Posted On 6. Mai 2015 By In Bevölkerungsschutz, Social Media, Technologie With 1460 Views

Kurze Geschichte der Social Media im Krisenmanagement

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Die Bedeutung der Social Media in Krisensituationen nimmt derzeit unaufhörlich zu. Dies liegt zum einen daran, dass immer mehr Menschen die Social Media besonders via Smartphones nutzen und zum anderen, dass immer mehr Tools zur Verfügung stehen. Ein kurzer Rückblick auf einige (persönlich ausgewählte) Meilensteine zeigen einige positive wie einige negative Aspekte dieser Entwicklung.

Südostasien Tsunami 2004

Ich fange bewusst mit einem Ereignis an, dass noch in der „Vor-Social-Media-Phase” datiert. Aber hier trat vermutlich erstmals deutlich ein Phänomen auf, dass das heutigen Krisenmanagement charakterisiert: die Informationsflut. So schätzte UN-OCHA, dass im Großraum Banda-Aceh mehr als 250 Organisationen tätig waren, von denen sich lediglich 25% bei der UN registriert hatten. Als Teil eines Assessment Teams berichtete alleine ich via Mobiltelefon an zwei unabhängige Organisationen in Deutschland. Meine Berichte enthielten Informationen, die ich selber gesehen habe, gehörte Informationen von Augenzeugen und zusammengefasste, bewertete Informationen der unterschiedlichen Organisationen, die vor Ort tätig waren. Für die Backoffices ergab sich das Problem, dass sie Informationen auf unterschiedlichen, unabhängigen Kanälen erhielten: manche waren einmalig aber manche wurden auch auf mehreren Kanaillen transportiert. Um ein Situationsverständnis zu erhalten, war zu entschieden, ob z. B. bestimmte Opferzahlen den selben Sachverhalt beschrieben oder unterschiedliche und somit addiert werden mussten.

7/7 London Bombings 2005

Alexander Chadwick sandte Handybilder in Realtime aus einer der betroffenen U-Bahnen an die BBC, New York Times und Washington Post. Wenig später waren seine Bilder auf Fickr verfügbar. Während wir bei den 9/11 Terroranschlägen in New York noch live als Außenstehende die Ereignisse verfolgten, waren wir diesmal im Mittelpunkt des Geschehens. Eine Nachrichtensperre der Behörde ist in solch einer Situation natürlich undenkbar.

Virginia Tech Shooting 2007

Die geretteten Studenten der Virginia Tech nutzen noch auf dem Campus ihre Smartphones, um mitzuteilen, dass sie noch am Leben sind. Schnell wurden ihnen klar, dass diejenigen, von denen keine Informationen eintrafen, die aber an diesem Vormittag in der Schule waren, zumindest schwer verletzt sein mussten. So kam es, dass die Namen der Getöteten schneller im Netz veröffentlicht wurden, als die Behörden in der Lage waren, deren Angehörige zu informieren.

 

Präsidentenwahlen in Kenia 2007

Nach den Präsidentschaftswahlen 2007 kam es Kenia zu gewalttätigen Unruhen. Eine Nichtregierungsorganisation sammelte Augenzeugenberichte, die sie via Email und SMS erhielt und veröffentlichte diese Informationen auf Google Maps. Somit standen diese Informationen allen Menschen kostenlos zur Verfügung. Die Idee des Crowd Mapping hat sich seit dem Lawinen artig über die gesamte Welt ausgebreitet.

Terroranschläge in Mumbai 2008

Zur Vorbereitung der Terroranschläge nutzen die Terroristen Google Earth. So waren sie über die Örtlichkeiten bestens vertraut, ohne langfristige Aufklärungen vor Ort betreiben zu müssen. Zusätzlich koordinierten sie ihren Einsatz mittels Mobiltelefonen.

