Posted On 25. November 2014 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 4197 Views

Brauchen wir eigentlich noch operativ-taktische Stäbe (Führungsstäbe)?

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ODER: Was sind die Aufgaben eines Führungsstabes in Abgrenzung zu einem technisch-taktischen Stab [im Weiteren kurz TEL genannt]?

Eine kurze theoretische Ableitung meiner Interpretation der FwDV/DV 100 zu dieser Frage habe ich am Ende angeführt.

 

Aufgaben eines Führungsstabes

Das zentrale Gebot der FwDV/DV 100 ist: „Führen mit Auftrag”. Das bedeutet u. a., dass der Führungsstab delegiert und die unterstellten Gremien in seinem Sinne agieren. Daraus und unter Berücksichtigung der Zeit, die für Meldungen und Befehle benötigt wird, folgt die in Abbildung 1 gezeigte Aufgabenverteilung.

Aufgaebnverteilung opt - tt

Abbildung 1: Aufgabenverteilung zischen technisch-taktischen und operativ-taktischen Stäben

Der Führungsstab hat – bzw. kann nur – die Aufgaben wahrnehmen, die von größerer Bedeutung für den Gesamteinsatz sind und bei denen die Ausführung so weit in der Zukunft liegt, dass er überhaupt reagieren kann.

Die FwDV/DV 100 führt unter 3.2.4.3 aus, dass die operativ-taktischen  Maßnahmen zur „Koordination der technisch-taktischen Maßnahmen [dienen]. Sie beziehen sich vor allem auf

  • Bildung des Einsatzschwerpunktes
  • Ordnen des Raumes
  • Ordnen der Kräfte
  • Ordnen der Zeit
  • Ordnen der Information

Sie dürfen nicht ausschließlich als logistische Unterstützung örtlicher technisch-taktischer Maßnahmen betrachtet werden.

Dagegen dienen technisch-taktische Maßnahmen dazu, „durch

  • den Einsatz der richtigen Kräfte
  • mit den richtigen Mitteln
  • am richtigen Ort
  • zur richtigen Zeit

das Einsatzziel zu erreichen”.

Was bedeutet dies nun im Einzelnen?

Als erstes muss festgestellt werden, dass die Bildung eines Führungsstabes nur dann Sinn macht, wenn dieser mehr als eine TEL führt. Ansonsten kann er nur die Rolle eines „Durchlauferhitzers” spielen oder er übernimmt Aufgaben der TEL.

 

Festlegen des Einsatzschwerpunktes

Dies ist die wichtigste Aufgabe eines Stabes. Alle weiteren (auch die der unterstellten Führungsebenen) hängen von ihr ab. Die Aufträge der einzelnen TEL sind so zu gewichten, dass nur eine TEL die oberste Priorität erhält. Dieser sind etwaige Mangelressourcen bevorzugt zur Verfügung zu stellen. Diese Festlegung kann u. U. zu heftigen öffentlichen Reaktionen führen („Warum wird dem Nachbarort geholfen und uns nicht?”).

Eine Änderung des Einsatzschwerpunktes hat immer weitreichende Kräfteumstrukturierungen und somit umfangreiche Planungen aller Führungsebenen zur Folge und sollte deshalb nicht leichtfertig erfolgen.

 

Ordnen des Raumes

Es müssen die eigenen Bereitstellungs-, Versorgungs-, Erholungs-, Logistikräume usw. sowie die Anfahrt- und Abmarschwege und ggf. Evakuierungswege in enger Abstimmung mit den unterstellten TEL und der Polizei festgelegt werden.

Wichtiger aber ist es, den unterstellten TEL klare Aufgaben, Zuständigkeiten, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten zuzuweisen. Dies stellt die Grundlage der Ordnung der Kräfte dar, ist aber auch gleichzeitig von ihr abhängig.

 

Ordnen der Kräfte

Jede TEL bekommt die Einsatzkräfte unterstellt, die sie zur Erfüllung der Aufträge vermutlich benötigen wird. Gegen dieses Prinzip zu verstoßen, ist unfair und zieht immer einen Vertrauensverlust in die Fähigkeiten der vorgesetzten Führungskraft nach sich. Können nicht genügend Ressourcen zum Durchführungszeitpunkt am Einsatzort zur Verfügung gestellt werden, sind die Aufträge entsprechend zu ändern.

Nicht das Wünschenswerte sondern das Machbare ist das Maß!

 

Ordnen der Zeit

Die Arbeit vor Ort und die Stabsarbeit der unterschiedlichen Führungsgremien sind aufeinander abzustimmen, um einen maximalen Erfolg zu erzielen.

