Posted On 9. Dezember 2014 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 3850 Views

Führungsvorgang in einem operativ-taktischen Stab (Führungsstab)

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Der Führungsvorgang in einem Stab ist in der FwDV/DV 100 unter 3.3 beschrieben. Dort wird auch das wohlbekannte Kreisschema wiedergegeben und es wird ausgeführt, dass dieses Kreisschema nicht auf die Einsatzleiterin beschränkt ist, sondern von den Führungskräften auf allen Führungsebenen sinngemäß anzuwenden ist. Wie aber die einzelnen Führungskräfte in einem Stab zusammenarbeiten, ist nicht näher ausgeführt. Im Folgenden möchte ich diese Zusammenarbeit am Beispiel eines Führungsstabes beschreiben.

 

Führungskreislauf in einem Führungsstab

Die Arbeit eines Stabs beginnt mit dem Auftrag (siehe auch Abbildung).

Führungskreislauf im Stab.001

Abbildung: Führungsvorgang in einem Führungsstab

Als erstes hat die Leiterin die Stabsangehörigen auf die bevorstehende Arbeit einzustimmen (Analog der Ansprache eines Trainers vor einem wichtigen Fussballspiel). Diese Ersatzvorbesprechung dient

a) der mentalen Einstellung

die Leiterin beschreibt kurz

  1. die Situation (Es geht um die Meisterschaft und wir haben gut trainiert),
  2. die Herausforderung (Wir haben noch nie gegen diesen Gegner gewonnen) und
  3. ihre Erwartungen (Heute fegen wir sie vom Platz).

Wichtig dabei ist, dass sie überzeugend zum Ausdruck bringt, dass der Stab erfolgreich sein wird. Somit bekommen die Stabsangehörigen ein erstes gutes Gefühl für die Lage und werden nicht durch den Lagevortrag bei der Übernahme des Einsatzes geschockt.

b) des Kennenlernens

Sollten sich die Stabsangehörige nicht alle persönlich kennen, ist eine sehr kurze Vorstellungsrunde Bestandteil der Vorbesprechung. Stabsarbeit ist Teamarbeit und deshalb darf die Teambildung nicht vernachlässigt werden.

c) der Bekanntgabe der Leitlinien der Einsatzleiterin

Die Leitlinien beschreiben generelle Regeln, die zu beachten sind. So schließen sich z. B. der schnellste Einsatzerfolg und die billigste Einsatzoption gegenseitig aus.

Erst jetzt – mental vorbereitet – begeben sich die Stabsangehörigen in den Stabsraum, um die Lage zu übernehmen. Dazu wird die Lage von der Leitstelle oder der vorherigen Schicht vorgetragen. Die Stabsangehörigen müssen bei Unklarheiten nachfragen. Ziel ist es, dass alle die Lage nahezu gleich einschätzen. Denn nur bei einem einheitlichen Lageverständnis können später gemeinsam Lösungsstrategien entwickelt werden. Erst wenn die Leiterin des Stabes das Gefühl hat, dass die Lage von allen verstanden ist, ist der Vortragende zu entlassen.

Nun übernimmt der S3 die Moderation des nächsten Schrittes, der Einsatzgrobplanung. In einem Brainstorming / einer Diskussion sind Möglichkeiten des Handeln zu finden. Dabei haben besonders der S1 und der S4 sowie die Fachberater darauf zu achten, dass die Ideen auch umsetzbar sind. Zu diesem Zeitpunkt kann dies sicherlich nur eine grobe Abschätzung sein. Aber diese ist notwendig, um keine Planungsenergie und -zeit mit vollkommen unrealistischen Ideen zu vergeuden. In diesem Schritt sind alle Stabsangehörigen einzubinden. Dies hat den Vorteil, dass jede / jeder seine Kompetenzen aus dem eigentlichen Berufs- und dem Privatleben einbringen kann. Manch ehrenamtlicher Stabsangehöriger hat aufgrund ihrer/seiner beruflichen Tätigkeit über den Bevölkerungsschutz hinausgehende Kenntnisse, die nicht ungenutzt brachliegen dürfen. Die Leiterin des Stabes erhält in diesem Prozessschritt gleichzeitig einen Überblick über die im Stab vorhandenen Kompetenzen und kann diese auch später bei der  Stabsarbeit gewinnbringend ausnutzen.

Hat der Stab erste Ideen, wie es weitergehen kann, hat er die Aufnahme seiner Tätigkeit allen Beteiligten gegenüber zu erklären. Eine frühere Erklärung ist nicht zu empfehlen, eine ohne ein einheitliches Lageverständnisses wäre sogar fahrlässig. (Ein Stab übernimmt niemals die Einsatzleitung, da er ein beratendes Gremium für die Einsatzleiterin ist.)

