Posted On 19. Mai 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 2959 Views

Führungsvorgang

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Der Führungsvorgang wird in der FwDV / DV 100 unter Punkt 3.3 beschrieben: Er „ist ein zielgerichteter, immer wiederkehrender und in sich geschlossener Denk- und Handlungsablauf. Dabei werden Entscheidungen vorbereitet und umgesetzt. Der Führungsvorgang ist nicht auf die Tätigkeit der Einsatzleiterin oder des Einsatzleiters beschränkt, sondern ist von den Führungskräften auf allen Führungsebenen sinngemäß anzuwenden.”

Grafisch wird er häufig in einem Kreisschema dargestellt:

Fuhrungskreislauf - Tafeldarstellung.001

Ziel der Einsatzleiterin ist es, die richtigen Mittel zur richtigen Zeit am richtigen Ort einzusetzen. Bis zum Einsatzerfolg muss dieser Vorgang unter Umständen mehrfach durchlaufen werden.

In der FwDV / DV 100 wird weiter dargestellt, dass häufig der Zwang zum schnellen Handeln eine umfassende Erkundung und Beurteilung der Lage unmöglich macht. Die nähere Erkundung muss aber dann unmittelbar erfolgen und kann zu einer Änderung des Entschlusses und der Befehle führen.
Auch erfasst dieses Schema nicht die Gleichzeitigkeit und Störungen sowie Abweichungen von gesetzten Zielen.

 

Lagefeststellung – Erkundung und Kontrolle

Erkundung und Kontrolle unterscheiden sich nur bezüglich des Zeitpunktes: Erkundung finden vor dem Erteilen eines Befehles statt, Kontrolle danach. Es sind zielgerichtet und auf die Führungsebene bezogen, Informationen über die Schadenlage und eigene Lage zu sammeln und aufzubereiten. Neben der sogenannten „kalten Lage” (Ort, Zeit, Wetter, Infrastruktur, Topografie…) sind auch die gesetzlichen Grundlagen zur Gefahrenabwehr zu ermitteln. In der FwDV / DV 100 sind als wesentliche Punkte des Schadenereignisses / der Gefahrenlage aufgezählt

  • Schaden
    • Schadenart
    • Schadenursache
  • Schadenobjekt
    • Art
    • Größe
    • Material
    • Konstruktion
    • Umgebung
  • Schadenumfang
    • Menschen
    • Tiere
    • Umwelt
    • Sachwerte

und der Schaden-/Gefahrenabwehr

  • Führung
    • Führungsorganisation
    • Führungsmittel
  • Einsatzkräfte
    • Stärke
    • Gliederung
    • Verfügbarkeit
    • Ausbildung
    • Leistungsvermögen
  • Einsatzmittel
    • Fahrzeuge
    • Geräte
    • Löschmittel
    • Verbrauchsmaterial

In den Planspielen bis zur Verbandführerinebene an den Schulen der Gefahrenabwehrorganisationen lernen wir, dass an den Einsatzstellen eine 360º-Erkundung zu erfolgen hat. (Man hat auch auf die Rückseite des Gebäudes oder in den Treppenraum zu schauen).  Die FwDV / DV 100 gibt beispielhaft Informationsquellen an: Einsatzauftrag, eigene Wahrnehmungen, Meldungen, Angaben durch die Bevölkerung, Einsatzunterlagen. Dieses 360º-Prinzip gilt natürlich auch für Stäbe. Alle zur Verfügung stehenden Informationen sind auszuwerten und die gewonnen Informationen sind auf ihre Relevanz und Vertrauenswürdigkeit hin zu bewerten. So wäre die Nichtnutzung der Social Media (Angaben durch die Bevölkerung) und von Real-Time-Berichten der Nachrichten-TV-Sender (gab es so im Jahre 1999 noch nicht und ist deshalb in der FwDV / DV 100 auch nicht angegeben) heute sicherlich ein einsatztaktischer Fehler. Wichtig ist der Hinweis aus der FwDV / DV 100: „Die Einsatzleiterin oder der Einsatzleiter muss den Informationsgehalt und die Grenzen der einzelnen Informationsquellen bewerten können.” Dies stellt heute eine große Herausforderungen dar.

Um den Wahrheitsgehalt von Informationen der unterschiedlichen Medien (Lageberichte, Zeugenaussagen, Social Media,…) abschätzen zu können, muss man in der entsprechenden Welt „zu Hause” sein. Das bedeutet, dass man sich schon vor dem Ereignis damit beschäftigen muss. Dazu dienen Übungen. Aber auch das Studieren von Einsatzfällen (ggf. auch aus anderen Bereichen, z. B. Polizeieinsätze oder Shitstorms gegen Firmen) gehört hierzu.

Für die Auswertung der Social Media – Lage gibt es einige vielversprechende organisatorische (z. B. VOST [https://idisaster.wordpress.com/2012/02/13/what-is-a-virtual-operations-support-team/]) und technische Ansätze (z. B. INSIGHT [http://www.insight-ict.eu]).

