Posted On 21. Juli 2015 By In Bevölkerungsschutz, Technologie With 2021 Views

Interschutz 2015 – ein (so nicht geplanter) Rückblick

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Ich grübelte tagelang, wie ich die Interschutz 2015 beurteilen soll. Erwartungen hatte ich ja immerhin [26.05.2015]. Aber wurden sie auch erfüllt? Zum Glück half mir ein Artikel in „Zeit Online” [http://www.zeit.de/2015/28/feuerwehr-digitalisierung-roboter].

Der Autor des Zeitartikels hat ja vollkommen recht: auch ich frage mich, warum die Drehleitern immer länger werden müssen. Auch über den Sinn des schnellsten Löschfahrzeuges der Welt kann man trefflich diskutieren. Aber es gab auch einsatztaktisch sehr Sinnvolles zu sehen. So verwendet ein Anbieter für den Leiterpark seiner Drehleiter neue Materialien und erreicht dadurch eine größere Maximalausladung.
Ich möchte mich aber im Folgenden auf zwei Aspekte des Artikels beschränken: Feuerwehr-/Brandschutz-/Bevölkerungsschutzforschung und dem Image der Feuerwehren.

Allgemeines zur Brandschutzforschung

Akademische Feuerwehrforschung: was kann sie und was nicht? Sie kann ein Brandereignis mehr schlecht als recht beschreiben, das stimmt. Aber das liegt nicht am Föderalismus oder daran, dass die Brandschutzforschung noch eine junge Disziplin ist. Es liegt vielmehr in der Natur der Sache. Die Physik (sicherlich eine der exaktesten Wissenschaften) kann gerade mal zwei Zustände exakt beschreiben: das absolute Nichts und unendlich viele Teilchen. Beide Zustände kommen leider in der Natur nicht vor. Manche Vorgänge kann sie sehr gut beschreiben (z. B. die Vorgänge der Quantenelektrodynamik), andere wiederum weniger (z. B. die Bewegung eines Wassermoleküls im Rhein bei Bingen).

Wir sollten von der Brandschutzforschung nicht mehr verlangen als von der Physik.

 

Brandschutzforschung und Schutzzieldefinition

Die Frage nach dem Schutzziel (Wie viel Feuerwehreinsatzkräfte haben in welcher Zeit an der Einsatzstelle zu sein?) ist eine politische, keine wissenschaftliche. Es ist die Frage, welches Risiko wir als Gemeinschaft bereit sind, zu tragen. 100% Sicherheit, bei einem Unglücksfall nicht zu sterben, hätten wir selbst dann nicht, wenn jeder von uns eine Löschgruppe als Leibgarde zugeteilt bekäme. Die Frage, die die Politiker und somit letztendlich wir als Wähler zu beantworten haben, lautet: wollen wir das vorhandene Geld dafür ausgeben, den Brandschutz zu verbessern oder wollen wir es nutzen, um einen weiteren Kindergarten zu betreiben, ein Schwimmbad zu renovieren, ein Opernhaus zu unterhalten, …? Durch den Transfer einer politischen Entscheidung (wie sie in Baden-Württemberg nach entsprechender Güterabwägung getroffen wurde) in den Bereich der wissenschaftlichen Erkenntnisse versuchen einige Verantwortungsträger aus Politik, Verwaltung und auch Feuerwehr, ihre Verantwortung abzuschieben. Dies sollten wir nicht tolerieren, auch wenn wir es menschlich nachempfinden können.

Und ich finde es überhaupt nicht schlimm, je nach Lage aus dem Bauch, Pi-mal-Daumen oder analytisch zu entscheiden. Jede dieser Entscheidungsarten hat ihre Vor- und Nachteile. So liefert jede dieser Methoden in einer bestimmten Situation lediglich eine größere Chance, keine Fehlentscheidung zu treffen. (siehe meine Blogs zur Entscheidungsfindung).

(Übrigens wie lautet eigentlich das Schutzziel der Polizei? „Bei einer Geiselnahme in einer Bank müssen nach x Minuten y Polizeieinsatzkräfte vor Ort sein?”)

Schutzziele machen Sinn, um den Qualitätsstandard zwischen Gebietskörperschaften zu vergleichen und zu fragen, warum Unterschiede bestehen. Die große Anzahl von Feuerwehrbeamten bei der Westberliner Feuerwehr war unter anderem darin begründet, dass zu Zeiten der deutschen Teilung eine Nachbarschaftshilfe nahezu ausgeschlossen war. Dieses Benchmarking ist mühsam, aber möglich und fruchtbar, wie die KGSt mit ihren Vergleichsringen zu den Feuerwehren zeigen konnte.

Letztendlich beeinflussen viele Faktoren das Schutzziel: Wahrnehmung der vorhandenen bzw. erwarteten Risiken, Infrastruktur, Nachbarschaft, Fähigkeit der Bevölkerung zur Selbsthilfe etc. und letztendlich die finanziellen Möglichkeiten.
Interessant ist es, dass die alte Faustregel aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts: pro 100.000 Einwohner eine Berufsfeuerwache und pro 1.000 Einwohner ein Berufsfeuerwehrmann heute immer noch gut mit den neueren Erkenntnissen übereinstimmt.

