Posted On 14. April 2015 By In Bevölkerungsschutz With 1844 Views

Nutzung von Stabssoftware

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„Bei der Entwicklung unseres Systems haben wir sehr großen Wert darauf gelegt, dass das System für alle Organisationen nutzbar ist und dass das System in wenigen Minuten bedienbar ist, auch ohne Erfahrungen in Sachen Einsatzleitung und ohne EDV-Kenntnisse.”

Dies las ich vor einigen Jahren in einer Internetwerbung. Ich habe das Produkt nie getestet, aber ich habe so meine Zweifel, ob der Text nicht etwas zu optimistisch ist.

Meine Erfahrungen zeigen ein etwas anderes Bild: Die Leistung eines guten Stabes wird durch die Nutzung von Stabssoftware besser – aber: Die Leistung eines schlechten Stabes wird bei der Nutzung von Stabssoftware schlechter!

Pipeline photo

Grunderkenntnis

Informationstechnologie ist nur eine Pipeline und ein Speicher für Wissen. Sie kreiert kein Wissen! Und sie kann nur Wissensgenerierung und -transfer fördern, wenn die Organisation dazu bereit ist. Stabssoftware kann stressige Situationen entschärfen, aber sie ist auch – wie jede Technologie – ein weiterer Stressfaktor, der in kritischen Situationen das Fass zum Überlaufen bringen und somit den Totalausfall des Stabes auslösen kann.

 

Mögliche Schwierigkeiten bei der Stabsarbeit

  • Passwort / „Torwächter-Parole-Problem”
    Einige Produkte verlangen ein – manchmal Aufgaben bezogenes – Passwort, um das Programm zu starten. Da die Stabsmitglieder in der Regel nicht täglich mit dem Programm arbeiten, ist die Anmeldung die erste Herausforderung bei der Nutzung. Hat man sein Passwort einmal vergessen, so zeigen Übungen immer wieder, hilft der Administrator, in dem er es zurücksetzt. „Mein” Administrator musste das Passwort meiner Bürosoftware zuletzt auf „Dussel24” zurücksetzen. Prinzipiell ist das alles kein Problem, aber wie sieht die Sache aus, wenn der Stab des nachts alarmiert wird? Ist der Administrator immer erreichbar?

  • Bedienung / „Dudelsack-Problem”
    Nach dem wir das Programm starten konnten, kommt gleich die nächste Frage: Wie war das doch gleich noch mal dem Befehl für… Sind wir wirklich in der Lage, das Programm unter Stress zu bedienen? Einige Stäbe sind deshalb dazu übergegangen die Bürosoftware zu nutzen, andere verwenden die Stabssoftware auch im Tagesgeschäft.
    Es müssen immer wertvolle Ressourcen (manchmal bis zu 100%) unseres Gehirn für die Bedienung des Programms verwendet werden, die somit nicht für das Nachdenken über die Schadenlage zur Verfügung stehen.

  • Programm liefert Lösungen – Denken ist nicht notwendig / „HAL 9000-Problem”
    Computer sind nicht intelligent und sie können für uns auch keine Entscheidungen treffen. Jedes Programm ist lediglich ein Entscheidungsunterstützungstool. Wer glaubt, dass man nicht mehr denken muss, wenn man einen Computer nutzt, läuft Gefahr, schwerwiegende Fehler zu begehen. Jede Information, die mittels eines Computers gewonnen wurde, ist auf ihre Plausibilität zu hinterfragen.
    Die Verantwortung der Entscheidungsfindung lässt sich auf gar keinen Fall auf eine Maschine abwälzen. (Übrigens auch nicht auf Fachberater, Experten usw.)