 

Planung (siehe auch entsprechenden Blog)

„Planung ist systematisches Bewerten von Informationen und Fakten und daraus sich ergebendes Festlegung von Maßnahmen. Die Planung beinhaltet die Beurteilung und den Entschluss. Die Planung ist so durchzuführen, dass es weder zu überstürzten Handeln kommt, noch zeitgerechtes Handeln verhindert wird. Die Planung muss klar, einfach und ausführbar sein.” [FwDV / DV 100, 3.3.2].

Wichtig bei jeder Planung ist es, die Reaktionszeit des Führungsgremiums zu berücksichtigen.

Prognose.001

Die Grundlage der Entscheidungsfindung, die Lagefeststellung ist immer veraltet und die Umsetzung erfolgt immer in der Zukunft. Deshalb muss immer eine Prognose erstellt werden. Die Reaktionszeit ist umso länger, je höher die Führungsebene ist. Entscheidungen, die in einer kürzeren Zeit als die Reaktionszeit einer Führungsebene getroffen werden müssen, sind von unterstellten Gremien zu treffen. Wendet man das Prinzip „Führen mit Auftrag” an, so stellt dies auch kein Problem dar.

Die Kunst der Planung ist das „Antizipieren”, das gedankliche Vorwegnehmen eines zukünftigen Zustandes und des Weges dorthin. Der kanadische Eishockeyspieler Wayne Gretzky beschrieb einmal sein Erfolgsrespekt: „Skate to where the puck is going. Not where it is…”.

Nur wenn man in der Lage ist, schneller zu reagieren – zu kommunizieren und zu entscheiden – als sich die Einsatzsituation verändert, wird man fähig sein, „vor die Lage zu kommen”.

Beabsichtigt man alle Eventualitäten vor einer Entscheidung bei der Planung zu berücksichtigen, wird man den Planungsprozess nie abschließen und somit keine Entscheidung treffen können. Das Risiko einer Fehlplanung kann reduziert werden, in dem man absichtlich nicht nach der besten Lösung sucht, sondern eine Lösung anstrebt, die ein möglichst breites Spektrum an zukünftigen Situationen abdeckt. Solche Planungen sind „ toleranter” gegenüber unvorhersehbaren Einflüssen.

Da während der Planung weitere wichtige Informationen bekannt werden können, sind in den Führungskreislauf „Korrekturschleifen” einzubauen.

Fuhrungskreislauf - Tafeldarstellung.006

Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass keine Entscheidung mehr getroffen wird.

Durch die immer größere Vernetzung unserer Welt, der gegenseitigen Abhängigkeiten von einzelnen Parametern wird es immer wichtiger, Folgen zweiter und dritter Ordnung mitzubedenken.

 

Entschluss

Beim Entschluss sind die unterschiedlichsten Aspekte gegeneinander abzuwägen:

  • Wie ist das Verhältnis des Outputs bei einer erfolgreichen Umsetzung des Planes zu den Verlusten bei einem Scheitern?
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Plan erfolgreich umgesetzt wird?
  • Wie flexibel ist der Einsatzplan?
  • Welche Kosten entstehen bei der Umsetzung des Planes?
  • Welche rechtlichen Rahmenbedingungen sind zu beachten?
  • Wie lange wird es dauern, bis der Einsatzplan erfolgreich umgesetzt ist?
  • Welche Gefahren gibt es
    • für die Bevölkerung?
    • für die Einsatzkräfte?
    • für die Umwelt?
  • Wie wird der Einsatzplan aufgenommen?
    • von der betroffenen Bevölkerung?
    • von den Medien?
    • von (vermeintlichen) Experten?
  • Welche politischen Folgen hat der Einsatzplan?
  • usw.

Sollte sich die Einsatzleiterin entscheiden, Sofortmassnahmen anzuordnen, dürfen diese weder die umfassende Lagefeststellung und Planung ersetzen noch die spätere Entscheidungsfreiheit unverhältnismäßig einschränken.

 

Befehlsgebung

Die Kunst bei dem Erteilen von mündlichen und schriftlichen Befehlen besteht darin, dass diejenigen, die die Befehle entgegennehmen, sie unter Stress so verstehen wie sie gemeint sind. Sie müssen kurz aber trotzdem klar verständlich, umfassend und widerspruchsfrei sein.

 

Analoge Kreisschemata

Der beschriebene Entscheidungsfindungsprozess wird in anderen Zusammenhängen etwas anders dargestellt, ohne das sich die wesentliche Aussage ändert:

  • PEP – Planungs- und Entscheidungsprozess (deutsche Polizeidienstvorschrift 100)
    Fuhrungskreislauf - Tafeldarstellung.002

 

  • OODA Loop (US Militär und Bevölkerungsschutz)
    Fuhrungskreislauf - Tafeldarstellung.003

 

  • PDCA Zyklus (Wirtschaft)
    Fuhrungskreislauf - Tafeldarstellung.004
Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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