Posted On 17. Februar 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten, Social Media With 2393 Views

Fachberater Spontanhelfer / Fachberater Social Media? (Teil 1)

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In zwei Blogs habe ich die Möglichkeit der Einbindung von Spontanhelfern in ein Führungssystem diskutiert („Ist die FwDV/DV 100 im Zeitalter der Spontanhelfer noch zeitgemäß?” und „Ein neues Führungssystem für das 21. Jahrhundert”). Schuldig geblieben bin ich bisher eine Antwort auf die Frage, wer sich in den Stäben des Bevölkerungsschutzes mit den Spontanhelfern beschäftigt und sich um die Social Media kümmert. Diesen Missstand möchte ich heute und in der nächsten Woche beheben.

Bevor wir konkret die Fragen diskutieren können, müssen wir erst zwei andere beantworten:

  • Gibt es die Spontanhelfer oder gibt es unterschiedliche Arten? Und wie unterscheiden sich eventuell diese Arten? Was charakterisiert sie?
  • Wie werden sie in die staatliche Gefahrenabwehr eingebunden?

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Charakterisierung von Spontanhelfern

Drei Eigenschaften können zur Charakterisierung von Spontanhelfern im Bevölkerungsschutz herangezogen werden (siehe auch die Abbildung):

  1. Ausprägung von Bürokratie im Sinne Max Webers
  2. Zeitpunkt des Commitments / der Entscheidung sich zu engagieren (vor / nach dem Eintritt des Schadens)
  3. Offenheit gegenüber einer Zusammenarbeit mit den staatlichen und etablierten Gefahrenabwehrorganisationen

Einteilung von Spontanhelfer.001

Abbildung: Einteilung der unterschiedlichen Arten von Spontanhelfern

Max Weber gibt in seinem Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft”, Tübingen (1922) als fundamentale Eigenschaft von bürokratischen Organisationen spezifische Stellen- und / Rollenbeschreibungen mit detaillierten

    • Rechten
    • Pflichten
    • Verantwortungen
    • Umfang der Vollmacht
    • Aufsicht- / Kontrollsystem
    • Unterstellung
    • Einheit der Führung und Leitung

an. Gerade der letzte Punkt galt Jahrzehnte als eine wesentliche Voraussetzung für die Durchführung erfolgreicher Operationen. Als Beweis werden immer wieder Beispiele aus der Militär- und Wirtschaftswissenschaften angeführt, mit teilweise nahezu „Gott gleichen” Führungspersonen: Dwight D. Eisenhower, Alfred Krupp, Jack Welch….

Aber auch die anderen Kriterien, finden sich innerhalb und zwischen den etablierten Gefahrenabwehrorganisationen wieder.

In den letzteren Jahren wird in beiden Bereichen mehr und mehr über dezentrale Führung diskutiert. Siehe zum Beispiel:

  • Malone, T. W. ( 2004) The Future of Work: How the New Order of Business Will Shape Your Organization, Your Management Style, and Your Life, Boston, MA: Harvard Business School Press
  • Brafman, O. & Beckstrom R., The Starfish & the Spider, The Penguin Group, NY 2006
  • Alberts, D. S. & Hayes, R. E., The Power to the Edge, http://www.dodccrp.org/files/Alberts_Power.pdf

Die klassischen Gefahrenabwehrorgansationen wie Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Polizeien und Bundeswehr sind nach Weber sehr stark bürokratisch aufgebaut. Als Gegenentwurf versteht sich zum Beispiel die Occupybewegung.

Das nächste Kriterium ist der Zeitpunkt, zu der sich jemand dazu entscheidet, Hilfe zu leisten. Viele erklären bereits vor dem Eintritt eines Schadenereignisses, im Bedarfsfall helfen zu wollen. Hier sind neben den ehrenamtlich Tätigen der Hilfsorganisationen und Feuerwehren auch das „Team M-V” oder „Team Österreich“  Beispiele. Aber immer mehr Menschen entschließen sich erst nach dem Eintritt der Katastrophe – häufig aufgrund der Medienberichterstattung – zu helfen. Erste können in den Einsatzplanungen der Behörden berücksichtigt werden. Ebenso können Spielregeln für ein Miteinander im Vorfeld abgestimmt werden. Und Angehörige dieser Gruppen sind in der Regel recht gut auf den Einsatz vorbereitet. Dies ist bei letzteren alles nicht der Fall. Diese „Just-In-Time-Helfer” haben aber den Vorteil, dass keinerlei „Vorhaltekosten” anfallen.

