Posted On 10. März 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 2098 Views

Das Führungssystem des Bevölkerungsschutzes im Vereinigten Königreich

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Das Gefahrenabwehrsystem im Vereinigten Königreich ist analog des deutschen Systems dezentral aufgebaut. Die örtlichen Behörden (Verwaltung, Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst,…) sind für die operative Gefahrenabwehr zuständig. Allerdings wird die gemeinsame, allumfassende Gefahrenabwehr anders als in Deutschland mittels „Gemeinsamer Führungsgremien” (”joint” „unified“) sichergestellt. Dies wird schon in gemeinsamen gesetzlichen Grundlagen (”Civil Contingencies Act” von 2004), Standardeinsatzregeln (”Emergency Response & Recovery Guidance” und ”Joint Doctrine: the interoperability framework“) und einem ”Joint Decision Model” (siehe Abbildung 1) deutlich.
In Deutschland tagen die Stäbe des Bevölkerungsschutzes (Verwaltungsstab und Führungsstab) sowie der Polizeien in der Regel getrennt. Die Zusammenarbeit wird mittels Verbindungspersonen sichergestellt. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten das jeweilige System beherrschen und richtig anwenden.

Im folgenden Blog verwende ich die englischen Originalbegriffe, da eine deutsche Überbesetzung zu Fehlinterpretationen führen kann.

C2 - UK.002

Abbildung 1: Das britische Entscheidungsmodell

 

Einteilung der Gefahrenabwehrbehörden

Nach dem Civil Contingencies Act werden zweit Arten von Gefahrenabwehrbehörden unterschieden:

  • Category 1 responder sind unter anderem
    • Local authorities
    • Police forces, including the British Transport Police
    • Fire services
    • Ambulance services
    • HM Coastguard
    • NHS primary care trusts, NHS hospital trusts, NHS foundation trusts (and Welsh equivalents), and the Health Protection Agency
    • Port health authorities
    • The Environment Agency and the Scottish Environment Protection Agency
  • Category 2 responder unterstützen die category 1 responder, z. B.:
    • Electricity distributors and transmitters
    • Gas distributors
    • Water and sewerage undertakers
    • Telephone service providers (fixed and mobile)
    • Transport
    • Network Rail
    • Train operating companies (passenger and freight)
    • London Underground
    • Transport for London
    • Highways Agency
    • Airport operators
    • Harbour authorities
    • NHS strategic health authority
    • Health and Safety Executive
    • Voluntary Agencies

 

Führungsebenen

Es werden drei Ebenen unterschieden (siehe Abbildung 2):

  • Operational (Bronze) level
    Der Operational Commander hat schnelle und effektive Massnahmen durchzuführen, um Leben zu retten, Schäden zu minimieren und das Schadenereignis abzuschwächen. Er führt die Ressourcen seiner Organisation innerhalb einem aufgabenbezogenen oder räumlich aufgeteiltem Bereich, welcher vom Tactical Commander festgelegt wird. Er befindet sich an der Einsatzstelle und setzt den taktischen Einsatzplan um und führt die Einheiten seiner Organisation.
  • Tactical (Silver) level
    Der Tactical Commander hat sicherzustellen, dass schnelle und effektive Massnahmen eingeleitet sind, um Leben zu retten, Schäden zu minimieren und das Schadenereignis abzuschwächen. Er koordiniert die Gefahrenabwehr mit seinen Pendants aus den anderen Organisationen. Dazu bilden sie eine Tactical Coordination Group, die je nach Schadenlage am Schadenort oder schadenortnah in einer Befehlsstelle tagt. Diese Gruppe (Stab) koordiniert die Einsatzmassnahmen und die Ressourcen im Einsatzbereich.
  • Strategic (Gold) level
    Die Strategic Commanders tragen die Gesamtverantwortung für die Tätigkeiten ihrer jeweiligen Organisation. Jeder hat die Gesamtbefehlsgewalt über die eigenen Einheiten. Sie bilden in einer Befehlsstelle die Strategic Coordination Group. Sie legen die strategische Ziele fest, koordinieren die Einsatzkräfte und weisen Mangelressourcen zu. (siehe auch In the Chair with Bob Broadhurst)

C2 - UK.003

Abbildung 2: Führungsebenen, Führungsgremien und Aufgaben

 