Als Ergebnis der Einsatzgrobplanung werden der Einsatzleiterin (nur in deren Vertretung der Leiterin des Stabes) durch den S3 mehrere Optionen zur Entscheidung vorgelegt. (Den Aufbau eines Lagevortrages zur Entscheidung werde ich in einem späteren Blog beschreiben.) Wichtig ist es, dass wirklich mehrere realistische Optionen erarbeitet werden. Andernfalls kann die Einsatzleiterin nicht entscheiden. Die Leiterin des Stabes darf alternativlose Vorschläge nicht tolerieren.

Nachdem die Einsatzleiterin sich für eine Option entschieden hat, erfolgt die Feinplanung separat in den einzelnen Sachgebieten entsprechend der Aufgabenverteilung der FwDV/DV 100. Hierbei erfolgen weiterhin Absprachen zwischen den Sachgebieten und das Fachwissen der Fachberater, Verbindungspersonen sowie die vorher festgestellten Kompetenzen sind intensiv zu nutzen.

Ist die Feinplanung abgeschlossen wird diese in Befehle im Namen der Einsatzleiterin umgesetzt. Die einzelnen Sachgebietsleiter und Fachberater haben keine eigene Weisungsbefugnis. Der Fachberater ist nicht Vorgesetzter des entsprechenden Konterparts in den unterstellten Führungsgremien oder an der Einsatzstelle.

Anschließend ist die Ausführung der Befehle zu überwachen. Dazu dienen die regelmäßigen Lagemeldungen. (Auch hierzu später mehr in dem Blog zur Synchronisation der Stabsarbeit). Hiermit endet der erste Durchlauf des großen Kreislaufes.

Zeigen die Lagemeldungen, dass die Einsatzziele erreicht werden, startet der kleine Kreislauf: Notwendige kleinere Korrekturen werden eigenständig in den Sachgebieten erarbeitet und angewiesen.
Ist ersichtlich, dass das Einsatzziel nicht erreicht werden kann oder trat sogar unerwartet eine neue Schadenlage auf, so beginnt eine neue Runde im großen Kreislauf wiederum mit dem Bilden eines einheitlichen Lageverständnisses.

 

Schlussbetrachtungen

Sie mögen jetzt vielleicht einwenden, dass während einer dynamischen Lage keine Zeit für eine Einsatzvorbesprechung oder einem Brainstorming zur Verfügung steht. Dies glaube ich nicht:

  1. Stäbe sind vom Grundsatz her planende Organisationseinheiten. Und um so höher sie in der Führungshierarchie angesiedelt sind, desto länger ist der Planungszeitraum. Ich möchte nur auf Eisenhower hinweisen: im Vorfeld der Invasion Frankreichs hat er täglich unzählige Entscheidungen getroffen; während des D-Days nicht eine. Durch die Anwendung des Prinzips „Führen mit Auftrag” waren seine unterstellten Führungskräfte in der Lage, den Einsatzplan trotz aller Friktionen erfolgreich umzusetzen. Dies ist ein klassisches Beispiel der erfolgreichen Umsetzung der Führungstheorie von Moltke.
    Zeitnot herrscht eigentlich nur, wenn der Stab ins Mikromanagement verfällt. (LINK)
  2. Stäbe sind keine Orte für Kamingespräche oder Cocktailempfänge. Smalltalk und langatmige Höflichkeiten oder sogar Selbstdarstellungsorgien haben hier keinen Platz. Die Einsatzvorbesprechung sollte 5 Minuten nicht überschreiten. Die Lagebesprechung wie die Einsatzgrobplanung darf 10 Minuten nicht überschreiten.
    Wenn man nichts Neues zu sagen hat, hält man halt mal seinen Mund.
  3. Die Behebung der Folgen von fehlerhaften Entscheidungen, die aufgrund fehlender mentaler Vorbereitung und / oder mangelndem Lagebewusstsein entstehen, benötigen in der Regel mehr Zeit, als für Einsatzvorbesprechung, Brainstorming und Diskussion benötigt werden, wenn sie denn überhaupt korrigierbar sind.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass das Kreisschema der FwDV/DV 100 Bestandteil dieses Führungskreislaufs ist: Jeder Stabsangehörige hat es in seiner jeweiligen Funktion bei jedem Schritt des Kreislaufes entsprechend anzuwenden.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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