Posted On 3. Februar 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 2785 Views

Lagebesprechung und Lagevortrag 

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Lagebesprechungen sind ein wichtiger Teil der Stabsarbeit. Sie bestehen aus den Lagevorträgen und ggf. aus einer kurzen zielgesteuerten Diskussion. Sie sind kein Brainstorming! Sie sollten Grundlage einer jeden richtungsweisenden Entscheidung sein. Lagebesprechungen dienen dazu, ein gemeinsames Lagebewusstsein zu erzeugen. Alle Teilnehmer müssen den Inhalt verstehen, für ihre Aufgaben nutzen können und sie müssen animiert werden, das Notwendige zu tun.

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Grundlegendes zur Lagebesprechung

Die Lagebesprechung dient laut FwDV / DV 100, Abbildung 8 der Beurteilungs- und Entscheidungsfindung. Entsprechend der Aufgabenbeschreibungen der einzelnen Sachgebiete im Anhang der FwDV / DV 100 bereitet der S2 sie vor und der S3 führt sie durch. Die Leiterin des Stabes hat die Aussagen in den Lagevorträgen kritisch zu hinterfragen: sind sie lückenhaft oder gar widersprüchlich? Beruhen Prognosen auf falschen Grundannahmen oder beinhalten die Argumentationen logische Fehler? Die Einsatzleiterin hat sich auf die Einsatz relevanten Angaben zur konzentrieren.

Während der Lagebesprechung ruht bis auf den Nachrichteneingang sämtliche Arbeit, damit jede Person konzentriert folgen kann. Um die „Arbeitspause” so kurz wie möglich zu halten, ist die Lagebesprechung straf zu organisieren. Eine Lagebesprechung sollte 5 Minuten nicht überschreiten. In Ausnahmefällen können bis zu 10 Minuten toleriert werden. Jede Person, die einen Beitrag zu leisten hat, hat sich entsprechend akribisch auf ihn vorzubereiten. Trotz der Kürze müssen alle wichtigen Informationen adäquat dargestellt werden. Eine Todsünde ist es, wenn jedes Sachgebiet, Fachberater und Verbindungsperson abgefragt wird. Grundsätzlich tragen nur die Stabsleiterin sowie der S2, S3 und S5 vor. Diese haben im Vorfeld die notwendigen Informationen einzuholen und entsprechend aufbereitet vorzutragen. Nur bei groben, Einsatz entscheidenen Fehler bzw. wichtigen neuen Informationen, die nicht mehr in den Lagevortrag eingearbeitet werden konnten, haben die anderen Personen im Stab zu intervenieren.

Eine Lagebesprechung kann folgender Maßen aufgebaut sein:

  • Lagevortrag durch Einsatzleiterin, S2, S3 und S5
  • Wenn notwendig: Einwände / Ergänzungen durch die anderen Sachgebiete, Fachberater und Verbindungspersonen
  • Einwände / Nachfragen zu logischen Inhalten durch die Leiterin des Stabes
  • Einwände / Nachfragen zu Einsatz relevanten Inhalten durch die Einsatzleiterin
  • Wenn notwendig: Entscheidungen der Einsatzleiterin, Benennung neuer Einsatzziele
  • Benennung des Zeitpunkts der nächsten Lagebesprechung durch die Einsatzleiterin
  • Zusammenfassung der Aufgaben und erwarteten Ergebnisse bis zum Zeitpunkt der nächsten Lagebesprechung durch den S3

Die Moderation erfolgt durch den S3, damit die Einsatzleiterin und die Leiterin des Stabes sich voll auf ihre Aufgaben (das kritische Hinterfragen) konzentrieren können. Die Lagebesprechung beginnt mit der ”Eröffnung” durch den S3. Es hat sich als positiv erwiesen, dazu ein akustisches Signal (Glocke) zu nutzen. Jede Person im Stab hat nun ihre Arbeit einzustellen, z. B. ein Telefonat zu beenden. Letzteres wird vom Gegenpart sicherlich nicht als unhöflich empfunden, wenn man frühzeitig im Gespräch darauf hinweist, dass in 5 Minuten eine Lagebesprechung beginnt.

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Beginn der Lagebesprechung mit dem Lagevortrag

Lagevorträge sind Mittel zur Lageerfassung und -darstellung (siehe Abbildung 8 der FwDV / DV 100). Aus der Psychologie ist bekannt, dass Menschen von einem Vortrag im wesentlichen die erste und die letzte Aussage im Gedächtnis behalten. Dies sollte beim Aufbau des Lagevortrages berücksichtigt werden. Auch Bilder, Grafiken erleichtern unter Umständen das schnelle Verstehen. Als negatives Beispiel hat der so genannte „Afghan Spaghetti Bowl” eine gewisse Berühmtheit erlangt (siehe z. B.: http://www.nytimes.com/2010/04/27/world/27powerpoint.html?_r=0). Jeder Adressat sollte mit der Form der Informationsvermittlung vertraut sein, weshalb eine standardisierte Form, die immer wieder genutzt wird, zu bevorzugen ist.