So sollten Evakuierte erst dann zu einer Notunterkunft gefahren werden, wenn diese aufnahmebereit ist. Aber auch der S1 hat Nachforderungen, passgenau zu planen. Ein zu spätes Heranführen von Einsatzkräften ist genauso zu vermeiden wie ein zu frühes. Im ersten Fall scheitert der Einsatz, im zweiten Fall müssen die Einsatzkräfte im Schadengebiet versorgt und „bespaßt” werden, um Frustrationen zu vermeiden. Die Netzplantechnik ist hierfür besonders geeignet.

Einsatzplanung in Führungsstäben, Netzplantechnik und Synchronisation der Stabsarbeit werde ich in späteren Blogs ausführlicher behandeln.

Ordnen der Information

Wer hat eigentlich in welcher Form wen zu informieren? Diese Frage scheint auf den ersten Blick trivial: Die Informationswege entsprechen der Führungsorganisation. Aber auf welcher Ebene werden die Informationen z. B. zwischen Bevölkerungsschutz und Polizei ausgetauscht? Und was ist mit den informellen Informationskanälen (mündlich, Smartphone, …)? Neben der Beantwortung dieser Fragen ist das Informationsmanagement der Arbeitsweise der Führungsgremien anzupassen (siehe Ordnen der Zeit). Dabei sind zwei Aspekte zu berücksichtigen:

  • es muss ein möglichst genaues Abbild der Schadenlage generieren werden und
  • es darf diejenigen, die die Meldungen verfassen, nicht zu sehr belasten. Deren Hauptaufgabe ist es ja schließlich, sich um die Schadenabwehr zu kümmern.

Auch hierzu mehr in einem späteren Blog.

 

Fazit

Die Aufgaben eines Führungsstabes können als koordinierend und kultivierend bezeichnet werden.  Er hat das Einsatzumfeld so zu gestalten, dass die Einsatzkräfte vor Ort zum Wohle der betroffenen Bevölkerung ihre optimale Leistung erbringen können: wie ein guter Gärtner, der das Wachstum seiner Pflanzen durch Gießen und Düngen fördert und nicht dadurch, dass er sie in die Höhe zieht. Aus dieser Erkenntnis folgt, dass die Angehörigen eines Führungsstabes über organisatorisches Talent und gesunden Menschenverstand verfügen müssen. Detailkenntnisse der Gefahrenabwehr sind nicht so entscheidend. Deshalb sollten Experten für Letzteres besser in den technisch-taktischen Führungsebenen (TEL, Einsatzabschnitte,…) eingesetzt werden.

Um die Ausgangsfrage zu beantworten: Ja, Führungsstäbe werden weiterhin benötigt, wenn sie übergeordnete Aufgaben wahrnehmen. Fallen sie ins Mikromanagement, sind sie eher ein Hindernis und sollten abgeschafft werden.

 

Theoretische Herleitung

Ausgangslage

Analysen von Einsatz- und Übungsberichten zeigen, dass gleichartige – manchmal sogar dieselben – Aufgaben von unterschiedlichen Stäben ausgeführt werden. Dies führt zu einer Beeinträchtigung des Ergebnisses und zu Frust bei den Beteiligten.

Weshalb kommt es nun immer wieder dazu, dass Führungskräfte Aufgaben wahrnehmen, für die sie nach den Dienstanweisungen nicht zuständig sind? Der Hauptgrund ist die unklare sprachliche Abgrenzung von operativ-taktisch zu technisch-taktisch.

Begriffsdefinition

Deshalb möchte ich drei neue Begriffe einführen, die in vergleichbaren Bereichen, nämlich den  Wirtschafts- und Militärwissenschaften, genutzt werden: strategisch – operativ – taktisch.

In der Literatur finden Sie sich widersprechende Definitionen. In Tabelle 1 sind die Definitionen gegenübergestellt, die ich benutzen möchte.

Arbeitsdefinition St-opt-takt

Tabelle 1: Arbeitsdefinitionen der Begriffe „strategisch” , „operativ” und „taktisch”

In Tabelle 2 finden Sie Beispiele, die den Sinn verdeutlichen.

Arbeitsdef s-o-t Beispiele

Tabelle 2: Beispiele zu Tabelle 1

 

Schlussfolgerungen

Aufgrund der Begriffssystematik komme ich zu zwei unterschiedlichen Auslegungen der FwDV/DV 100:

  1. Ein Führungsstab nimmt die operativen und einige taktische Maßnahmen wahr. Die TEL übernehmen die anderen taktischen Maßnahmen.
    Die bewusste Trennung von operativen und taktischen Führungsgremien in Wirtschaft und Militär findet im Bevölkerungsschutz nicht statt.
  2. Der Führungsstab trifft nur die operativen Führungsentscheidungen und die TEL nur die taktischen.
    Der Aufbau des Führungssystems im Bevölkerungsschutz entspricht dem der Wirtschaft und des Militärs.

Ich halte die zweite Auslegung für besser geeignet um Einsätze erfolgreich zu bestreiten. Auf Grundlage dieser Erkenntnis erfolgte die oben beschriebene Aufgabenbeschreibung eines Führungsstabes.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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