Posted On 27. Januar 2015 By In Bevölkerungsschutz With 1510 Views

Informations- und Wissensmanagement in Stäben

follow and like us:
0

Um gut entscheiden zu können, ist es wichtig, aus den zur Verfügung stehenden Daten, Wissen zu generieren. Daten, Informationen, Wissen und Weisheit können wie folgt unterschieden werden:

  • Daten: grundlegende unorganisierte Fakten
  • Informationen: organisierte Daten
  • Wissen: Verstandene Informationen
  • Weisheit: Auslese, basierend auf Verstehen, Erfahrungen und Prinzipien

(siehe z. B. Marincioni, Fausto; Information technologies and the sharing of disaster knowledge: the critical role of professional culture; zuerst veröffentlicht 2007: doi: 10.IIII/j.0361-3666.2007.01019.X)

Daten in Informationen zu transformieren, ist Aufgabe des S2. Danach müssen alle Stabsmitglieder aus letzterem Wissen generieren. In der Einsatznachbesprechung kann dann im besten Fall aus dem Wissen Weisheit entstehen.

IMG_1164

Daten

Ausgangspunkt ist die Sammlung von Daten. Der S2 hat sich stets folgende Fragen vor Augen zu halten:

  1. Haben wir die Daten, die wir gerade jetzt benötigen?
  2. Gibt es Bereiche, die wir beachten müssen, aus denen keine Daten vorliegen?
  3. Können wir aus diesen Daten einen Sinn erzeugen?

Was bedeutet es eigentlich, wenn auf dem nördlichen Gebiet des Ortenaukreises Informationen vorliegen, dass der Rheindeich gebrochen ist und aus dem südlichen liegen gar keine Informationen vor? Bedeutet dies, dass dort der Deich nicht gebrochen ist oder dass die Kommunikationswege unterbrochen sind?

Um die Informationslage zu verbessern, können neben den Lagemeldungen auch Social Media verwendet werden. Dabei stellt sich die Frage, wie diese Datenmenge (Big Data) analysiert werden kann. Erste Forschungsergebnisse (z. B. http://www.va-sa.net oder http://www.insight-ict.eu) haben ermutigende Ergebnisse geliefert. Solange aber keine befriedigende Analysetools zur Verfügung stehen, bedarf es eine Vielzahl von Menschen, um die Social Media auszuwerten (siehe zum Beispiel Martini, Stefan; Studierende im Ebola Onlinekatastrophenhilfe-Einsatz; In JEMPS (2014)).

IMG_0431

Informationen

Um aus den vorliegenden Daten Informationen zu generieren, sind folgende Fragen zu beantworten:

  1. Was ist die Absicht der Datenermittlung und -verbreitung?
  2. Welche Daten wurden wie analysiert?
  3. Sind die Fehler aus den Daten entfernt?
  4. Sind die Daten zusammengefasst?

Die Frage (a) ist besonders bei der Nutzung von Social Media entscheidend. Wie zuverlässig sind diese Daten? Diese Frage ist allerdings auch beim Notruf oder der Befragung von Personen vor Ort zu stellen. Erste Auswertungen von realen Katastrophenlagen deuten an, dass die Crowd eine selbstreinigende Wirkung hat (siehe z. B. Kern, Julia; Zisgen, Julia; Ansätze zur Integration von Massendaten und Sozialen Medien: neue Informationsquellen für den Bevölkerungsschutz; In: Bevölkerungsschutz [Schweiz]: Zeitschrift für Risikoanalyse und Prävention, Planung und Ausbildung, Führung und Einsatz / Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Bevölkerungsschutz; (2014), 19, S. 17-19).

Die Frage (b) richtet sich an die Datenmenge und Algorithmen, die verwandt werden. Hier ist es für den Katastrophenschützer besonders schwierig, die Antworten abzuschätzen. Wissen wir zum Beispiel, welche Daten die Mitglieder des Digitalhumanitarian Network (siehe z. B. Martini, Stefan; Hagupit (Ruby) – Die ganze Digitalhuminitarian Welt steht auf Standby #RubyPH; In: JEMPS (2014)) oder „Deichgraf” (http://www.youtube.com/watch?v=AJtQIyiFtVM) wie zu Informationen verarbeiten?

Abschließend sind die Informationen so zu präsentieren, dass die Verantwortlichen die richtigen Entscheidungen treffen können. Dabei ist es nicht entscheidend, die Realität möglichst exakt abzubilden. Hier ist oft weniger mehr (siehe: Kaufmann, Florentin von; Karsten, Andreas H.; Aufgabenorientierte Lagedarstellung für operativ-taktische Stäbe; In: Bevölkerungsschutz (2012), 4, S. 30-35 [http://fis.bbk.bund.de/aDISWeb/app;jsessionid=D72795EEC71D707D33FBD6CB62A2B070?service=aDISAsset/POOLBMSD_44002300_28A47E00/ZLAK_HTMLGL_1&sp=S%24OTPDF_1&sp=SMT00000001&requestCount=2]).

