Posted On 12. März 2015 By In Bevölkerungsschutz With 1812 Views

Was hat Ulrich Beck mit Social Media zu tun?

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(Quelle: Andreas Bohnenstengel - http://andreasbohnenstengelarchiv.de)

Ulrich Beck (Quelle: Andreas Bohnenstengel – http://andreasbohnenstengelarchiv.de )

Was hat Ulrich Beck mit uns und Social Media zu tun?

Ulrich Beck? Müssen wir googeln! Die Welt hat sich verändert seit 1986. Damals gab es weder Internet noch Wikipedia für die breite Masse. Tatsächlich und im Bewusstsein. Einen wesentlichen Ansatz zu dieser Veränderung prägte der kürzlich im Alter von 70 Jahren verstorbene Soziologe Ulrich Beck mit seinen Begriffen der Risikogesellschaft und der Weltrisikogesellschaft, deren zentral prägendes Moment die Angst ist. Und sind wir nicht alle 86er? Geprägt durch Tschernobyl, den Super Gau? Als das Undenkbare geschah. Gibt es für dieses Undenkbare einen klareren Begriff als „Super GAU“?

GAU = Größter anzunehmender Unfall, das genügte für die Katastrophe von Tschernobyl von Anfang an nicht. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik und wer sonst hatten schon begrifflich das Risiko einer Tschernobyl vergleichbaren Katastrophe ausgeklammert, aber gebetsmühlenhaft erklärt den GAU zu beherrschen. Natürlich hat die Koinzidenz der Ereignisse das Thema vorangetrieben, die „Risikogesellschaft“ erschien direkt nach Tschernobyl und konnte sogar noch auf das Ereignis eingehen, den Super Gau.

 

Die Risikogesellschaft folgt aus zwei für die späte Moderne (früher neueste Zeit genannt) prägenden Ansätzen. Dem Gedanken des eher als negativ empfundenen Risikos und dem Gefühl der Angst. Diese Gefühle sind gesellschaftlich prägend geworden, nachdem die Grundbedürfnisse, deren Befriedigung das zentrale Anliegen aller vorherigen Gesellschaftssysteme gewesen war, spätestens seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in Westeuropa befriedigt waren. Der Mensch/die Familie gab bis ins 19. Jahrhundert mehr als 3/4 des Einkommens für Nahrungsmittel aus. Kranken-, Rentenversicherung, staatliche Absicherungssysteme werden – und dazu in sehr geringem Umfang (Rente mit 75!) – erst Ende des 19. Jahrhundert eingeführt. Bismarck nutze die entsprechende Gesetzgebung auch, um zu versuchen, die Sozialdemokraten bei Wahlen nicht zu stark werden zu lassen. Die bekannte Maslowsche Bedürfnispyramide weist nach, dass bei den meisten Menschen solange der Schwerpunkt des Interesses auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse gerichtet ist, bis diese befriedigt sind. Hunger und Durst dominieren alles.

Doch die „Jetzt-Zeit“ ist nicht sicherer. Sie ist risikobehaftet und angstgeprägt. Nach Beck führt die Angst des Einzelnen zur Solidarität[1], zu neuartigen Solidarisierungsprozessen in westlichen Gesellschaften – Beispiele ließen sich von der Gründung der „Grünen“ bis zur Occupy-Bewegung finden, mit guten Gründen bestätigen, allerdings auch mit guten Gegengründen ablehnen. Auch Aktuelles bildet nicht einfach Fortsetzungen, aber irgendwie doch. Für individuelle Risikowahrnehmung, kombiniert mit dem Versuchen von Handlungsoptionen, gerade dafür hat Ulrich Beck den Blick geschärft. Womit beginnt die Risikowahrnehmung? Mit der „Angst“ und dem Ende der Welt wie wir sie kannten (Argumentation in Anlehnung an den Essener Soziologen Harald Welzer). „Angst“ als Bindungskraft und Grundlage, das ist bis heute neu, ungewohnt, provokant. Und diese Angst vor gesteigerten Risiken ist auch begründet.

