Posted On 26. Januar 2018 By In Bevölkerungsschutz With 227 Views

Gedämmte Hochhäuser ein Brandrisiko in Deutschland?

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Gedämmte Hochhäuser ein Brandrisiko in Deutschland?

Stefan Voßschmidt[1]

 

Selbstverständlich „nein“, möchte ich sagen. Das sagten viele direkt nach dem Brand des Grenfell Towers. Leider könnten die Meldungen zu einem Hochhausbrand in Wuppertal  auch als „zurückrudern“ angesehen werden. Und es gibt eine sehr konkrete und hilfreiche Fachempfehlung des Deutschen Feuerwehrverbandes (Fachempfehlung WDVS, www.agbf.de, Rubrik: arbeitskreise/AK VB/G).

Aber der Reihe nach.

  1. Grenfell Tower

Am Mittwoch den 14. Juni 2017 brannte der Grenfell Tower. Es handelt sich um ein 24geschossiges Hochhaus, fertiggestellt 1974 und 2015/15 renoviert und wärmegedämmt im Londoner Stadtteil Nord Kensington. Der erste Notruf ging bei der Polizei um 0.54 Uhr ein,  am 25.06.17, 01:14 Uhr war der Brand unter Kontrolle. 79 Menschen starben durch Brand und Rauch. Brandursache soll ein defektes Kühlgerät gewesen sein. Die amtliche Untersuchung ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber viele Experten führen die rasant schnelle Ausbreitung des Brandes auf das Fassadensystem aus brennbarem (ggf. schwer entflammbarem) Dämmstoff zurück (vorgehängte Fassade mit Hinterlüftung).[2]

  1. Hochhausbrände

Hochhausbrände sind in Deutschland nicht ganz selten.[3] Am 8. April 2017 kam es zu einem Brand im 18. Stock einer Wohnresidenz in Gelsenkirchen.[4] In Wuppertal wurde zwei Wochen nach dem Brand im Grenfell Tower ein Hochhaus geräumt.[5] Grund war mangelhafter Brandschutz.

 

  1. Brandschutz

Abwehrender und vorbeugender Brandschutz bedingen einander. Der vorbeugende Brandschutz schafft die Voraussetzungen, dass bei einem Brand effektiv gelöscht werden kann und gewährleistet die Rettungswege.[6] Der Fachausschuss Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz der deutschen Feuerwehren analysiert Einsatzstellen im Hinblick auf Fragen des vorläufigen Brandschutzes. Bei einem Wohnungsbrand (älteres dreigeschossiges Mehrfamilienhaus) in Duisburg-Untermeiderich im September 2017 waren vier Tote zu beklagen. Bereits bei Eintreffen der Feuerwehr standen die vollkommen aus Holz gefertigten Treppen lichterloh in Flammen, die Decken bestanden aus Balkenlagen, zwischen denen sich Füllmaterial befand (sog. Pliester-Decken).[7] Wesentliche Risiken und Brandbeschleunigungen können auf die materialeinsparende „Schnellbauphase“ nach dem 2. Weltkrieg (Behebung der Wohnungsnot war oberstes Ziel)zurückgeführt werden.

 

  1. Dämmung

In Deutschland ist Gebäudedämmung modern und weitverbreitet. Das Progos Institut sagt voraus, dass bis zum Jahr 2050 – 838 bis 953 Milliarden Euro in die energetische Sanierung von Gebäuden in Deutschland investiert werden. [8] Die deutschen Sicherheitsstandards sind hoch, aber nicht unumstritten. Die EU-Kommission sieht in den deutschen Anforderungen an Dämmstoffe einen Verstoß gegen die EU-Bauprodukteverordnung und fordert eine Anpassung. „Ein gemeinsamer Markt für Bauprodukte – so sehr er auch grundsätzlich begrüßt wird – darf nicht zu Lasten der Sicherheit von Leben und Gesundheit der Bürger gehen“, fordern die dagegen die Verbände.[9] Auch die Entsorgung der Dämmmaterialien ist teuer. Polystyrol-Dämmstoffe, die mit dem massenweise eingesetzten Flammschutzmittel HBCD versetzt sind, gelten im Herbst 2016 als „gefährlicher Abfall“.

