Posted On 22. Dezember 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1936 Views

Die optimale Stabsorganisation

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Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass es die optimale Organisation von Problemlösungsgruppen nicht gibt. Vielmehr ist sie abhängig von den zu bewältigenden Aufgaben. (vgl. z. B. Wolley, Aggerwal, and Malone: Collegitive Intelligence in Teams and Organisations in Handbook of Collektive Intelligence, edited by Thomas W. Malone and Michael S. Bernstein)

Die FwDV / DV 100 legt in Punkt 3.2.2.2 Gliederung und Umfang der Einsatzleitung fest: „Die Einsatzleitung ist personalmäßig klein zu halten, aber hochwertig zu besetzen.”

Wie sollten nun Bevölkerungsschutzstäbe organisiert werden?

Im deutschen Bevölkerungsschutz können zwei Arten von Stabsorganisationen unterschieden werden: Aufteilung der Stabsmitglieder in zwei nahezu unabhängige, mehr homogene Gruppen (Verwaltungs- und Führungsstab) oder Zusammenfassen dieser beiden Komponenten in eine mehr heterogene Gruppe (Gesamtstab).

Je nach zu bewältigen Aufgaben führt einmal die eine bzw. die andere Organisationsform zu besseren Resultaten.

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Erkenntnisse aus dem Bereich Organizational Behavior  

Aufgaben können danach unterschieden werden, ob sie sinnvollerweise in Teilaufgaben unterteilt werden können (divisible tasks) oder eben nicht (unitary tasks).

Erste sind uns aus der operativ-taktischen Stabsarbeit bekannt: Die Gesamtaufgabe wird auf die Stabsbereiches S1 bis S6 aufgeteilt.

Divisible Tasks werden entweder von allen oder nur von einer Person bearbeitet. Ersteres trifft zum Beispiel bei Verwaltungsstäben auf, wenn etwaige Kaskadeneffekte gedanklich durchgespielt werden.

Neben dieser ersten Aufteilung kann folgende Unterscheidung getroffen werden:

  • kompensatorisch: das Ergebnis einer Person kann Fehler anderer ausgleichen, z.B. unabhängiges Schätzen der Anzahl von Murmeln in einem Marmeladeglas
  • konjunktiv: das schwächste Gruppenmitglied bestimmt die Leistung der Gruppe, z. B. Laufen in einer Gruppe
  • additiv: die Summe aller Gruppenmitglieder addiert sich, z. B. Schneeschaufeln
  • disjunktiv: das stärkste Gruppenmitglied ist entscheidend, z. B. Lösen eines mathematischen Problems.

Bei kompensatorischen und additiven Aufgaben werden in der Regel die besten Ergebnisse erzielt, wenn die Gruppenmitglieder bzw. Teilgruppen zusammenarbeiten, disjunktive sollten von einander unabhängig bearbeitet werden und konjunktive eher von Personen, die über die erforderlichen Fähigkeiten in einem herausragenden Maße verfügen und nicht von Gruppen.

Nun können Aufgaben noch entsprechend der folgenden Kategorien eingeteilt werden:

  • Generierende Aufgaben: kreative und planerische Aufgaben
  • Auswahl bzw. Entscheidung: Selektion zwischen mehreren Möglichkeiten bei Vorhandensein einer objektiv korrekten Lösung (intellective) bzw. dessen Nichtvorhandensein (judgement).
  • Verhandlungen
  • ausführende Aufgaben

Generierende Aufgaben werden von heterogenen Gruppen besser gelöst als von homogenen, da mehr unterschiedliche Ideen entstehen können. Noch mehr Alternativen werden entwickelt, wenn mehrere voneinander unabhängige Gruppen Lösungsvorschläge erarbeiten. Umgekehrt sind homogene Gruppen für ausführenden Aufgaben besser geeignet. (siehe z. B. https://www.psychologie.hu-berlin.de/de/prof/org/download/Schollgrundl06). Zusätzlich zeigen letztere bessere Anfangsleistungen, da heterogene Gruppen mehr Zeit für Teambildungsprozesse benötigen.

Die Heterogenität sollte sich eher auf das Fachwissen als auf Erfahrung, Status oder demographische Aspekte beziehen.

