Posted On 10. Mai 2016 By In Aus- und Fortbildung, Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 2208 Views

Evaluation von Stabsübungen

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Grundlage zur Verbesserung der Führungsfähigkeit

Stabsübungen bedeuten einen großen Personal- und Ressourceneinsatz. Deshalb ist es wichtig, aus einer Übung möglichst viele Erkenntnisse zu gewinnen. Neben den übenden Organisationen sollte das Übungsregime bei der Auswertung nicht vergessen werden.

Neben Lücken in persönlichen Fähigkeiten werden Ausstattungsmängel und fehlende oder nicht adäquate Regelungen (Gesetze, Verordnungen, Prozeduren, Standard Einsatzregeln usw.) durch eine gute Auswertung sichtbar.

Allerdings ist eine Auswertung noch keine „Lessons Learnt”. Sie ist lediglich der erste Schritt auf den Weg zu den „Lessons Learnt”. Man hat seine Lektion erst wirklich dann gelernt, wenn die entsprechenden Lücken in der Praxis (Einsatz / nächste Übung) geschlossen und das Ergebnis für gut befunden wurde. Eine Übung ist also nur dann von Wert, wenn das Krisenmanagement der Organisationen verbessert wird.

Übungsziele

Grundlage einer jeden Übungsauswertung bilden die Übungsziele. Ohne klar definierte Übungsziele ist eine Bewertung einer Übung nicht möglich. Selbst wenn alle Entscheidungen, die getroffen wurden, mangelhaft waren, kann eine Übung positiv bewerten werden, wenn das Übungsziel die Zusammenarbeit der einzelnen Stabsmitglieder war.

Gute Übungsziele betrachten die Fähigkeiten der Übenden sowie die Prozeduren, also den Prozess, nicht den Output / die Entscheidungen. Wer kann schon wirklich entscheiden, ob eine Entscheidung in der betrachteten Situation die Lage vor Ort verbessert hätte. Nur die Realität könnte das wahre Ergebnis aufzeigen. Selbst die besten Übungsunterlagen beschreiben die angenommene Realität nur ansatzweise. Und jeder Übende und jeder Beobachter kreiert aus diesen Beschreibungen in seinen Kopf ein Bild dieser Situation. Und diese Bilder sind durchweg unterschiedlich. Außerdem führt in der Regel nicht nur ein Weg zum Einsatzziel. Bei der Diskussion, welcher der geeignete ist, verliert man schnell die eigentliche Übungsziele aus den Augen.

Im Allgemeinen kann man das Krisenmanagement in vier Phasen unterteilen: Vermeidung, Vorbereitung, Bewältigen und Wiederherstellen. Mittels Übungen können besonders die Phasen Vorbereitung und Bewältigung einer Defizitanalyse unterzogen werden. Aber selbst für die anderen beiden Phasen lassen sich häufig Erkenntnisse aus einer Übung ableiten.

Übungsbeteiligte

In Übungen sind drei Gruppen von Teilnehmern möglichst überschneidungsfrei zu unterscheiden:

  • Die Übenden, deren Aktivitäten, Maßnamen und Entscheidungen bewertet werden.
  • Die Steuernden, die dafür sorgen, dass die Übenden ein den Übungszielen unterstützendes  Szenario vermittelt wird. Dabei müssen sie so flexibel sein, den vorgeschriebenen Übungsverlauf gemäß den Aktionen der Übenden anzupassen.
  • Die Übungsbeobachter, die den von ihnen wahrgenommenen Übungsverlauf evaluieren.

Die Steuernden können noch in Übungssteuerungsgruppen und Rahmenleitungsgruppen unterschieden werden. Erste existieren in einem Realfall im Unterschied zu den letzteren nicht. Das bedeutet, dass die Rahmenleitungsgruppen in Reallagen auch tätig werden würden, aber die Übung mitsteuern, indem sie über Steuerungswissen verfügen (z. B. der Krisenstab des Gesundheitsamtes bei einer Krankenhaus-Evakuierungsübung).

Die Steuernden sollten nur im Fall mangelnder Personalressourcen Aufgaben der Übungsbeobachter wahrnehmen.

Führung photo

Evaluation

Übungen durchzuführen macht nur dann Sinn, wenn sie evaluiert werden. Unter Evaluation möchte ich die Summe der folgenden vier Tätigkeiten verstehen:

  • Beobachten des Übungsgeschehens einschließlich dem Festhalten des Wahrgenommenen (schriftlich oder mittels Ton- und/oder Bildaufnahmegeräten),
  • Analysieren der Beobachtung,
  • Bewerten der Analyse,
  • Ableiten von Empfehlungen aus der Bewertung über die nächsten Schritte zur Verbesserung sowohl des Krisenmanagement- wie des Übungssystems.