Die Bilder des brennende Grenfell Tower haben in Deutschland die Debatte über die Fassadendämmung intensiviert.[10] Ohne eine preisgünstige Dämmung sind die Klimaschutzziele der Bundesregierung nicht zu erreichen. Doch es mehren sich die Probleme. Neben der Brandsicherheit sind dies vor allem die tatsächliche Energieeinsparung, die Nachhaltigkeit der Materialien (Erneuerung alle 20 Jahre und Entsorgung als Sondermüll).

Die behaupteten Energieeinsparungen werden nicht erreicht. Häufig kommt es zu Schimmelbildung. Die Menge der Dämmung ist rückläufig. Seit auch der niedrige Kapitalmarktzins die staatliche Förderung der KfW-Bank unwirtschaftlich macht, wird in Deutschland weniger energetisch saniert. Zugleich sind die Anforderungen an die Dämmleistung von Neubauten erheblich angestiegen, auch deren Kosten. Die neue CDU/FDP NRW-Regierung ist die erste Landesregierung, welche die neuerliche Verschärfung nicht mehr mittragen will und sich gegen die von der Bundes-CDU mitbeschlossene Energieeinsparverordnung stellt.[11]

 

  1. Position der Fachwelt

Die Fachgremien: Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes (vfdb), Deutscher Feuerwehrverband  (DFV) und Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) haben bereits 2 Tage vor dem Brand im Grenfell Tower ein als eher kritisch einzustufendes Positionspapier „Brandsicherheit von Wärmedämmverbundsystemen(WDVS) an Fassaden mit Polystyrol Schaum (EPS) als Dämmstoff veröffentlicht.[12] Der Tenor ist in den ersten Sätzen zusammengefasst: „ Brände von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS), in denen Polystyrol Schaum verarbeitet ist, stellen die deutschen Feuerwehren vor enorme Herausforderungen. Die rasante Brandausbreitungsgeschwindigkeit und die enorme Rauchintensität dieser Systeme unterscheiden sich deutlich von anderen Fassadensystemen.“ Nach § 28 Absatz 1 der Musterbauordnung (MBO) 2012 (Stand 13.05.2016) ist gefordert: „Außenwände und Außenwandteilewie Brüstungen und Stürzen sind so auszubilden, dass eine Brandausbreitung auf und in diesen Bauteilen ausreichend lange begrenzt ist.“ Dies ist nach Meinung der Fachleute nicht erfüllt.

Die Vorschriften der Landesbauordnung NRW erscheinen etwas weniger präzise:

㤠17 Brandschutz

(1) Bauliche Anlagen sowie andere Anlagen und Einrichtungen im Sinne des § 1 Abs. 1 Satz 2 müssen unter Berücksichtigung insbesondere

– der Brennbarkeit der Baustoffe,

– der Feuerwiderstandsdauer der Bauteile, ausgedrückt in Feuerwiderstandsklassen,

– der Dichtheit der Verschlüsse von Öffnungen,

– der Anordnung von Rettungswegen

so beschaffen sein, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind.

(2) Baustoffe, die nach Verarbeitung oder dem Einbau leichtentflammbar sind, dürfen bei der Errichtung und Änderung baulicher Anlagen sowie anderer Anlagen und Einrichtungen im Sinne des § 1 Abs. 1 Satz 2 nicht verwendet werden.

(3) Für jede Nutzungseinheit müssen in jedem Geschoss mit einem Aufenthaltsraum zwei Rettungswege vorhanden sein; die Rettungswege dürfen innerhalb eines Geschosses über einen gemeinsamen notwendigen Flur führen. Der erste Rettungsweg muss in Nutzungseinheiten, die nicht zu ebener Erde liegen, über mindestens eine notwendige Treppe führen; der zweite Rettungsweg kann eine mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbare Stelle oder eine weitere notwendige Treppe sein. Ein zweiter Rettungsweg ist nicht erforderlich, wenn die Rettung über einen sicher erreichbaren Treppenraum möglich ist, in den Feuer und Rauch nicht eindringen können (Sicherheitstreppenraum). Gebäude, deren zweiter Rettungsweg über Rettungsgeräte der Feuerwehr führt und bei denen die Oberkante der Brüstungen notwendiger Fenster oder sonstiger zum Anleitern bestimmter Stellen mehr als 8 m über der Geländeoberfläche liegt, dürfen nur errichtet werden, wenn die erforderlichen Rettungsgeräte von der Feuerwehr vorgehalten werden. […]

  • 29 Wände, Pfeiler und Stützen

(1) Wände, Pfeiler und Stützen sowie deren Bekleidungen und Dämmstoffe müssen unbeschadet des § 17 Abs. 2 hinsichtlich ihres Brandverhaltens nachfolgende Mindestanforderungen erfüllen: […].

