Posted On 12. Mai 2015 By In Bevölkerungsschutz, Technologie With 1649 Views

Gedanken vor der Interschutz 2015

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In wenigen Tagen öffnet die Interschutz 2015. Was wird mich dort erwarten, beeindrucken oder sogar begeistern? Einige meiner  Gedanken möchte ich hier kurz ausführen. Sie sind etwas „forschungslastig”, was sicherlich auch daran liegt, dass die Präsidenten des BBK und der vfdb Herr Unger und Herr Aschenbrenner im Vorfeld der Interschutz Innovation und Forschung als entscheidend für unsere sichere Zukunft betrachten. (http://files.messe.de/082-fs5/media/downloads/besucher/messe-mews-mai-2015.pdf)

 

Robotik, Drohnen

In diesem Bereich gibt es heute schon eine Reihe von erfolgreichen Einsatzbeispielen. Wie werden beide Technologien aber zusammen genutzt? Gibt es schon Beispiele, dass Aufklärungsdrohnen Roboter automatisch steuern? Oder wird immer noch ein Operateur benötigt? Können Gefahrenabwehrtools auf Drohnen verlastet werden (der „fliegende Löschrobotor”)?
Damit diese Technologien Alltagswerkzeuge der Gefahrenabwehrbehörden werden, bedarf es Userinterfaces, die intuitiv zu bedienen sind. Aufklärungsdrohnen können sicherlich auch von „überregionalen Landes- bzw. Bundeslagezentren” gesteuert werden. Bei Manipulatoren scheint mir dies doch eher suboptimal zu sein, da hier eine enge Abstimmung mit den Einsatzkräften vor Ort in Echtzeit unabdingbar ist.

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3D-Printing

Diese Technologie bietet ganz neue Möglichkeiten. Notwendige Werkzeuge brauchen nicht mehr auf den Fahrzeugen verlastet werden, sondern können während des Einsatzes bedarfsgerecht „hergestellt” werden. In Zusammenspiel mit moderner Vermessungstechnologie könnten zum Beispiel passgenaue Stopfen für Tankzugleckagen zum Einsatz kommen. So werden nicht nur bessere Einsatzergebnisse erreicht, sondern die Beladung von Einsatzfahrzeugen wird kostengünstiger zu beschaffen ein.

 

Informations- und Kommunikationstechnologie

Was bedeuten Social Media, das Internet der Dinge und Augmented Reality für den Bevölkerungsschutz?

Über die Nutzung von Social Media wurde in JEMPS bereits ausführlich geschrieben. Viele technische Lösungen und Konzepte wurden in Forschungsprojekten entwickelt. Welche davon wurden in einsatztaugliche und finanzierbare Tools weiterentwickelt? Wie werden diese von den Einsatzkräften angenommen?

Wo werden schon überall Kleinstcomputer (Wearables) eingesetzt? Gibt es schon Schutzkleidung mit diesen Ships, die z. B. die Atemschutzüberwachung automatisieren und biometrischen Daten des Trägers aufzeichnen? Spielen die Autohersteller mit den Gedanken, mittels dieser Technologie den Einsatzkräften wichtige Informationen über Öffnungsmöglichkeiten von verunfallten Kfz oder über die Beladung von Gefahrguttransportern zur Verfügung zu stellen? Oder aber gibt es schon Ships, die die Fähigkeiten von Einheiten den Einsatzleiterinnen je nach den persönlichen Qualifikationen der aktuell auf den Fahrzeug befindlichen Einsatzkräfte zur Verfügung stellen?

Und welche zusätzlichen Informationen, die die menschliche Wahrnehmungen ergänzen, können den Einsatzkräften vor Ort zur Verfügung gestellt werden? Infrarotkameras gehören heute bei der Brandbekämpfung schon zum Alltagsgeschäft. Gibt es demnächst die „Google Fighter Fighting Glass” in der Atemschutzmaske, mit der Einsatzpläne, Daten, Drohnenaufklärungsergebnisse, Mess- und Simulationsergebnisse den Einsatzkräften zur Verfügung gestellt werden?

 

Kritische Zwischenbemerkung

Bei aller Technik sind zwei Aspekte zu beachten

  • Die Technik muss unter extremsten Verhältnissen (Hitze, Kälte, Nässe, Rauch) funktionstüchtig sein. Dies stellt grundsätzlich kein Problem dar, wie die Ausrüstungen von Soldaten zeigt.
  • Bevölkerungsschützer sind in der Regel keine IT Junkies, die in einem Labors oder einer sauberer Umgebung agieren und sich ausschließlich auf die Bedienung der Gadgets konzentrieren können. Bevölkerungsschützer arbeiten unter extremen Stress, haben Angst, sind nervös, befinden sich in Lebensgefahr, ihre Umgebung ist dunkel oder sonnendurchflutet, sie arbeiten im Regen, im Dreck und Staub. Betroffene Menschen schreien vor Schmerzen, weinen um die Opfer oder reagieren panisch. In solchen Umständen wird manche Technik, die zu Hause auf der Wache sicher beherrscht wird, unbedienbar.