Bei der Übungsauswertung ist strikt zwischen diesen vier Tätigkeiten zu unterscheiden. Während das Wahrgenommene möglichst neutral beschrieben werden muss, fließen bei den drei anderen Bereichen ganz bewußt persönliche Kenntnisse und Erfahrungen ein.

Beobachtung

Um es gleich vorweg festzuhalten: eine objektive Beobachtung ist nicht möglich. Jede Beobachtung / jedes Urteil ist subjektiv. Dabei ist der Grad der Subjektivität abhängig von der Art der Fragestellung:

  • Deskriptiv („Hat die Einsatzleiterin einen Einsatzbefehl gegeben?”): geringer Grad an Subjektivität: die meisten Übungsbeobachter werden zu dem gleichen Ergebnis kommen.
  • Folgernd / inferential („War der Einsatzbefehl adäquat?”): höherer Grad an Subjektivität.
  • Benotende Bewertungen („Bewerten Sie die Qualität des Einsatzbefehles mittels einer Skala von 1 bis 10!”): höchster Grad an Subjektivität.

Bei der Beschreibung der Beobachtungen sollte der Beobachter deutlich machen, dass er einen Sachverhalt wahrgenommen hat, nicht dass der Sachverhalt tatsächlich stattgefunden hat. Der Beobachter unterliegt nämlich einer ganzen Reihe von Wahrnehmungsfehler, die zwar reduziert aber nicht verhindert werden können (siehe Wahrnehmung- und Urteilsfehler). Sie können durch spezielle Ausbildung und Training der Übungsbeobachter und entsprechende Vorbereitung minimiert werden.

So haben Übungsbeobachter, die Übung ausgeschlafen und körperlich fit zu beginnen. Dies gebietet zum einen der Respekt gegenüber den Übenden aber auch der große Ressourceneinsatz, der für die Durchführung von Übungen notwendig ist.

Die mentalen Belastungen einer Übungsbeobachtung sollten nicht unterschätzt werden und Ermüdung begünstigt fehlerhafte Wahrnehmungen.

Analyse photo

Analyse

Bei der Analyse der Wahrnehmungen ist zu hinterfragen, welche Bedeutung die Wahrnehmungen hatten, welche Konsequenzen aus den Handlungen bzw. Nichthandlungen der Übenden folgen. So kann die Wahrnehmung, „Die Struktur der Lagekarte wurde während der Übung wesentlich verändert”, dazu führen, dass das gemeinsame Lageverständnis der Stabsmitglieder verloren gegangen ist; oder umgekehrt erst zu einem gemeinsamen Lageverständnis geführt hat.

Bewertung

In der Bewertung ist ein Vergleich zu Best Practices and zum Stand der Technik zu ziehen. Bei taktischen und operativen Übungen kann das wahrgenommene Verhalten der Übenden häufig an Dienstanweisungen bzw. Standardeinsatzrichtlinien oder erwartenden Maßnahmen gemessen werden. Bei strategischen Übungen ist dies meistens nicht der Fall. Noch mehr als bei der Analyse ist hier der Umfang und die Aktualität  des Fachwissen des Übungsbeobachters entscheidend. Bei Übungen strategischer und operativer Stäbe gibt es häufig unterschiedliche Lehrmeinungen. Hier muss der Übungsbeobachter deutlich darauf hinweisen, dass er seine eigene Meinung kundtun.

Analyse photo

Empfehlung

Zum Abschluss sollten konkrete Empfehlungen ausgesprochen werden, wie das Krisen- sowie das Übungsmanagement Schritt für Schritt verbessert werden kann. Dabei sollten sowohl kurz- und mittelfristige sowie langfristige Maßnahmen angesprochen werden.

Zum guten Schluss

Abschließend möchte ich auf einen wichtigen Aspekt eingehen. Nur wenn sich die Übenden fair bewertet fühlen, werden sie die Empfehlungen der Beobachter auch in ihre weiteren Überlegungen zur Verbesserung des Krisenmanagements einbeziehen. Das Ziel einer Übung ist ja gerade die Verbesserung des Krisenmanagements einer Organisation und nicht die Darstellung der Fähigkeiten der Übungsbeobachter.

Bei mangelndem diplomatischen Geschick der Übungsbeobachter werden die Übenden häufig in eine Abwehr- und Rechtfertigungssituation gedrängt, in der sie nicht in der Lage sind, Kritik anzunehmen. Tritt diese Situation ein, hat der Übungsbeobachter das Ziel seines Auftrages nicht erreicht.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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