Es ist wichtig, den Brand, der von außen an das Gebäude kommt (Sockelbrand) nicht zu vernachlässigen. Ursache kann z. B. ein brennender Abfall-/Müllcontainer sein. Es besteht die Gefahr einer schlagartigen Ausbreitung des Brandes  unter starker Wärme- und Rauchentwicklung. In Frankreich und Österreich sind bereits Brandriegel in jedem Geschoß vorgeschrieben.

 

  1. Feuerwehr

Die Feuerwehr ist in allen 16 Bundesländern für den Brandschutz und die Gefahrenabwehr bei Unglücksfällen zuständig. Mithin ist sie nach den Landesfeuerwehrgesetzen auch im Vorbeugenden Brandschutz tätig. Aus fachlicher Sicht ist Styropor besonders gefährlich.  Nach einer Statistik der Feuerwehr Frankfurt kam es seit dem Jahre 2001 deutschlandweit zu über 100 Bränden unter Beteiligung von Styropor. Die eigentlichen Brandursachen sind vielfältig, zu nennen sind Wohnungsbrände, Balkonbrände, Brandstiftung, brennende Autos und Motorräder und (vor allem) brennende Müllcontainer, deren Hitzepotential häufig unterschätzt wird. Seit 2016 dürfen Müllcontainer nicht mehr eng an der Hausfassade stehen. Hinsichtlich der Hochhäuser folgt das Baurecht der 16 Bundesländer den Regelungen der „Muster Hochhausrichtlinie“ Sie schreibt in der aktuellen Fassung vor, dass brennbare Dämmplatten in der Regel nicht verbaut werden dürfen oder zumindest von nicht brennbaren Materialien umschlossen sein müssen. Bei Gebäuden mit einer Höhe bis 22 Meter sind brennbare Materialien in Deutschland erlaubt allerdings sind Brandriegel aus nichtbrennbarem Material vorgeschrieben.[13]  Doch lassen wir die Vorschrift selbst sprechen.

Muster-Hochhaus-Richtlinie, Projektgruppe MHHR, Fassung April 2008

Muster-Hochhaus-Richtlinie – Fassung 18. April 2008 Fachkommission Bauaufsicht

 

  1. Anwendungsbereich

Diese Richtlinie regelt besondere Anforderungen und Erleichterungen im Sinne von § 51

Abs. 1 MBO für den Bau und Betrieb von Hochhäusern (§ 2 Abs. 4 Nr. 1 MBO).

 

 

3.4 Außenwände

 

Nichttragende Außenwände und nichttragende Teile tragender Außenwände müssen in allen ihren Teilen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen.

 

Dies gilt nicht für

  1. Fensterprofile,
  2. Dämmstoffe in nichtbrennbaren geschlossenen Profilen,
  3. Dichtstoffe zur Abdichtung der Fugen zwischen Verglasungen und Traggerippen,
  4. Kleinteile ohne tragende Funktion, die nicht zur Brandausbreitung beitragen.

 

Die Sätze 1 und 2 gelten auch für Außenwandbekleidungen, Balkonbekleidungen und Umwehrungen

 

Musterbauordnung (MBO)  $ 2

(..]

(4) Sonderbauten sind Anlagen und Räume besonderer Art oder Nutzung, die einen der nachfolgenden Tatbestände erfüllen:

  1. 1.

Hochhäuser (Gebäude mit einer Höhe nach Absatz 3 Satz 2 von mehr als 22 m),

 

 

Die aktuelle Position hat der Fachausschuss Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz der deutschen Feuerwehren kürzlich formuliert.[14]

  1. Ergebnis

Es erscheint sachgerecht, der ausgewogenen Position der Fachverbände zu folgen. Denn bei aller Wertschätzung von Dämmmaßnahmen, auch im Hinblick auf eine positive Auswirkung auf den Klimawandel, oberstes Ziel staatlichen Handelns muss das Menschenleben und die Abwehr von Gefahren für Leib Leben und Gesundheit sein. Das schreibt nicht nur Artikel 2 des Grundgesetzes fest, sondern folgt auch aus den allgemeinen Prinzipien der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Zudem sollte die Entsorgung der Dämmmaterialien nicht ganz aus dem Auge verloren werden. Vielleicht ist sogar eine generelle Diskussion über Nutzen und Schaden angebracht. Die vom BBK entwickelte Methode der Risikoanalyse könnte hier hilfreich sein. Dies gilt auch dann, wenn im Grenfell Tower kein Styropor verbaut sein sollte oder dieses nicht ursächlich gewesen sei sollte. § 28 MBO erscheint in ihrer Kürze und Präzision auch heute noch als vorbildliche Vorschrift. Allerdings hat die Musterbauordnung (MBO) keine Gesetzeskraft.