Es können zwei Arten von Lagevorträgen unterschieden werden:

  • Lagevortrag zur Unterrichtung und
  • Lagevortrag zur Entscheidung.

Der zweite unterscheidet sich vom ersten durch die Darstellung von Einsatzalternativen durch den S3 und der darauffolgenden Entschlüsse der Einsatzleiterin.

Wenn jede Person seine Aufmerksamkeit dem Lagevortrag widmet, beginnt die Einsatzleiterin mit der Erläuterung des Einsatzauftrages und der Einsatzrichtlinien, wenn diese neu sind bzw. sich verändert haben.

Die ”Fremdlagen” werden vom S2 vorgetragen. Dazu zählen alle Informationen, die nicht die eigenen Einsatzkräften betreffen:

  • Schadenlage, für die der Stab zuständig ist
  • parallele Schadenlagen
    • Tagesgeschäft im eigenen Zuständigkeitsbereich
    • Schadenlagen benachbarter Bevölkerungsschutzführungsgremien
    • Polizeilage
    • Lage weiterer Behörden

Anschließend werden die Prognosen dieser Schadenentwicklung dargestellt. Dieses ist nicht immer leicht, aber für die weitere Planung unverzichtbar. Der S2 hat sich auf die Weiterentwicklung der Szenarien unabhängig der zukünftigen Einsatzmaßnahmen zu konzentrieren. Die Berücksichtigung der Letzteren erfolgt durch den S3 im Anschluss der gesamten Lagedarstellung.

Die ”Eigenlage” wird von den S2, dem S5 und dem S3 vorgetragen. Die Aufgabe des S2 ist dabei im wesentlichen die Darstellung von

  • Ordnung des Raumes
  • Führungsorganisation
  • bisherige Einsatzschwerpunkte
  • Kräftelage (Soll und Ist)
  • eingeleitete Maßnahmen
  • erzielte Ergebnisse

Danach stellt der S5 die Medienlage dar. Entscheidender als die Auswertung der Berichterstattung bezüglich der Schäden ist es, darzustellen, wie die Medien über die Gefahrenabwehr berichten: Vertrauen sie den Gefahrenabwehrbehörden oder werden letztere kritisiert? Werden andere als die offiziellen Stellen als kompetente Sachverständige dargestellt? Geben diese vielleicht sogar andere Empfehlungen als die offiziellen Stellen? Neben den offiziellen Medien sind auch die Social Media mit zu betrachten. Operativ-taktisches Ziel einer jeden Medienarbeit muss es sein, die Meinungsführerschaft zu behalten bzw. zu gewinnen. Nur so kann bei Bedarf die Bevölkerung zu einem bestimmten Verhalten (z. B. ein gewisses Gebiet zu verlassen) animiert werden.

Aufgabe des S3 ist es, den momentanen Einsatzwert der eigenen Kräfte darzustellen. Nach 6 Stunden Einsatz dürfte der Einsatzwert einer jeden Einheit deutlich abgenommen haben.

Abschließend prognostiziert der S3 die zu erwartenden Einsatzerfolge / Meilensteine der Einsatzplanung entsprechend des wahrscheinlichsten und des Worst-Case-Szenarios.

An diesem Punkt endet der Lagevortrag zur Unterrichtung.

Bei einem Lagevortrag zur Entscheidung trägt der S3 nun seine Einsatzpläne einschließlich deren Vor- und Nachteile sowie einen Entschlussempfehlung vor. Die Leiterin des Stabes hat darauf zu achten, dass der S3 mehr als eine realistische Option vorträgt. Bei einem alternativlosen Vorschlag kann die Einsatzleiterin nicht entscheiden.

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Das Ende der Lagebesprechung: die Entscheidungen

Die Einsatzleiterin entschließt sich dann für eine Alternative und gibt bekannt, wann die nächste Lagebesprechung stattfindet. Der S3 fasst nun die getroffenen Entscheidungen kurz zusammen und leitet daraus die Teilaufgaben und zu erreichenden Ziele bis zur nächsten Lagebesprechung ab. Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, wenn der S3 die Sachgebiete, die für die einzelnen Teilaufgaben verantwortlich sind, direkt anspricht: „Ich erwarte vom S1, dass das Personal der TEL Ruhfäutchenplatz bis zur nächsten Lagebesprechung durch frische Einheiten ersetzt wird!”

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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