Posted On 20. Januar 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 3412 Views

Intuitive Entscheidungsfindung im Bevölkerungsschutz

follow and like us:
0

Wissenschaftliche Forschungen haben aufgezeigt, dass die Entscheidungsfindung unter Stress nicht immer so rational abläuft, wie es in der FwDV/DV 100 beschrieben wird. Häufig (evtl. sogar immer) wird intuitiv (aus dem Bauch) entschieden. Befragt man die Entscheider im Nachhinein, so wird zwar häufig die Entscheidung rational begründet, aber ob dies mehr eine unbewusste Rechtfertigung ist oder der Wahrheit entspricht, ist schwer zu sagen. Versuchsszenarios leiden alle an unvermeidbarer Künstlichkeiten. Deshalb ist es letztendlich nicht sicher, wie jemand eine Entscheidung unter Stress wirklich trifft. Den rationalen Ansatz habe ich in meinem letzten Blog „Rationale Entscheidungsfindung im Bevölkerungsschutz” kurz beschrieben. Bereits diese kurze Beschreibung zeigt auf, dass Entscheidungsfindung in komplexen Situationen selbst bei einer guten Ausbildung nicht trivial ist.

Deshalb empfahl Garry Klein (Sources of Power. How People Make Decisions; Cambridge, Massachussetts: MIT Press, 1998 / dt: Natürliche Entscheidungsprozesse, Paderborn: Junfermann Verlag; 2003) einen intuitiven Ansatz. Er kam zu seinem Ergebnis durch die Befragung von Personen, die in zeitkritischen Situationen Entscheidungen zu treffen hatten (Feuerwehrleute, Ärzte, Piloten usw). Entscheidend für seinen Ansatz ist das Controlling nach der Entscheidung: der Entscheider muss seine Erwartung, wie sich eine Lage aufgrund seiner Entscheidung weiterentwickelt mit dem tatsächlichen Geschehen abgleichen und ggf. ständig seine frühere Entscheidung verändern.

 

Entscheidungsprozess

Der Entscheidungsprozess kann in einem Kreisbild dargestellt werden (siehe Abbildung).

Intuitive Entscheidungsfindung.001

Abbildung: Darstellung des intuitiven Entscheidungsfindung nach G. Klein

Tritt ein Problem auf, dann suchen wir in unserem Gedächtnis, ob wir dieses Problem kennen und wir oder jemanden anderes es schon einmal erfolgreich gelöst hat. Ist dies der Fall, dann kopieren wir das damalige Vorgehen. Diese Verhalten kann man bei mir vor automatisch öffnenden Türen (z. B. vor dem Supermarkt) eindrücklich beobachten

  • Problem: Tür ist geschlossen, ich möchte aber in den Supermarkt. 
  • Alte Lösungsstrategie: Tür öffnet sich, wenn ich auf die Tür zugehe.
  • Entschluss: beherzt auf die Tür zugehen.

Nun gibt es zwei Alternativen:

  1. Ich vertraue darauf, dass meine Entscheidung zum Erfolg führen wird. (Vorgehen als Optimist)
  2. Ich vertraue der Entscheidung nicht und stelle eine Prognose auf (Tür öffnet sich) und vergleiche dies mit der Realität beim Annähern an dieselbe. (Tür noch zu – Tür noch zu – Tür noch zu – ?) (Vorgehen als Skeptiker)

Gelegentlich öffnet sich die Tür nicht. Die erste Alternative führt dazu, dass der Fensterputzer später meinen erstaunten Gesichtsausdruck als ehemaliger Optimist von der Fensterscheibe der Tür entfernen muss. Bei der zweiten Alternative bleibe ich wie die meisten Menschen kurz vor der Tür stehen und deute das Problem um: Ich war zu schnell oder ich bin zu klein. Nun wiederholt sich der Entscheidungsprozess: ich gehe vor und zurück und winke in Richtung der oberen Teils der Tür – ich tue in der Regel beides gleichzeitig. Stellen Sie sich bitte einmal vor, sie seien eine Wissenschaftlerin, die selbstöffnende Türen nicht kennt und die die Entscheidungsstrategie von Menschen in Deutschland untersuchen möchte. Vielleicht kommen Sie beim Beobachten meines Verhaltens zu dem Schluss, dass Deutsche an einen geheimnisvollen Türöffnungsgnom glauben, der die Tür öffnet, nachdem ihm mittels eines rituellen Tanzes gehuldigt wurde.

Meistens öffnet sich nach einem kurzen „Tanz” die Tür. Was aber wenn nicht? OK, Sie können sich jetzt das weitere Vorgehen vorstellen: Verstärken der bisher erfolglosen Strategien – Klopfen – lauter Klopfen und Schreien usw. Einige Untersuchungen haben ein spannendes – statistisch signifikantes – Ergebnis zu Tage geliefert: Männer sind von ihrer Vorgehensweise so überzeugt, dass sie ihre Anstrengungen immer mehr steigern, während Frauen früher in Zweifel geraten und ihr Vorgehen hinterfragen. Männer versuchen mit dem Kopf durch die Wand zu gelangen – Frauen suchen nach einer Tür.

