Posted On 24. Februar 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten, Social Media With 2121 Views

Fachberater Spontanhelfer / Fachberater Social Media? (Teil 2)

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Im ersten Teil dieses Blocks habe ich letzte Woche die Fragen

  • Gibt es die Spontanhelfer oder gibt es unterschiedliche Arten? Und wie unterscheiden sich eventuell diese Arten? Was charakterisiert sie?
  • Wie werden sie in die staatliche Gefahrenabwehr eingebunden?

behandelt.

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Heute möchte ich die Aufgabenverteilung im Stab diskutieren.

Aufgabenverteilung im Stab im Umgang mit Spontanhelfern während der Schadenabwehr (siehe auch Abbildung)

Um überhaupt mit Spontanhelfern in Kontakt zu treten und die Social Media zu beobachten, müssen vom S1 und S6 entsprechende Informationsmittel und -kanäle zur Verfügung gestellt werden.

Eine wesentliche Aufgabe des S2 im Stab wird es zukünftig sein, herauszufinden, was die vielen Spontanhelfer unternehmen. Um dies in Echtzeit bewerkstelligen zu können, sind deren Kommunikationswege (Social Media) zu beobachten. Was technisch bedeutet, Big Data zu analysieren. Solange keine entsprechenden technischen Werkzeuge zur Verfügung stehen, ist man auf viele Menschen angewiesen. Es ist sicherlich wenig sinnvoll, Dutzende Menschen, die die Social Media auswerten, in den Stabsraum zu platzieren. Besser ist es, sie in einem abgetrennten Raum unterzubringen. Ob die Einsatzleiterin dafür Angehörige von Katastrophenschutzorganisationen oder sogenannte „Digital Volunteers” / „Pajama Volunteers”  nutzt, ist eine Frage des Vertrauens. Letztere wurden in der internationalen Katastrophenhilfe und in anderen Ländern bereits mit großen Erfolge eingesetzt (sie Blog Martini).

Spontanhelfer und Führung.001

Abbildung: Aufgabenverteilung im Stab im Umgang mit Spontanhelfern

Im Folgenden möchte ich die Einteilung aus dem letzten Blog nutzen, um einige unterschiedliche Fälle der Zusammenarbeit zu diskutieren:

  1. Alle Arten von Spontanhelfern
    1. Kooperationsart 1 (ignorieren)
      Hier muss der Stab nichts unternehmen. Diesen Fall möchte ich aber nur der Vollständigkeit anführen. Ich kann nur empfehlen, ihn im Einsatz nie in Betracht zu ziehen.
    2. Kooperationsart 2 (Lücken füllen)
      Bei diesem Vorgehen muss der Stab in Erfahrung bringen, welche Aufgaben die Spontanhelfer wahrnehmen. Dies ist eine klassische Aufgabe des S2.
      Der S3 hat nun seine Einsatzplanung entsprechend diesen Erkenntnissen zu erarbeiten.
  2. Typ-A-Helfer (reserviert gegenüber staatlichen Stellen)
    1. Kooperationsart 2 und 3 (Lücken füllen / zusammenarbeiten)
      Hier sollte die Behörde versuchen, die Helfer anzusprechen und sie in Typ C bzw. B Helfer zu verwandeln. Dazu sind sie auf den Kommunikationskanälen anzusprechen, die von ihnen genutzt werden. Dies sind vor allem die Social Media. Aber auch die klassischen Medien sowie persönliche Kontakte sollten genutzt werden. Ziel muss es sein, Vertrauen aufzubauen und die Typ A-Helfer zu überzeugen, dass den Betroffenen besser geholfen wird, wenn sie mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten. Dies ist eine Aufgabe des S5.
      Erfährt der Stab, dass sich Typ A-Helfer in Gefahr befinden, so sind sie zu warnen. Dies fällt entsprechend der FwDV/DV 100 in die Zuständigkeit des S2.
  3. Typ-B-Helfer (aufgeschlossen, Commitment nach dem Ereignis)
    1. Kooperationsart 3 (zusammenarbeiten)
      Als erstes müssen diese Helfer ausfindig gemacht werden. Der S5 hat einen Aufruf zu verbreiten, dass sie sich bitte registrieren lassen, um sie entsprechend ihren Wünschen möglichst effektiv und effizient innerhalb der Gesamtgefahrenabwehr einzusetzen.
      Sobald sie registriert sind, hat der S2, die Kommunikation zu ihnen aufrechtzuerhalten, um von ihnen „Lagemeldungen” entgegennehmen zu können.
      Der S3 hat sie bei seiner Gesamteinsatzplanung zu berücksichtigen. Dabei hat er zu beachten, dass die Spontanhelfer Anordnungen der Einsatzleiterin – anders als die etablierten Helfer – nicht auszuführen haben. Deshalb hat bei der Einsatzplanung die Diskussion mit ihnen umfassender als bei unterstellten Einheiten zu erfolgen. Dies ist für er aber nicht ungewöhnlich, da er auch bei anderen Playern der Gefahrenabwehr (Polizei, Bundeswehr, Firmen) nur selten seine „Befehlsgewalt” und seine rechtlichen Möglichkeiten (z. B. das Ordnungsrecht) anwenden sondern stets ein harmonische Zusammenarbeit anstrebt.
      Die für den umzusetzenden Einsatzplan notwendigen Ressourcen (Personal, Einsatzmittel, Versorgung) haben der S1 und der S4 bereitzustellen. Eine Möglichkeit Spontanhelfer einzubinden, besteht darin, dass man einen „virtuellen Hochzeitstisch” einrichtet: der Stab stellt den Bedarf und den Ort ein und die Spontanhelfer können sich dann Aufgaben heraussuchen, die sie übernehmen möchten. (vgl. Occupy Sandy)
  4. Typ-C-Helfer  (aufgeschlossen, Commitment vor dem Ereignis)
    1. Kooperationsart 3 (zusammenarbeiten)
      Diese Gruppen sind im Vorfeld des Einsatzes anzusprechen und ein Verfahren abzustimmen, wie deren Helfer optimal eingesetzt werden können. Eine Möglichkeit ist, aus deren Mitte Ansprechpartner (Verbindungspersonen) zu benennen, die im Einsatzfall den Kontakt zu den Helfern sicherstellen und dem Stab als Berater zur Verfügung stehen. Diese Personen sind aber keine Fachberater, da sie sich in der Regel nicht rechtskräftig verpflichtet haben (anders z. B. als die Angehörigen der Hilfsorganisationen), im Katastrophenfall tätig zu werden. Sie unterstehen auch nicht der Leiterin des Stabes oder einer besonderen Verschwiegenheitspflicht, was bei mancher Entscheidungsfindung unbedingt zu beachten ist.
      Im Einsatzfall ändert sich die Aufgabenverteilung im Stab nicht. Im Stab sind lediglich weitere Verbindungsperson vertreten. Zu beachten ist, dass entsprechend der FwDV / DV 100 im Stab möglichst wenige aber dafür kompetente Personen vertreten sind, also der Stab nicht bis zu dessen Arbeitsunfähigkeit aufgebläht wird.

Drei allgemeinere Anmerkungen möchte ich noch anführen:

  • Wie die Aufstellung zeigt, müssen alle S Funktionen über umfassende aktuelle Kenntnisse in den Bereichen der Social Media und Spontanhelfer verfügen. Dies ist bei diesen sich schnell ändernden Bereichen nicht leicht. Sollte eine Behörde dies nicht sicherstellen können, so sollte mindestens ein Fachberater Spontanhelfer / Social Media in den Stab berufen werden.
  • Manche werden sich sicherlich fragen, wie die staatlichen Behörden Spontanhelfer dazu bringen können, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Diese Frage möchte ich hier nicht im Detail diskutieren, sondern nur daran erinnern, dass nach Ian MacMillan (Wharton School of Business) vier Kanäle der „Machtausübung” existieren:
    1. Anwendung von Gewalt bzw. deren Androhung,
    2. appellieren an einen (Ehren-)Kodex,
    3. Veränderung der Situationswahrnehmung und
    4. Belohnung ausloben
      (zitiert nach Naim, Moisés; The end of power; Basic Books (2013)).
  • Das hier für den Führungsstab ausgeführte, gilt entsprechend auch für den Verwaltungsstab.

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Schlussbemerkung und Hinweis

Helfer mögen spontan sein, ihr Management sollte dies aber nicht sein!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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