Brandschutzforschung und Förderungsrichtlinien

Es gibt ganz hervorragende Ergebnisse der Brandschutzforschung, die auch auf der Interschutz zu sehen waren, die aber leider in der Fahrzeugarmada untergingen. Wir brauchen vielleicht eine eigene „Messe”. Hier könnte das US amerikanische Star-Tides Programm ein Vorbild sein, in dem Forscher die Möglichkeit bekommen, ihre Entwicklungen in einem realistischen Einsatzumfeld Experten des Bevölkerungsschutzes vorzustellen, um von letzteren Tips für Verbesserungen zu erhalten.

In Deutschland werden jährlich eine Vielzahl von erfolgsversprechenden Prototypen mit Hilfe der öffentlichen Förderprogramme entwickelt. Aber nur wenige dieser Prototypen werden dann zu marktreifen Produkten. Im Rahmen der Forschungsprogramme dürfen aufgrund der Förderungsrichtlinien keine marktreifen Produkte entwickelt werden. Anders in den USA, wo z. B. das MIT Lincoln Laboratory (übrigens zu 100% vom US Verteidigungsministerium finanziert!) in Zusammenarbeit mit CalFire eine Software entwickelt hat, die die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Behörden bei Katastrophen ebenenübergreifend unterstützt (vergleichbar dem deutschen Projekt SECURITY2People). Die Software konnte in Einsätzen ihre Leistungsfähigkeit zwischenzeitlich nachweisen.

Um eine Verbesserung der Forschungssituation in Deutschland zu erreichen, bedarf es Änderungen in den Förderungsrichtlinien der öffentlichen Hand. Dabei sind allerdings vor allem grundsätzliche Themen wie Subventionen und Sponsoring zu diskutieren.

Technologie rettet keine Leben

Und dann ist Technologie bei Weitem nicht alles: die Menschen müssen, diese Werkzeuge auch unter Stress, bei schlechtem Wetter usw. bedienen können. Gut ausgebildete Einsatzkräfte sind das zweite Standbein für einen leistungsfähigen Bevölkerungsschutz. Aber gute Ausbildung ist nur schwer auf einer Messe wie der Interschutz sexy darzustellen, wie die unterschiedlichen „Menschentrauben” vor den neuen Bundes-Fahrzeugen und der AKNZ am BBK Stand zeigten.

Helden unter sich?

Als jemand, der seit 36 Jahren Mitglied in einer Feuerwehr ist, fällt mir im Rückblick zur Interschutz beim Lesen des Zeitartikels auf, dass unser Bild in der Öffentlichkeit trotz aller Bemühungen durch DFV, vfdb, AGBF, Versicherungen, Länder,… immer noch verbesserungsfähig ist. Helden, Frauenquote, sexistische Kalender. Ich möchte nur auf einen dieser Aspekte eingehen, die Helden.
Also ich war nie und bin auch heute kein Held. Ich bin Feuerwehrmann, weil mein Vater und mein Bruder auch welche waren, weil ich als Wissenschaftler keine Anstellung bekam und weil es auch irgendwie Spass macht, weil es mich befriedigt und weil ich bei der Feuerwehr Freunde treffe. Ich bin stolz, bei der Feuerwehr und heute im Bevölkerungsschutz tätig zu sein – und zwar sehr.
Ich habe auch „Pseudohelden” – in den Kantinen und Kneipen – der Ausbildungseinrichtungen getroffen. Aber wirklich beeindruckt haben mich andere. Die meisten Frauen und Männer, Mädchen und Jungen sind bei der Feuerwehr, weil sie etwas Sinnvolles für unsere Gemeinschaft tun wollen, wie andere Menschen in den Bereichen Sport, Kunst, Erziehung, Pflege,…. Sie gehen alle ihrem Beruf / ihrer Berufung best möglich nach. Sie sind (ehrenamtliche oder bezahlte) Profis – aber Helden?
Und seinen wir doch mal ehrlich. Der Ruf der deutschen Feuerwehren ist im nationalen wie internationalen Vergleich hervorragend. Weshalb also die Aufregung in den Kommentaren, zu dem Zeitartikel? Wenn jemand ein unzutreffendes Bild von der deutschen Feuerwehren hat, liegt dies vermutlich nicht an dessen Sehstärke sondern an unserer Außendarstellung. Lassen Sie uns alle damit anfangen diese weiter zu verbessern! Ob dazu aber eine Interschutz geeignet ist, bezweifle ich.

DGSMTech

Schlussbetrachtung

Ach ja eins noch: ich bin mit unserem (DGSMTech) Auftritt bei der Interschutz sehr zufrieden. Für einen Verein, der in einem halben Jahr seinen ersten Geburtstag feiert, war es ”not too bad!”

Und vielen Dank sehr geehrter Zeitautor, sie haben sehr eindrücklich beschrieben, wie wir in Teilen der Öffentlichkeit gesehen werden. Ich hoffe, wir sehen uns bei der Interschutz 2020 und Sie werden dann einen besseren Eindruck mit nach Hause nehmen!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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