Kritisch an der intuitiven Methode ist, dass es nie zwei vollkommen identische Situationen gibt. Selbst wenn es uns so scheint, dass die jetzige Entscheidungssituationen vollkommen gleich zu einer vergangenen ist, finden sie doch zu verschiedenen Zeiten statt. Streng genommen existiert nur der Strang „Ähnliches Problem schon mal erfolgreich gelöst”. Wir müssen also in unserem Gedächtnis nach Ereignissen suchen, die dem jetzigen Problem möglichst nahe kommen. Dies fällt uns umso leichter, je mehr Ereignisse wir im Kopf abgespeichert haben, d. h. je mehr Erfahrung wir besitzen. Dies ist analog zu einem Satz von Schraubendrehern und Schrauben: mit einem Schlitzschraubendreher kann man eine Kreuzschlitzschraube eindrehen, aber besser ist es, wenn man einen möglichst passgenauen Dreher verwendet.

Nun können die meisten Einsatzleiterinnen nur wenige eigene Erfahrungen in großen Schadenlagen oder Katastrophen sammeln, weil diese ja relativ selten auftreten. Wie kann man nun also seine „Werkzeugkiste” im Kopf so bestücken, dass man im Fall der Fälle, den passenden Schraubendreher zur Verfügung hat? Die Antwort findet sich beim Militär, dass sich in der Regel der gleichen Problematik gegenübersieht: (Selbst-) Studium vergangener und fiktiver Lagen.

 

Einsatzalternativen im Kopf sammeln

Es gibt mehrere Herangehensweisen, die sie alle nutzen sollten, um den größten Gewinn für sich selber zu erzielen.
Als erstes steht die Ausbildung. Ob sie einen Grundkurs in Einsatzlehre an einer Landesfeuerwehrschule bzw. Schule der Hilfsorganisationen besuchen oder sich eines E-Learning-Moduls bedienen, ist dabei nicht entscheidend: Sie müssen die Grundlagen einfach lernen. Fühlen Sie sich in den Grundlagen zu Hause, dann sollten sie beginnen, dieses virtuell anzuwenden. Dazu bieten sich unter anderem an:

  • Stabsübungen
  • Planspiele
  • kritisches Lesen von Einsatzberichten
  • Durchdenken von kritischen Situationen

Dabei bedienen Sie sich einer zeitgedehnten Simulation einer realen ehemaligen oder möglichen zukünftigen Lage. Lassen Sie sich Zeit und nutzen sie den in meinem vorherigen Blog beschriebenen, rationalen Entscheidungsfindungsprozess. Und hinterfragen Sie alles: alte Weisheiten, Standardeinsatzregeln, Empfehlungen von Experten… – selbst meine Aussagen. Mit der intellektuellem Beschäftigung von Katastrophen wird sich langsam Ihr Werkzeugkasten füllen.

Edward John Smith, Kapitän der Titanic

Ein Paradebeispiel mangelnder Vorbereitung auf Krisensituationen lieferte Edward John Smith (27.01.1850-15.04.1912). Für den erfahrenen Kapitän der Titanic war es undenkbar, dass das Schiff sinken kann. Dass ihn die Situation unvorbereitet traf, spiegeln seine Führungsfehler wieder.

Mentale Vorbereitung führt zum Erfolg

Als positives Beispiel können Sportlerinnen und Sportler angesehen werden: ihre mentale Vorbereitung auf einen entschiedenen Versuch bei den Olympischen Spielen ist selbst durch den Fernseher zu spüren.

Was einem Sportler recht ist, sollte einer Einsatzleiterin nur billig sein: tägliche mentale Vorbereitung auf den entscheidenen Einsatz.

 

Welche Methode der Entscheidungsfindung ist nun zu bevorzugen?

Die Frage ist leicht zu beantworten, wenn Sie wissen, wie viel Zeit Sie zur Entscheidung haben. Umso mehr Zeit Sie haben, desto eher ist die rationale Entscheidungsfindung zu verwenden.

Strategische Entscheidungen, also Entscheidungen vor der Katastrophe, wie Bedarfs- und Einsatzpläne sind rational zu entscheiden. Bei Taktischen ist meistens die Intuitive anzuwenden. Dies ist kein Problem, solange das Controlling nicht vergessen wird. Haben Sie ruhig den Mut aus dem Bauch zu entscheiden, aber seien Sie sich dies stets bewusst.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten

Letzte Artikel von Andreas Karsten (Alle anzeigen)

follow and like us:
0

Tags : , , , , , , ,

LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com

Enjoy this blog? Please spread the word :)

RSS35
Facebook0
Facebook
Twitter20
LinkedIn
Google+
http://jemps.de/intuitive-entscheidungsfindung-im-bevoelkerungsschutz/
Follow by Email