Erdbeben in Haiti 2010

Das Erdbeben in Haiti hat die Nutzung von Social Media im Krisenmanagement immens voran gebracht. Obwohl oder gerade weil dieses Ereignis den großen Schwachpunkt dieser Technologie deutlich aufzeigte: Die Flut an zur Verfügung stehenden Informationen. Aber die V&TCs (Volunteer and Technical Communities) konnten eindrucksvoll ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Als Beispiel möchte ich kurz auf die Mission 4636 eingehen. Es zeigte sich sehr schnell, dass die meisten Mobiltelefonsendemasten weiterhin funktionierten. Telefongesellschaften in Haiti stellten die kostenlose Telefonnummer 4636 zur Verfügung. Die eingehenden Phone- und Textnachrichten wurden in über 50 Staaten von kreolisch-sprechende Freiwillige ins Englische übersetzt und auf elektronische Karten verzeichnet, damit die internationalen Hilfskräfte vor Ort diese Daten nutzen konnten. Diese Arbeit erfolgte ohne Unterbrechung rund um die Uhr. Innerhalb von 48 Stunden lief das gesamte System stabil, dank der Unterstützung durch ActiveXperts, Energy for Opportunity, The ExtraOrdinaries, FrontlineSMS:Medic, Google.org, MIT Media Lab, Sahana, Stanford University, US State Department, Ushahidi und Votident. Ansprechpartner vor Ort waren Experten der Thompson Reuters Foundation und von InSTEED (u. a. Eric Rasmussen). Innerhalb von Tagen entwickelte sich das Projekt zu einer vertrauensvollen Informationsquelle. Das Ushahidi@Tufts-team und Sahana arbeiteten ebenso mit wie das US Marine Corps.
In der vierten Woche wurden pro Tag ca. 1.000 Nachrichten übersetzt, kategorisiert und geolokalisiert den Einsatzkräften vor Ort zur Verfügung gestellt.

Ostjapan Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe, 2011

Dieses Katastrophe zeigt die vielfältigen Möglichkeiten von Smartphones. Mittels einer besonderen App kann der CMOS-Chip der eingebauten Kamera für radiologische Messungen verwendet werden. Derzeit sind die  Messergebnisse noch nicht so gut, dass die Smartphones übliche Dosimeter ersetzen könnten. Aber es ist ein Beispiel, dass Messtechonolgie, die bisher nur Experten zur Verfügung standen, zukünftig vermutlich Jedermann zur Verfügung stehen wird.
Flutkatastrophe in Queensland, Australien, 2011

Während der Flutkatastrophe wurde zum ersten Mal im großen Umfang Social Media von der Bevölkerung genutzt, um sich zu informieren. Das Aufkommen von Gerüchten aufgrund von bewussten und unbewussten Falschmeldungen entgegnete die Queensland Police mit dem Hashtag „#Mythbuster” in dem Falschmeldungen korrigiert wurden. Dieses Hashtag entwickelte sich zu dem meistbesuchten während der Katastrophe.

Hurricane Sandy, 2012

Sandy zeigte eindrücklich, welche Kapazitäten Spontanhelfer, die Social Media zur Kommunikation nutzen, bewirken können. So verwandelte sich die Occupy Wallstreet Bewegung schnell zur Occupy Sandy Bewegung und konnte innerhalb von vier Wochen 60.000 Freiwillige motivieren, mitzuhelfen. Das waren mehr als viermal soviel Helfer wie das Amerikanische Rote Kreuz einsetzte. Bereits ein Woche nach dem Sturm lieferten sie pro Tag 10.000 Essen aus, dafür waren nicht nur 15.000 Spontanhelfer notwendig sondern auch ein eigener Carpool. Das Amazon Wedding Registry wurde kurzerhand in das Occupy Wedding Registry umgewandelt, mit dem Spenden Punkt genau zum Bedarf an die Betroffenen ausliefert werden konnte.

Das Homeland Security Studies and Analysis Institute stellt in seinem Bericht „THE RESILIENT SOCIAL NETWORK @OccupySandy #SuperstormSandy (30 September 2013) für das Department of Homeland Security Science and Technology Directorate fest: „Unlike traditional disaster response organizations, there were no appointed leaders, no bureaucracy, no regulations to follow, no pre-defined mission, charter, or strategic plan.”

Terroranschläge in Nairobi 2013

Das besondere bei diesen Anschlagen war, dass der Terroristenführer via Social Media Pressekonferenzen gab und behauptete, er würde im direkten Kontakt mit den Terroristen in der Mall stehen. Der Kampf um die Deutungshoheit von Ereignissen hat somit eine weitere Stufe erreicht. Liveberichte der Terroristen von ihren Taten werden wohl zukünftig folgen.

Taifun Haiyan 2013

Nach dem Taifun Haiyan wurden erstmals Flugdrohnen zur Aufklärung im Bereich der Schadenabwehr erfolgreich eingesetzt.

 

Fazit

Sie sehen, die Entwicklung ist schnell und recht unterschiedlich. Die positiven Beispiele empfinde ich sehr beeindruckend, die negativen erschreckend. Als Bevölkerungsschützer werden wir die Entwicklung nicht aufhalten und nur bedingt beeinflussen können. Also lassen Sie uns lernen, mit Ihnen positiv umzugehen!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten

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