 

Ulrich Beck hat das Denken (unser Denken) und die Soziologie nachhaltig geprägt und verändert. Es gibt kein Zurück vor die „Risikogesellschaft“. Ein neues Bewusstsein ist da. Und dies gilt weltweit, wie schon der Titel des nächsten Programmwerkes „Weltrisikogesellschaft“ von 2007 zeigt, mit dem er die Trias „Risiko“ – „Risikogesellschaft“ – „Weltrisikogesellschaft“[2] vervollständigt. Machen wir uns die Risiken bewusst, sind sie überall zu erkennen. Wer hätte noch in den 80er Jahren gedacht, dass die Bundewehr weltweit im Einsatz sein könnte. Auch im Ringen um neue Grundbegriffe spiegelt sich diese Unsicherheit wider. Leben wir in der Postmoderne? Und wenn „ja“ seit wann. Seit den 50er, 50er, 70er Jahren, oder erst seit die digitale Revolution im 21. Jahrhundert zum Web 4.0 führt? Aber gibt es kein besseres Anfangsdatum als den 25. April 1986, als auch die „Risikogesellschaft“ erschien, eines der ersten Werke, das die Benachteiligung der Jüngeren (der nach baby-boomer) z. B. durch Aufbürden von Lasten und Risiken thematisiert.

 

Die Risikogesellschaft hat das Risiko-Ver- und Absicherungskalkül der Moderne, d. h. die Risiken des Einzelnen werden quasi vertraglich gesellschaftlich getragen und abgesichert und wesentliche politische Strömungen vom Sozialismus bis hin zum Liberalismus tragen diese Absicherung mit, außer Kraft gesetzt. Aus dem Konsens wird ein Vertrag zu Lasten Dritter. Das gilt im Prinzip für alle, faktisch aber belastet dieser „Konsensvertrag“ schwerpunktmäßig die jüngeren und finanziell nicht abgesicherten Frauen und Männer, die auch die demografischen Risiken tragen. Zumal sich viele von ihnen in Westeuropa aufgrund befristeter oder prekärer Arbeitsverhältnisse oder unverschuldeter Arbeitslosigkeit (erstmals gibt es eine Arbeitslosigkeit der Bestqualifizierten und Leistungsstarken) wirtschaftlich nicht in der Lage sehen, eine Familie dauerhaft unterhalten zu können. Der Wunsch niemandem, auch nicht der Gesellschaft, zur Last zu fallen, führt zur eigentlich nicht gewollten Kinderlosigkeit in einer Generation, verstärkt damit den demografischen Wandel. Auch das Bilden finanzieller Rücklagen, die von der Politik immer wieder betonte Eigenvorsorge, ist unter diesen Umständen nicht möglich. Dies wird allerdings durch ein gesellschaftliches „Jeder ist seines Glückes Schmied“ verschleiert. Die Belasteten werden nicht entlastet, sondern mit Ratschlägen weniger „beglückt“ als „geschlagen“. Ratschläge können so auch „Schläge“ sein. Generationenübergreifende Chancengleichheit gehört zu den Grundvoraussetzungen der Demokratie. Wir leben in einer Welt, in der über die Zukunft unter den Bedingungen permanenter und wachsender Unsicherheit entschieden werden muss. Aus Verantwortung und Kausalitätsnachweispflichten wird über juristische Kategorien die im 19. und 20. Jahrhundert geprägt wurden, die organisierte Unverantwortlichkeit. Blasen zehn Betriebe Arsen in die Luft, kann der in seiner Gesundheit Geschädigte den Verursacher nicht zweifelsfrei feststellen und keiner haftet, ggf. tritt die Allgemeinheit ein. Ein weiterer Aspekt dieser Unsicherheit sind z. B. unsichere Biografien, unstete Partnerschaften usw. Aus dieser Situation erscheint es logisch, dass auf der Wertskala Sicherheit wichtiger wird als Freiheit und Gleichheit. Jeder terroristische Anschlag, jedes erkennbare Risiko verstärkt den auch medial und politisch immer weiter verstärkten Wunsch nach Sicherheit, die es aber in einer Risikogesellschaft nicht geben kann, werden auch noch so viele Freiheitsrechte aufgegeben. In dieser Gesellschaft sind realisierte Risiken – Katastrophen.

 

Es lohnt sich, selbst mehr zu lesen.

Ulrich Beck verstarb am 1. Januar 2015.

Seine „Risikogesellschaft“ wurde als eines der zwanzig bedeutendsten soziologischen Werke des Jahrhunderts durch die International Sociological Association (ISA) ausgezeichnet.

 

 

Stefan Voßschmidt

Vorstand DGSMTech

 

[1] Vgl. Internet, http://www.zeit.de/1985/40/die-gefahr-verändert-alles/Komplettansicht.

Beck, Ulrich, die Gefahr verändert alles. Über das Leben in einer „Risikogesellschaft, ders. Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt 2007.

[2] Die „Weltrisikogesellschaft“ wird in einer der nächsten JEMPS von der Präsidentin der DGSMTech Julia Zisgen besprochen. Interessante Autorinnen sind auch Greta Taubert und Gerd Gigerenzer.

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