IMG_2759

Wissen

Die bisherigen Aufgaben fielen in den Bereich des S2. Um aus diesen Informationen Wissen zu generieren, sind alle Stabsmitglieder gefragt. Dabei ist zu beachten, dass in Stäben des Bevölkerungsschutz viele ehrenamtliche Helfer über Wissen verfügen, das weit über deren Aufgabe im Bevölkerungsschutz hinaus geht.

 

Die unterschiedlichen Arten von Wissen können in einem „Wissensdiagramm” dargestellt werden (vergleiche Ihrig, Martin; MacMillan, Ian; Managing Mission-Critical Knowledge; In: Harvard Business Review (2015), 1, S. 80-87), (siehe Abbildung).

Knowledge map.001

Abbildung: Wissensdiagramm nach Ihrig, MacMillan

Für die richtige Entscheidungsfindung sind möglichst alle Wissensarten zu nutzen. Das offen, strukturierte / konzentrierte Wissen kann durch die Befragung der Stabsmitglieder zur Verfügung gestellt werden. Um das offen, strukturierte / diffuse und stillschweigend, unstrukturierte / diffuse Wissen aufzudecken, dient die Einsatzgrobplanung (siehe meinen Blog „Führungsvorgang in einem operativ-taktischen Stab”). Bezieht man die Internet-Gemeinde beim Brainstorming mit ein, so gelingt es unter Umständen auch die Intuition der Crowd mit zu nutzen (siehe meinen Artikel: Nutzung von Social Media zur Entscheidungsunterstützung; In: Bevölkerungsschutz; (2013), 2, S. 36 – 38 [http://fis.bbk.bund.de/aDISWeb/app;jsessionid=6B2F8D1726B216BE481D5B0136B7D259?service=aDISAsset/POOLBMSD_44002300_28A47E00/ZLAK_HTMLGL_1&sp=S%24OTPDF_1&sp=SMT00000001&requestCount=2]).

Auch bezüglich des Wissens können einige Leitfragen formuliert werden:

  1. Wie stehen die Informationen über diese Situation zu anderen bekannten Situationen?
  2. Welchen Einfluss haben diese Informationen auf Entscheidungen und Taten?
  3. Welche Korrelationen bestehen zwischen diesem Teil des Wissens zu anderen Wissen?
  4. Was denken andere Personen / Führungsgremien über dieses Wissen?

Die Frage (a) fragt danach, ob die Informationen mit unseren Erfahrungen übereinstimmen? Ist dies nicht der Fall, so sollten weitere Erkundungen durchgeführt werden. Gefährlich ist in diesem Zusammenhang, dass der Mensch dazu neigt, Informationen so wahrzunehmen, dass sie anscheinend mit unseren Erfahrungen übereinstimmen.

Frage (b) sollte jedes Stabsmitglied besonders vor jeder Lagebesprechung für sich beantworten. Im Stab geht es nicht darum, darzustellen, wie klug man ist: Wissen, das keinen Einfluss auf die Entscheidungen hat, ist nicht nur überflüssig, sondern kann einen destruktiven Einfluss auf die Entscheidungsfindung ausüben.

Frage (c) zielt auf das große Bild ab. Was bedeutet unser Wissen, dass die Talsperre Klingenberg in 3 Stunden überlaufen und dadurch das untere Weißeritztal überschwemmt wird, bezüglich dem Wissen, dass der Abtransport der Verletzten vom Freilichtgelände Freital über die Dresdner Strasse in die Krankenhäuser nach Dresden noch 5 Stunden benötigen wird?

Frage (d) dient dazu ein möglichst gemeinsames, von allen geteiltes Wissen zu generieren. Dies spielt eine besondere Rolle bei Wissen, dessen Inhalt das eigene Zuständigkeitsgebiet überschreitet. Solches Wissen ist mit den Nachbarkreisen und übergeordneten Führungsgremien zu diskutieren. Unterschiedliches Wissen führt zu unterschiedlichen Entscheidungen der verschiedenen Gremien zum gleichen Sachverhalt (siehe die Reaktionen nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder bei der EHEC-Epidemie 2011).

 

Abschlussbemerkung

Die Güte von Entscheidungen wird von der Güte des Informations- und des Wissensmanagements wesentlich beeinflusst. Um das Informationsmanagement zu verbessern, sind besonders die IT-Wissenschaftler gefragt. Die Verbesserung des Wissensmanagement ist aber vor allem Aufgabe der Bildungseinrichtungen des Bevölkerungsschutzes.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
follow and like us:
0
LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com

Enjoy this blog? Please spread the word :)

RSS35
Facebook0
Facebook
Twitter20
LinkedIn
Google+
http://jemps.de/informations-und-wissensmanagement-staeben/
Follow by Email