersten überörtlichen Einheiten Ihr Kreisgebiet erreichen und damit Ihnen unterstellt werden, wo sollten Sie diese einsetzen?
    M. E. sollten Sie sich auf die Gebiete konzentrieren, in denen eine Vielzahl von Menschen leben, die sich am wenigsten selber helfen können. (Vulnerabele Gebiete)
    Denken Sie dabei an
    – innenstädtische Bereiche, in denen sich die Menschen nicht besonders gut kennen und deshalb die Solidarität nicht stark ausgeprägt ist,
    – Bereiche, deren Sozialstruktur auch ohne die Katastrophenlage angespannt ist,
    – Bereiche, deren Gebäude in nicht so guten Zustand sind und
    – sehr abgelegene Bereiche außerhalb der Städte

Ohne Titel.001Phasenübergang.001

Implementierung eines Führungssystems in der Chaosphase

Die wesentliche Aufgabe in der Chaosphase ist ja die Implementierung eines Führungssystems. Wie kann dies nun erfolgen?

Idealerweise baut sich das Führungssystem von unten nach oben auf, wobei einige Phasenübergänge, die Zeit und Ressourcen bedürfen, erfolgen müssen (siehe auch Abbildung):

  1. Phase – „Pre-Rettungsphase” – Helfer sind noch nicht eingetroffen, die Betroffenen helfen sich selber, die FwDV 100 wird noch nicht angewendet
  2. Phase – „Punktlagenphase” – die ersten Helfer beginnen unabhängig voneinander mit Sofortmaßnahmen, jede „Punktlage” wird mittels der FwDV geführt
  3. Phase – „Flächenlage” – die Punktlagen werden entsprechend der FwDV 100 führungstechnisch unter einer TEL zusammengefasst
  4. Phase – „Katastrophenfall” – die verschiedenen TEL werden von einem operativ-taktischen Stab  geführt

Bei dem beschriebenen Szenario ist es aber auch vorstellbar, dass die Einheiten vor Ort weder die Zeit noch die Ressourcen zur Verfügung haben, um eine Führung aufzubauen. Dann hat die Einsatzleiterin mit ihrem Stab, das System top-down einzuführen. Die eintreffenden nachgeforderten Einheiten tragen quasi das Führungssystem ins Feld. Mit dem Auslösen der ersten noch nicht ins Führungssystem eingegliederten Einheiten verschwindet nach und nach die Führung der Punktlagenphase und es wird gleich die 4. Phase implementiert.

Handeln photo

„Initiative bringt Vorteile in Zeit und Raum”

Allen diesen Überlegungen liegt dieser Grundsatz zu Grunde. Durch langes Erkunden und Abwägen von Einsatzoptionen werden Sie die Chaosphase nicht überwinden und die Einsatzleitung übernehmen können. Die einzelnen Einsatzbereiche werden unabhängig von einander bis zum Einsatzende abgearbeitet werden müssen. Um aber schnell bei mangelnder Informationslage zu entscheiden, müssen Sie sich auf Ihr Wissen und Ihre Intuition verlassen. Beides Erlangen Sie durch Einsätze, Ausbildung und Übungen!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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