 

 

[1] Der Autor  (Jurist) ist an der AKNZ des BBK als Dozent tätig. Die Ausführungen geben seine persönliche Meinung wider. Wenn wegen der Lesbarkeit und des Zeichenumfangs im Folgenden die männliche Form gebraucht wird, ist die weibliche Form immer gleichberechtigt mitumfasst.

[2] Vgl. Kircher, Frieder, Thorns, Jochen, London: Brand des Grenfell Towers, in: Brandschutz. Zeitschrift für das gesamte Feuerwehrwesen, für Rettungsdienst und Umweltschutz, 7/2017, S. 546-549,548.

[3] Vgl. Kircher/Thorns S. 548.

[4] Vgl. Koordt, Michael, Vogel, Daniel, Axinger, Michael, Heussen, Simon, Gelsenkirchen: Wohnungsbrand im 18. Obergeschoss einer Wohnresidenz. Feuerwehr und Polizei arbeiten Hand in Hand bei der Räumung,  in: Brandschutz. Zeitschrift für das gesamter Feuerwehrwesen, für Rettungsdienst und Umweltschutz, 6/2017, S. 471-475.

[5] Räumung wegen Brandgefahr Wuppertaler Hochhaus vorerst unbewohnbar, 28.06.2017., Quelle: Internet:  www.heute.de/nach-raeumung-wegen-brandgefahr-wuppertaler-hochhaus-vorerst-un…28.06.2017

[6] Vgl. Bachmeier, Peter, Emrich, Christian, Auswirkungen der aktuellen Brandverläufe auf die Taktik im Gebäude, Brandschutz 12/2017, S. 966-970,966.

[7] Vgl. insgesamt Ophardt, Karsten, Vier Tote bei Wohnungsbrand in Duisburg, Der Treppenraum war vollständig weggebrannt, Brandschutz 12/2017 S. 989-993.

[8] Vgl. Meck, Georg, Stoppt den Dämmwahn! Deutschland wird mit Styroporplatten verpackt. Das ist ökologisch zweifelhaft, absurd teuer, die Häuser gehen schneller kaputt. Und es drohen noch weitere Risiken, in: FAZ 13.05.2014.

[9] Freytag, Bernd, Giersberg, Georg, Nach dem Brand in London Dämmen vor dem Aus? Das Dämmen von Häusern ist umstritten. Kritiker sagen, es sei teuer und bringe wenig. Und jetzt soll es auch noch gefährlich sein? Der Hochhausbrand in London macht die Dämmwirtschaft nervös, FAZ 20.06.2017.

[10] Vgl. Freytag, Bern, Dämmland in Angst. Kaum eine Nation dämmt ihre Häuser so eifrig wie wir. Doch nach dem Brand in London wächst die Sorge. Auch hierzulande gibt es Gefahren, Frankfurter Allgemeine Woche, 21.07.17, S. 42f.

[11] Bernd Freytag, Im Dämmland. Offenbar glauben die Leute nicht mehr daran, dass das Dämmen von Häusern lohnenswert ist. Die neuen Koalitionäre in Düsseldorf sind ebenso skeptisch, FAZ 03.06.2017

[12] Veröffentlicht bei Kircher/Thorns S. 548f.

[13] Vgl. Römer, Jörg, Dambeck, Holger, Brandkatastrophe in London. Wie gefährlich ist die Dämmung von Häusern, Spiegel online

[14] Bachmeier, Peter, Reick, Michael, Witte, Nils, Positionspapier zum Vorbeugenden Brandschutz. Neuer Name für den Arbeitskreis VB/G in: Brandschutz. Zeitschrift für das gesamter Feuerwehrwesen, für Rettungsdienst und Umweltschutz, 6/2017, S. 460-463.

 

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