 

Innovative Software für das Einsatzmanagement

Als jemand der an Forschungsprojekten zu diesem Themenfeld teilgenommen hat, interessiert mich natürlich besonders, inwieweit die vielfältigen Ergebnisse in die Praxis überführt wurden. Oder ist das System „Next Generation Incident Command System”, das vom MIT in den USA in Zusammenarbeit mit CalFire entwickelt wurde und in zahlreichen Übungen und Einsätzen (u. a. Überflutungen 2010 Kalifornien, 2011 Buschbrand in San Diego, 2011 Los Angeles Marathon, 2013 Waldfeuer Yosemite, 2013 Ventura Spring Fire, 2013 Boston Bombings) seine Stärken zeigen konnte, noch einmalig?

 

Smart City

Wie können wir Bevölkerungsschützer die Entwicklung zu Smart-Cities nutzen? Das Verkehrsleitsystem zum Messegelände Hannover werden Sie auf der Anfahrt kennenlernen. Aber können wir CCTV, smarte Strassenbeleuchtungen oder etwa Überwachungs-/Wartungssoftware für Brandmelde- und Sprinkleranlagen für unsere Zwecke nutzen.

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Warn-App NINA des BBK

Mit Spannung sehe ich der bundesdeutschen Warn-App, die vom BBK entwickelt wurde, entgegen. Zusammen mit dem Modularen Warnsystem (MoWaS) steht nun den Menschen in der Bundesrepublik ein Warnsystem des 21. Jahrhunderts zur Verfügung, dass das des letzten Weltkrieges nicht nur ersetzen wird. Sicherlich hat diese Neuentwicklung noch ihre Kinderkrankheiten (z. B. wie nutzen unsere arabisch sprechende Gäste diese App?), doch nehmen wir sie positiv auf und reden sie nicht gleich am Anfang kaputt.

 

Einsatztaktik

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes TIBRO werden im Rahmen der Interschutz vorgestellt. Diese „Fortschreibung” der ORBIT-Studie untersuchte den deutschen Brandschutz. Sind die taktischen Einheiten Deutschlands (Trupp, Staffel, Gruppe, Zug und Verband) noch zeitgemäß? Oder müssen aufgrund der neuen Herausforderungen (Vernetzte Infrastruktur, Terrorgefahr) andere Konzepte entwickelt werden? Immerhin gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr den allumfassenden „Allround-Feuerwehrmann”. Neben Taucher, Höhenretter gibt es zwischenzeitlich Experten für Schiffs- bzw. Tunnelbrandbekämpfung und viele mehr. Aber muss nicht unsere Grundeinsatztaktik angepasst werden? So kennen Österreich und die USA eine größere Spezialisierung bei den Einsatzkräften. Spezialisierung versus Flexibilität unter Berücksichtigung der Ausbildungskapazitäten steht zur Diskussion an.

Des Weiteren stellt sich mir die Frage, ob wir uns aufgrund des Rückganges der Ehrenamtlichen bei den Freiwilligen Feuerwehren, den Sparzwängen bei den Berufsfeuerwehren und den allgemeinen Verkehrsbedingungen auf unseren Straßen von den Konzept der großen (Zug-) Wachen verabschieden müssen und kleine, schnelle, dezentralisiertere Standortkonzepte unter Ausnutzung von Rendezvous-Verfahren den Vorzug geben sollten?

Aber Änderungen der Einsatztaktik müssen unmittelbar Änderungen bei der Technik und der Ausbildung nach sich ziehen. Wie sieht es hier aus?

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Internationales

Als ich erfuhr, dass dieses Jahr zum erstmal Partnerländer Ländertage durchführen, war ich sehr positiv gestimmt. Denn trotz des zweifellos hohen Standards in Deutschland gibt es von Anderen immer etwas zu lernen. Mit Frankreich, Italien und Polen wurden allerdings nur EU Staaten ausgewählt. Weder Nordamerika, dass mit den NFPA Standards den Bevölkerungsschutz in vielen Teilen dieser Welt prägt, noch die wirtschaftlichen Boom-Regionen Asiens oder das kommende Afrika ist berücksichtigt. Immerhin hat die Interschutz den Anspruch, die „Weltleitmesse” zu sein. Aber Europa / die EU ist nicht die Welt, vielleicht noch nicht einmal der bestimmende Teil der „Bevölkerungsschutzwelt”. Ich finde es sehr spannend, welche Anstrengungen andere Staaten wie Singapur oder die VAE aufbringen, ihren Bevölkerungsschutz zu verbessern. Besonders beeindruckt mich ihre Lernbereitschaft. Schade, dass dieses Mal die Gelegenheit einen schwerpunktmäßigen Blick etwas weiter über den Tellerrand zu werfen, verpasst wurde. So muss ich halt gespannt auf die Interschutz 2020 warten. Aber nun freue ich mich erst einmal auf die kommende:

Auf Wiedersehen

in Hannover zur Interschutz 2015 in der Halle 25 auf dem Stand 30 der „Gesellschaft zur Förderung von Social Media und Technologie im Bevölkerungsschutz e.V. (DGSMTech)!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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