Als letztes ist noch wichtig, ob die einzelnen Organisationen / Spontanhelfer gewillt sind, mit den offiziellen, staatlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Die Minimalforderung, wenn man schon nicht zusammenarbeiten möchte, darf man sich wenigsten nicht gegenseitig behindern, muss allerdings von Allen eingefordert werden.

Diese Unterscheidungen sind übrigens in der internationalen Katastrophen- und Entwicklungshilfe schon seit längerem bekannt.

Für die weitere Diskussion möchte ich eine vereinfachte Einteilung vornehmen:

  1. Spontanhelfer, die einer Zusammenarbeit mit den staatlichen und etablierten Gefahrenabwehrorganisationen (Feuerwehren, THW, Hilfsorganisationen, Polizei, Stadt- und Kreisverwaltungen, usw.) reserviert gegenüberstehen. [im Weiteren Typ-A-Helfer genannt]
  2. Spontanhelfer, die einer Zusammenarbeit mit den staatlichen und etablierten Gefahrenabwehrorganisationen (Feuerwehren, THW, Hilfsorganisationen, Polizei, Stadt- und Kreisverwaltungen, usw.) offen gegenüberstehen und sich nach dem Schadeneintritt entschließen zu helfen. [Typ-B-Helfer]
  3. vorher „angemeldete Spontanhelfer” [Typ-C-Helfer]

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Einbindung von Spontanhelfern in staatliche Gefahrenabwehr

Für die staatlichen Gefahrenabwehrbehörden gibt es mehrere Möglichkeiten, Spontanhelfer bei ihren Schadenabwehrmassnahmen zu berücksichtigen:

  1. ignorieren
  2. monitoren und die Lücken füllen, die von den Spontanhelfern offen gelassen werden
  3. koordinieren und ihr Umfeld kultivieren

Welche diese Möglichkeit genutzt wird, ist ein Entscheidung der Einsatzleiterin und der jeweiligen Spontanhelfer (sieh oben). Bei der ersten Möglichkeit plant der Stab unabhängig von den Aktivitäten der Spontanhelfer. So kann sichergestellt werden, dass jedem geholfen wird. Aber es werden u.U. Mangelressourcen vergeudet, da die staatliche Gefahrenabwehr Ressourcen in Bereiche einsetzt, in denen bereits die Spontanhelfer erfolgreich tätig sind bzw. waren. Zusätzlich wird mehr Zeit benötigt, um alle notwendigen Massnahmen durchzuführen und gut qualifizierte Helferinnen und Helfer (z. B. der Altenpflege oder des Tierschutzes), die nicht in den klassischen Gefahrenabwehrorganisationen organisiert sind, werden nicht berücksichtigt.

Letzteres kann vermieden werden, wenn der Stab die Tätigkeiten der Spontanhelfer monitort und sich auf die Bereiche konzentriert, die noch nicht entsprechend versorgt werden. Bei dieser Möglichkeit arbeiten Spontanhelferinnen und die staatlich Hilfe unabhängig von einander nebeneinander her. Eine optimale Hilfe ist so allerdings noch nicht möglich.

Dies wird erst mit der dritten Variante erreicht, bei der die Spontanhelfer gleich wie etablierte Gefahrenabwehrorganisationen behandelt werden.

Derzeit werden eine Reihe von – teilweise sehr emotionalen – Diskussionen geführt, ob und wie Spontanhelferinnen eingebunden werden sollen. Auch wurden und werden Einsatzfälle, bei denen Spontanhelfer tätig wurden, von Wissenschaftlern unterschiedlicher Richtungen untersucht und Best Pratices herausgearbeitet. Erste Empfehlungen wurden zwischenzeitlich veröffentlicht, siehe zum Beispiel die Fachempfehlung des DFV „Die Integration von Spontanhelferinnen und Spontanhelfern in den Katastrophenschutz.” (http://www.feuerwehrverband.de/fileadmin/Inhalt/PRESSE/DFZ/DFZ_2015_01.pdf)

Nächste Woche werde ich dann auf die Aufgaben der einzelnen Stabsbereiche bei der Einbindung von Spontanhelferinnen in die Gefahrenabwehr eingehen.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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