Posted On 24. März 2015 By In Bevölkerungsschutz With 5129 Views

Operativ-taktische Einsatzplanung

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Die Einsatzplanung ist der kreative Teil des Führungsvorganges. In ihm sind Ereignisse der Zukunft zu durchdenken. Dabei hat der operativ-taktische Stab zu beachten, dass er sich nur um die wichtigen Entscheidungen kümmert, deren Umsetzung so weit in der Zukunft liegen, dass er sie auch beeinflussen kann. (siehe Abbildung 1)

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Abbildung 1: Reaktionszeit eines operativ-taktischen Stabes

Die Reaktionszeit eines Stabes ist abhängig von

  • der Meldezeit, die benötigt wird vom Erkennen eines Ereignisses vor Ort bis zur Eintreffen dieser Information im Stab,
  • der Zeit, die benötigt wird um eine Entscheidung zu treffen und
  • der Befehlszeit, die benötigt wird bis der Befehl die ausführenden Einheiten erreicht.

Erste und letzte sind von der Führungsebene und der verwendeten Kommunikationstechnik abhängig. Damit folgt die in Abbildung 2 dargestellte Aufgabenverteilung zwischen operativ-taktischer und technischen-taktischer Ebene.

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Abbildung 2: Aufgabenverteilung zwischen operativ-taktischen und technisch-taktischen Führungsebenen

Im Blog „Führungsvorgang in einem operativ-taktischen Stab” habe ich den Unterschied von Einsatzgrob- und Feinplanung beschrieben. Bei der Einsatzgrobplanung ist es unabdingbar, mehrere Pläne zu erarbeiten. Andernfalls kann die Einsatzleiterin keine Entscheidung treffen. Allerdings macht es im kleineren Maßstab der Einsatzfeinplanung auch Sinn einen ausgearbeiteten Plan B in der Tasche zu haben. Deshalb gilt das im folgenden für die Grobplanung beschriebene Verfahren entsprechend auch für die Feinplanung.

 

Situationsbewusstsein für die Einsatzplanung

Grundlage für die Einsatzplanung ist die erwartete Situation an der Schadenstelle zum Wirksamwerden der angeordneten Maßnahmen. Dazu ist mittels der – immer veralteten – Lagemeldungen der unterstellten Führungsebenen eine Prognose zu entwicklen (Abbildung 1).

Prognosen sind grundsätzlich schwer zu treffen. Und ihre Fehleranfälligkeit wächst mit dem Alter und der Unvollständigkeit der Lagemeldung und inwieweit in die Zukunft geschaut werden soll. Aber es kann grundsätzlich gesagt werden: ohne Prognose keine Planung und ohne Planung keine rationale Entscheidung. Nur intuitive Entscheidungen kommen ohne bewusste Prognosen aus.

Das erste entscheiden Kriterium bei der Entwicklung der unterschiedlichen Einsatzoptionen ist die benötigte Umsetzungsdauer. Nur solche Optionen sind in die Entscheidungsfindung einzubringen, die rechtzeitig zu einem positiven Ergebnis führen. So macht es keinen Sinn über eine Deichverstärkung zu philosophieren, die 4 Stunden Arbeit benötigt, wenn Experten einen Deichbruch in den nächsten zwei Stunden erwarten.

 

Hilfsmittel für die Einsatzplanung 

Für die Einsatzplanung stehen eine Reihe von Hilfsmitteln aus dem Projektmanagement zur Verfügung. Sie sind lediglich an die Bedürfnisse des Bevölkerungsschutzes anzupassen.

Während der Einsatzgrobplanung werden die „Großen Bilder” der verschiedenen Einsatzoptionen entwickelt. (siehe auch den Blog „Aufgabenbezogene Lagedarstellung”). Um die benötigte Einsatzdauer einer Option abzuschätzen, ist es sinnvoll die Gesamtmaßnahme in Einzelschritte aufzuteilen und deren Zeitdauer abzuschätzen. Wichtig ist es, deutlich zu betonen und zu visualisieren, welche Einsatzschritte kritisch für das Erreichen des Gesamtzieles sind. So bekommt man ein erstes Gefühl dafür, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Plan erfolgreich ausgeführt werden kann. Die einzelnen Einsatzoptionen sollten nebeneinander gestellt (Abbildung 3) und später beim Lagevortrag zur Entscheidung zusammen diskutiert werden.