Grundprinzipien der Zusammenarbeit

  1. Co-location
    Die Einsatzleiter der unterschiedliche Organisationen haben sich gemeinsam an einem geeigneten Ort aufzuhalten:

    • Operational level: am Schadenort, in der Regel ohne ein Führungsmittel, genannt: Fast Command Post
    • Tactical level: am Schadenort bzw. schadenortnah, in der Regel in einem Einsatzleitwagen oder einem Gebäude
    • Strategic level: in einem geeigneten Gebäude im Zuständigkeitsbereich, z. B. Stabsraum
  2. Eine wesentliche Aufgabe ist ein „joint assessment of the situation” und „joint risk assessment”. Die Gefahrenabwehr kann nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn ein gemeinsames Situationsbewusstsein erzeugt werden kann.
  3. Communication
    Die Kommunikation zwischen den einzelnen Behörden beruht auf gemeinsame Begriffe und taktische Zeichen. Spezifische Abkürzungen werden vermieden.
  4. Co-ordination
    Koordination beinhaltet gemeinsame

    • Festlegung von Prioritäten,
    • Verwendung von Ressourcen,
    • Entscheidungsfindung entsprechend dem in Abbildung 1 gezeigten Modell und gemeinsame Einsatzmassnahmen.

Ein Commander (in der Regel der der Polizei) „leitet” diesen Koordinierungsprozess. Er ist Moderator, nicht Weisungsbefugter gegenüber den anderen Organisationen. Selbst wenn aus einsatztaktischen Gründen Einheiten einer Organisation unter dem „Control” einer anderen Organisation tätig werden, verbleibt die „Command”-Gewalt bei der Ursprungsorganisation (vergleiche die deutsche Amtshilfe und das Bundeswehrprinzip „Auf Zusammenarbeit angewiesen”).

 

Tactical and Strategic Coordination Group

Diese Koordinierungsgruppen bestehen aus den jeweiligen Silver bzw. Gold Level Commander einer jeden beteiligten Organisation und einem Command Support Team / Staff.

Nahezu immer wird eine Coordination Group Vertreter der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und der Polizei beinhalten. Je nach Lage kann sie aber entsprechend umfangreicher ausfallen, wobei darauf zu achten ist, dass sie handlungsfähig bleibt. Auf allen drei Ebenen kann die Situation eintreten, dass schnell schwierige Entscheidungen zu treffen sind. Bei größeren Gruppen stellt dies eine nicht zu vernachlässige Herausforderung an den Moderator dar. Als Beispiel für die komplette Strategic Coordination Group zeigt Abbildung 3 diese für London.

C2 - UK.005

Abbildung 3: Londons Strategic Coordination Group

Die Zusammensetzung des Command Support Teams hängt von der Führungsebene und dem Schadenereignis ab. Bei kleineren besteht das Team nur aus einer Person, bei größeren wird es von einer erfahrenden Führungskraft (Stabsleiterin) geleitet. Zu den zu besetzenden Funktionen können zählen: Einsatztagebuch, Verbindungspersonen, Ressourcenmanagement, Informationssammlung, rechtliche Fragen, Einsatzplanung, Logistik, Gesundheit/Human Resources und Kommunikation. Diese Aufzählung ist nicht abschließend.

Entscheidend ist (wie im deutschen System), dass sich das Command Support Team nicht direkt in der Befehlskette („command line”)  befindet.

 

Vergleich zur deutschen FwDV / DV 100

Ein eineindeutiger Vergleich zu dem deutschen Führungssystem der FwDV / DV 100 ist nicht möglich.Vergleicht man aber die Aufgaben der entsprechenden Führungsgremien so kann folgende Analogie verwendet werden:

C2 - UK.004

Abschlussbemerkung

Zum Abschluss möchte ich nochmals explizit ein oftmals gehörtes Missverständnis ausräumen: die Polizei leitet zwar meistens die Tactical und Strategic Coordination Group (sie stellt den „Chair”), sie hat aber keine Befehlsgewalt über die Einsatzkräfte der anderen Organisationen. Diese agieren eigenverantwortlich.
Solange alle verantwortlichen Führungskräfte das Wohl der Betroffenen über das eigene Ego stellen, sollte der Abstimmungsprozess in den Coordination Groups auch keine unüberwindbaren Probleme darstellen, sodass eine direkte Befehlsgewalt auch gar nicht notwendig ist.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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