Posted On 13. Februar 2018 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1061 Views

Einsatz leiten = Fragen und Entscheiden

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Aufgaben des Einsatzleiters

Die Aufgaben einer Einsatzleiterin / obersten Führungskraft – Direktionsdienstbeamter, Kreis- oder Stadtbrandmeister – lassen sich, wenn man entsprechend der FwDV / DV 100 mit Auftrag führt, mit den zwei Worten beschreiben: „Fragen und Entscheiden”.
Mit Ausnahme von wenigen Schadenlagen, in dem der Einsatzleiter sein Wissen aus dem Studium, Beruf oder Außer-Feuerwehr-Hobbies nutzen kann, benötigt die Einsatzleiterin wenig feuerwehrtechnisches Fachwissen.

  • Wie ein Schlauch auszurollen ist, wie eine Tür zu öffnen ist, wie ein Innenangriff risikominimierend für Betroffene und Einsatzkräfte auszuführen ist, wissen die Kolleginnen / Kameraden der Trupps,
  • wie die Trupps einer Gruppe zu führen sind, weiss der Gruppenführer
  • und die Zugführerin kann ihre Gruppen lagegerecht führen.

Sollte dies nicht der Fall sein, sind die entsprechenden Einsatzkräfte aus dem Einsatz zu entfernen und die Aufgaben anderen zu übertragen. Der Einsatzleiter sollte sich hüten, selber die Aufgaben wahrzunehmen, da er dadurch zu schnell seine eigentlichen Aufgaben vernachlässigt.

Das eben Gesagte gilt allerdings nicht für die heldenhaften Einsatzleiter, die voller Energie alle Tätigkeiten besser wahrnehmen können als ihre unterstellten Einsatzkräfte, die mit (früher aufgrund ihre Eisenlunge ohne) PA dem Angriffstrupp zeigen, wohin der Wasserstrahl zu führen ist, die sich mit der Drehleiter in luftige Höhen hieven, um selber zu erkunden usw.

Für uns normalsterblichen Menschen sind gesunder Menschenverstand und einsatztaktisches Denken die entscheidenden Kompetenzen, wenn wir die Aufgabe der Einsatzleiterin wahrnehmen.

Entscheiden photo

Stellen Sie Fragen

Als oberste Führungskraft erreicht man in der Regel die Einsatzstelle nicht mit den erst eintreffenden Einheiten. Das hat den großen Vorteil, dass man nicht in die Hektik der Chaos-Phase gezogen und von den Emotionen der ersten Minuten übermannt wird. Vielmehr kann man sich der Einsatzstelle von außen, den Überblick wahrend, nähernd. Als Einsatzleiterin lassen Sie sich von der bisherigen Führungskraft, Inspekionsdienst / Zugführer, in die Lage einweisen. Dabei sollten Sie folgende Fragen stellen:

  1. Wie ist die Lage?
    1. Was wissen Sie davon?
    2. Was vermuten Sie davon?
  2. Was ist Ihr Einsatzplan?
  3. Welche Risiken bestehen beim Durchführen des Einsatzplanes?
  4. Welche Alternativen bestehen?
  5. Warum haben Sie sich für Ihre Alternative entschieden?

Selbst ohne feuerwehrtechnisches Fachwissen sollten bei Ihnen bei folgenden Antworten die Alarmglocken läuten:

  1. Alle Informationen sind erkundet – ich muss nichts vermuten!
  2. Es bestehen keine Risiken!
  3. Es gibt keine vernünftige Alternative!
    Oder man zählt Ihnen nur offensichtlich sinnlose Alternativen auf.
  4. Ich habe mich für diese Alternative entschieden, weil
    1. es doch die offensichtlich richtige ist
    2. wir es schon immer so gemacht haben
    3. ich es so an der Landesfeuerwehrschule gelernt habe
    4. es die Standardeinsatzregeln so vorgeben.

Nicht, dass die Landesfeuerwehrschulen Falsches unterrichten, aber die Einsatzlagen, die dort besprochen werden, entsprechend niemals zu 100% den realen Einsatzlagen. Und  Standardeinsatzregeln sind keine Standardregeln für bestimmte Einsätze sondern Regeln für Standardeinsätze, die Sie in der Realität nicht vorfinden werden.

Die FwDV / DV 100 und Lehrunterlagen der Gefahren der Einsatzstelle geben der Einsatzleiterin Empfehlungen zur Vorgehensweise, wie Sie vernünftig die obigen Fragen beantworten können oder besser gesagt: müssen. Die FwDV / DV 100 ist per Erlasse in den Bundesländern eingeführt.

Risiko photo

Bei der Planung muß der Einsatzleiter laufend die Risiken (Gefahr und Eintrittswahrscheinlichkeit) für seine unterstellten Einsatzkräfte und Gerät gegenüber dem erwartenden Erfolg (Eliminierung bzw. Verringerung der Risiken für Menschen, Tieren, Umwelt und Sachwerte) abwägen.
Die kontinuierliche Risikoanalyse sollte mindestens die 9 Gefahren der Gefahrenmatrix (Atemgifte, Angstreaktion, Ausbreitung, Atomare Gefahren, Chemische Gefahren, Erkrankung/ Verletzung, Explosion, Einsturz/Absturz, Elektrizität) umfassen.