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Folgerungen für die Stabsarbeit 

Stabsorganisation und Einsatzphasen

Im Blog „Führen durch das Chaos” habe ich die Theorie Cynefin Framework nach Snowden und Boone vorgestellt. Die Autoren unterscheiden chaotische, komplexe, komplizierte und einfache Situationen und geben entsprechende Empfehlungen:

  • chaotisch: schnelle Entscheidungen
  • komplex: kreative Lösungen finden
  • kompliziert: Expertenwissen nutzen
  • einfach: Ausführung steht im Mittelpunkt

Entsprechend dem obigen Erkenntnissen sollte deshalb mit den besten Ergebnissen zu rechnen sein, wenn

  • in chaotischen Situationen homogene Gruppen,
  • in komplexen Situationen heterogene Gruppen,
  • bei komplizierten Aufgaben Einzelpersonen und
  • bei einfachen Aufgaben homogene Gruppen

zum Einsatz kommen.

Zu Einsatzbeginn (während der Chaosphase) sollte also eine homogene Gruppe die Einsatzleiterin dabei unterstützen, den Einsatz in den Griff zu bekommen. Alle vorgeplanten Einsatzmassnahmen sollten von homogenen Gruppen (z. B. den Führungsstab) abgearbeitet werden. Für komplizierte Fragestellungen sind die entsprechenden Fachberater hinzuziehen. Die komplexen Aufgaben sind durch heterogene Gruppen zu bearbeiten. Dies kann mittels des Gesamtstabes oder durch eine gemeinsame Sitzung des Verwaltungs- und Führungsstabes erfolgen. Die Ausführung sollte dann wieder von homogenen Gruppen erfolgen, dass heißt, Verwaltungs- und Führungsstab getrennt oder für den Gesamtstab durch Bildung von möglichst homogenen Arbeitsgruppen.
(Diese Erkenntnis scheinen durch die Erfahrungen im deutschen Bevölkerungsschutz untermauert zu werden: So befinden sich die Räume für Verwaltungs- und Führungsstäben sehr häufig in unmittelbarer Nähe zueinander.)

 

Stabsorganisation und Arbeitsphasen eines Stabes

Schaut man sich die Arbeitsweise von Stäben (vgl. den Blog „Führungsvorgang in einem operativ-taktischen Stab (Führungstab)”) an, so erkennt man, dass für den großen Führungskreislauf heterogene und für den kleinen homogene Gruppen geeigneter sind.

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Stabsorganisation und Einsatzplanung

Die Einsatzplanung ist die eigentliche kreative Arbeit im Stab. Deshalb sollten heterogene Gruppen bessere Ergebnisse liefern.
Bei vorhersagbaren Schadenlagen kann die kreative Einsatzplanung vor deren Eintritt erfolgen und Einsatzpläne, Standardeinsatzregeln usw. entwickelt werden. Bei unvorhersehbaren Ereignissen muss die kreative Phase von der Lage induziert, parallel zur Schadenabwehr erfolgen.

Bei der Erstellung von Einsatzplänen steht in der Regel genügend Zeit zur Verfügung, um viele Experten miteinander diskutieren zu lassen. Bei der Lage induzierten Planung muss zwischen den Vorteil von vielen unabhängigen Meinungen und dem Aufwand zur Koordination und Konsensbildung abgewägt werden. Das beste Expertenteam, dass nicht rechtzeitig Lösungsvorschläge der Einsatzleiterin zur Entscheidung vorlegen kann, ist nichts wert.

Eine Verbesserung der Einsatzplanung kann erreicht werden, wenn mehrere von einander unabhängige Gruppen am gleichen Problem arbeiten. Hierzu reichen in der Regel die Kapazitäten einer Behörde nicht aus. Deshalb sollte überlegt werden, ob man nicht andere um Mithilfe bittet. Wie solch eine Zusammenarbeit erfolgen kann, habe ich im Blog „Jahrhunderthochwasser 2038 – ein Gedankenexperiment” beschrieben.

 

Disjunktive und additive Aufgaben

Alle disjunktiven Aufgaben sollten von unabhängigen Fachberater(gruppen) parallel bearbeitet werden. Dabei sollte schon im Vorfeld nachgedacht werden, welche Gruppen außerhalb des Bevölkerungsschutzes (z.B. Universitäten, Forschungseinrichtungen) eingebunden werden können.

Additive Aufgaben, zum Beispiel das Auswerten von vielen Lageinformationen (Social Media, Satellitenaufnahmen, …) werden umso besser und schneller gelöst umso mehr Personen sich der Aufgabe annehmen. Hier bieten sich Crowd Sourcing (siehe Blog „Crowdsourcing und Entscheidungsunterstützung”) oder die Einbindung eines VOST (siehe z. B. http://vostde.de) an.

 

Fazit

Auch beim Führen und Leiten im Bevölkerungsschutz sollte agil auf die Schadenlage reagiert werden. Und dazu bedarf es geistig flexible, gut ausgebildet Führungskräfte.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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