  • Verschanzen / „My Workplace is my Castle – Problem”
    Unter Stress neigen wir dazu, uns zu verbarrikadieren oder zu flüchten. Und Computerbildschirme eignen sich hervorragend als Schutzmauern. Aber der Bildschirm ist nicht nur eine reale Barriere zur Außenwelt sondern man kann sich in dessen Inhalt auch sehr gut „vertiefen” und so dem Stabsraum entkommen.
    Film photo
  • Informationsverteilung / „Email-Problem”
    Jeder Sichter kennt das Problem, wem gebe ich nur welchen Zettel vom Vierfachvordruck? Wer benötigt diese Information? Er kann der Beantwortung der Frage entgehen, indem er den grünen Zettel auf eine Odyssee durch alle Stabsbereich schickt. Aber er muss zumindest festlegen, in welcher Reihenfolge er dies tut. Bei den meisten Programmen kann er selbst diese Frage mittels des „Email-Phänomens” umgehen: „Senden an Alle”
    Film photo
  • Informationsmenge / „Filmabspann-Problem”
    Einige Programme bieten die Möglichkeit, Filter einzustellen. Sollten Sie diese Möglichkeit nicht nutzen, so laufen die Meldungen an Ihrem Auge wie der Abspann eines Filmes vorbei. Und seien Sie ehrlich: Kennen Sie noch den Kameramann von Titanic? Und wenn Sie einmal der Versuchung erliegen, zurückzuscrollen, verschärfen Sie nur das Problem.
    Film photo
  • Informationsmenge pro Meldung / „Twitter-Problem”
    Das Schöne an dem Vierfachvordruck ist sein beschränkter Raum, Informationen zu notieren. Einige Programme haben solch ein Beschränkung – wie Twitter – auch. So wird man angehalten, sich kurz zu fassen. Dazu muss man sich anstrengen. Leider haben die Programme häufig die Möglichkeit einen Datei anzuhängen (bei Twitter ein Link anzugeben). Somit kann man es umgehen, selbst zu denken und eine Entscheidung zu treffen und versendet einfach mehrere Seiten lange Memos.
    Doch wer hat in einer Krise die Zeit, diese noch zu lesen?
    Twitter photo
  • Informationsinhalt / „CNN-Problem”
    Einige Programme bieten an, Videoaufzeichnungen einzubinden. Wie bei den Nachrichtenkanäle dieser Welt, können so die Stabsmitglieder die Situation vor Ort in Echtzeit verfolgen. Aber was sehen wir den da wirklich? Es ist das Bild aus einem bestimmten Blickwinkel, unreflektiert. Ist dies wirklich besser, als die Lagemeldung Ihrer Führungskräfte nach deren 360º-Erkundung und Bewertung?

  • Informationstiefe / „Wald vor lauter Bäume – Problem”
    Dank der Möglichkeiten von Stabssoftwares ist es heute möglich, jedes Detail selbst den Mitgliedern von Führungsstäben zur Verfügung zu stellen. Aber welche Informationen werden wo wirklich benötigt? Muss ich im Führungsstab wissen, wo sich welcher Löschzug genau befindet. Mit der Menge an Informationen steigt die Gefahr den Überblick, das „große Bild” aus den Augen zu verlieren.

  • Elektronische Lagekarten / „Yes, I can! – Problem”
    Der Lagekartenführer, der die elektronische Lagekarte bedient, ist meistens – aus gutem Grund – ein Digital Native. Und wie jeder Mensch versucht er, sein Können zu beweisen. Wenn dieser Drang den des Dienen übertrifft, sind die Folgen unterhaltsam, aber kontraproduktiv. Dann werden eben alle Informationen visualisiert, alle Farben des Spektrums verwendete, hin- und herausgezoomt, von Karten- über Satelliten- zur 3D-Darstellung gewechselt usw. Als Zuschauer kann man wirklich von solch einer Performance gefesselt werden. Und mit der Zeit wächst die Hoffnung, dass dieser Experte doch auch mal ein Fehler macht, nur um sicher zu sein, dass er auch nur ein Mensch ist. Und was für ein Hochgefühl, wenn man eine Unzulänglichkeit beim Lagekartenführer entdecken konnte.

Allgemeine Empfehlungen

Sollten Sie über die Beschaffung von Stabssoftware nachdenken, scheint mir folgendes Vorgehen sinnvoll:

  1. Ausbildung aller Stabsmitglieder in Führungs- und Stabslehre
  2. Training des Erlernten in Stabsübungen
  3. Defizitanalyse Ihrer Stabsarbeit mittels Stabsübungen
  4. Ermittlung, was Ihre Stabsmitglieder an Unterstützung wünschen
  5. Analyse der Rahmenbedingungen (Stabsraum, vermutliche Einsatzlagen,…)
  6. Aus 3. bis 5.: Erstellen eines Anforderungsprofils an die Software (Motto: die Software soll sich dem Menschen anpassen nicht umgekehrt)
  7. Marktanalyse
  8. Kauf des Produktes, dass am besten zu Ihren Anforderungen passt und für Sie finanzierbar ist (auf gar keinem Fall, einen Entwicklungsauftrag erteilen)
  9. Schulen der Stabsangehörigen in der Bedienung der Software
  10. Anpassen der Arbeitsweise des Stabes und der Stabsangehörigen an die Software. (Motto: mehr können wir uns nicht leisten, machen wir das Beste daraus)

Software photo

Schlussbetrachtung

Wenn Sie mich fragen, ob Sie Stabssoftware in Ihrem Stab nutzen sollten, werde ich mit „JA, auf jedem Fall” antworten. Aber ich werde Ihnen auch gestehen, dass ich zwar in der Lage bin, einen Kochherd zu bedienen, aber meine selbstgekochten Mahlzeiten schmecken mir trotzdem nicht!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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