Wenn Menschenleben in Gefahr sind, werden die meisten Einsatzleiter bereit sein, einen Auftrag anzuordnen, der ein höheres Risiko für die Einsatzkräfte bedeutet als wenn keine Menschen gefährdet sind. Gibt es aber auch eine Unterscheidung innerhalb der beiden Gefährungs-Kategorien „Menschenleben in Gefahr” und „Nur Sachwerte in Gefahr”? Sollten wir ein höheres Risiko bei Kinder als bei Rentnern eingehen? Bei Männern oder Frauen? Christen oder Juden? Deutschen oder Arabern? Bundespräsidenten oder Obdachlosen? Immanuel Kant gab dazu die Antwort (siehe z. B. die Süddeutsche Zeitung: „Als Mensch kann kein Arzt, kein Erzieher oder bedeutender Staatenlenker mehr wert sein als das geringste, scheinbar nutzloseste Mitglied der menschlichen Gesellschaft.”) Die Frage berührt wesentlich unsere ethischen Grundüberzeugungen.

Auch bei den Sachwerten kann die Frage kontrovers diskutiert werden: Ist ein Gemälde von David Teniers II. mehr Wert – und rechtfertig somit das Eingehen eines höheren Risikos – als der FIFA-WM-Pokal?

Bei Sachwerten, die wiederbeschafft werden können und die höchstwahrscheinlich auch versichert sind, sollte allerdings das Risiko für die Einsatzkräfte gering gehalten werden. Eine Riegelstellung gegenüber einen Innenangriff kann da durchaus angezeigt sein. Aber immer wieder kommt es zu lebensgefährdenden Unfällen in leerstehenden Gebäuden. Umfangreiches Risikobewußtsein bei der Einsatzleiterin und den vorgehenden Trupps kann die Gefahr nicht beseitigen aber erheblich minimieren.
By the way: Bei Wohnungsbränden konnte ich sehr häufig beobachten, dass der Verlust des Familienfotoalbums – oft durch das Löschwasser – besonders schwer wog, ein geringer materieller Wertverlust aber ein immenser ideeller: Die Beweise eines ganzen Lebens / des Daseins sind unwiderruflich vernichtet.

Bei der Risikoanalyse ist allerdings nicht nur das unmittelbare Umfeld zu beachten. Auch weit entfernte Personen – objektiv Nichtbetroffene – können durch ein Ereignis Angstreaktionen zeigen. Diese Erfahrungen machen Feuerwehren regelmäßig im Umfeld chemischer Betriebe. Es spielt dabei keinerlei Rolle, dass sich ein Schadstoff nicht gegen den Wind ausbreiten kann, entscheidend ist, dass sich Personen subjektiv betroffen fühlen. Die Einsatzleiterin hat auch an diese Personen zu denken und nachzufragen, was zu deren Beruhigung bereits unternommen wurde.

Bei emotional aufgeladenen Gefahren (z. B. einer Schmutzigen Bombe oder H1N1) kann der psychologische Effekt von Feuerwehreinsatzkräften, die unter Vollschutz vorgehen, die gesamte Gesellschaft panisch reagieren lassen. Hier muss der Einsatzleiter das Risiko eines Vorgehens mit geringerem Schutz abwägen gegenüber dem Risiko der eventuell erzeugten Panik. Die Gefahr läßt sich dabei leichter abschätzen als die Eintrittswahrscheinlichkeit.
Die Krisenkommunikation spielt hier auch eine bedeutende Rolle. Die Aussage in einem Interview: „Es besteht keine Gefahr für die Bevölkerung“ ist nicht sehr überzeugend, wenn im Hintergrund Feuerwehreinsatzkräfte mit Vollschutz zu sehen sind.

Werte photo

Fazit

Wie müssen Sie nun Ihre Arbeitsweise ändern, wenn Sie von einer Abschnittsleiterin am Schadenort bzw. Sachgebietsleiterin im Stab zur Einsatzleiterin aufsteigen?
Suchen Sie nicht mehr nach Antworten! Sondern: Fragen Sie! Entscheiden Sie!

Als unterstellte Führungskraft entschieden Sie im Namen der Einsatzleiterin im Rahmen der delegierten Zuständigkeit und Sie kannten die Antworten auf einsatzrelevante Fragen. Als Einsatzleiterin treffen Sie Entscheidungen, delegieren Aufgaben und stellen die wichtigen Fragen.

Vermeiden Sie es, alles besser wissen zu wollen und geben Sie Ihre unterstellten Einsatzkräfte Raum zum Arbeiten. Kleinliches Überwachen beschneidet die Fähigkeiten, der Ihnen unterstellten Führungskräfte, und demotiviert sie.

Treten Sie zurück und behalten Sie den Überblick!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten

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