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Abbildung 3: Drei in der Einsatzgrobplanung entwickelte Einsatzoptionen

Menschen, die mehrere Optionen gleichzeitig und nicht nacheinander bewerten, fällt es leichter rational und nicht intuitiv zu urteilen (siehe Milkman, K. L.; Chugh, D.; Bazerman, M. H.; ”How Can Decision Making Be Improved”; working paper (2008); Harvard University & New York University).

In der Feinplanung, kann man den gewählten Plan dann verfeinern. Die obige Skizze kann zu einem Gantt-Diagramm (Abbildung 4) oder detaillierten Zeitstrahl (Abbildung 5) ausgebaut werden.

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Abbildung 4: Gantt-Diagramm eines Hochwassereinsatzes

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Abbildung 5: Zeitstrahl eines Stromausfalleinsatzes

Ist ausreichend Zeit für die Feinplanung vorhanden, macht es Sinn, folgende Angaben abzuschätzen (siehe Abbildung 6):

  • Zeitpunkt des frühest möglichen Beginns einer Maßnahmen, z. B. wenn alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen und daraus folgend das früheste Ende.
  • Zeitpunkt des spätesten Endes einer Maßnahme, damit das Ziel noch erreicht werden kann und damit der späteste Beginn.

Mit diesen Bausteinen lässt sich ein Operationsnetzplan aus den wesentlichen Meilensteinen aufbauen.

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Abbildung 6: Planungsbaustein eines Teilereignisses

Ich möchte aber an dieser Stelle explizit davor warnen, in der Einsatzgrobplanung dieses feine Hilfsmittel zu verwenden. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass man sich bei der Diskussion der Optionen zur Entscheidungsfindung in Detaildiskussionen und dadurch den Überblick verliert.

 

Mit einem Einsatzplan zu beantwortende Fragen

Zur Einsatzplanung gehört es auch, Antworten auf die Fragen vorzubereiten, die die Einsatzleiterin zur Bewertung der einzelnen Einsatzoptionen stellen wird. Dies sind unter anderem:

  • Was ist der Output bei einer erfolgreichen Umsetzung des Planes?
  • Was sind die etwaigen Folgen, wenn der Plan schief geht?
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Plan erfolgreich umgesetzt wird?
  • Wie flexibel ist der Einsatzplan? Wie lange können wir noch beim Umsetzen des Planes im Notfall auf einen anderen umschwenken?
  • Welche Kosten entstehen bei der Umsetzung des Planes?
  • Welche rechtlichen Rahmenbedingungen sind zu beachten? Müssen unter Umständen Zwangsmassnahmen angeordnet werden? Und wer kann diese durchsetzen?
  • Wie lange wird es dauern, bis der Einsatzplan erfolgreich umgesetzt ist?
  • Welche Gefahren gibt es
    • für die Bevölkerung?
    • für die Einsatzkräfte?
    • für die Umwelt?
  • Wie wird der Einsatzplan aufgenommen?
    • von der betroffenen Bevölkerung?
    • von den Medien?
    • von (vermeintlichen) Experten?
  • Welche politischen Folgen hat der Einsatzplan?
  • usw.

 

Einige Tips zum Schluss

Mit der Einsatzplanung sollte man so früh wie möglich beginnen. („Vor die Lage kommen”, so vorausschauend wie möglich.) Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass weniger Fehler bei der Entscheidungsfindung gemacht werden, wenn sie und die aus ihr folgenden Konsequenzen zeitlich weit auseinander liegen. (Milkman et al. 2008)

Kein Einsatzplan kann alle Eventualitäten berücksichtigen. Auf jeder Führungsebene muss mit nicht bedachten Entwicklungen und nicht erfolgreich umgesetzten Teilaufgaben gerechnet werden. Deshalb sollte die gesamte Gefahrenabwehr so organisiert werden, dass sie möglichst eine große Agilität besitzt. Das heißt, dass sie in der Lage ist, flexibel, aktiv, anpassungsfähig und mit Initiative in hochdynamischen Lagen (schnellen Lageänderungen) und bei Unsicherheit (mangelnde Lageinformationen) zu agieren. Durch die Nutzung zweier „Erfolgsrezepte” kann diese schwierige Aufgabe bewältigt werden:

Auch ist die Reaktionsgeschwindigkeit der Dynamik des Ereignisses anzupassen. Sie darf weder so langsam sein, dass kurzfristig bestehende Chancen nicht genutzt werden bzw. die Auswirkungen von Gefährdungen im Vorfeld nicht gemildert werden können, noch so schnell sein, dass die Strategie, das wesentliche große Ziel des Einsatzplanes aus den Augen verloren wird.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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