Posted On 3. November 2016 By In Aus- und Fortbildung, Bevölkerungsschutz, Social Media With 1837 Views

Bilden wir richtig aus?

follow and like us:
0

Diese Frage kam mir beim Lesen des Berichtes der HFUK Nord zum tödlichen Unfall eines Feuerwehrmannes der FF Marne (LK Dithmarschen) während eines Atemschutzeinsatzes am 06.12.15 wieder in den Sinn.

Seit Jahren bin ich in unterschiedlichen Funktionen im Bereich der Aus- und Fortbildung im Bevölkerungsschutz tätig und muss leider wieder einmal feststellen, dass unsere Aus- und Fortbildung verbessert werden muss. Nicht technische Mängel haben zu diesem Unfall geführt sondern das Zusammentreffen einer Reihe menschlicher Fehler. Der Bericht kommt zum Schluss, dass „nach Ansicht der HFUK Nord kein Anlass [besteht], die bestehenden Vorgaben durch Unfallverhütungs-vorschriften und Feuerwehr-Dienstvorschriften zu verändern oder zu verschärfen. Ein Beachten und Befolgen der bestehenden Vorschriften hätte den Unfall möglicherweise verhindert.”

Feuerwehr photo

Feuerwehrausbildung

In manch einer Feuerwehrlaufbahnprüfung habe ich folgende Frage gestellt: „Was ist der Flammpunkt?” Die zukünftigen Brandmeister antworten durchwegs, wie aus der Pistole geschossen: „Der Flammpunkt einer Flüssigkeit ist die niedrigste Temperatur, bei der sich über ihr ein zündfähiges Dampf-Luft-Gemisch bilden kann.” oder halt so ähnlich. Nach den üblichen weiteren Fragen zu „Verbrennen und Löschen” kam ich zu meinem zweiten Part, der Einsatzlehre. Dort stellte ich nun folgende Aufgabe: „Es ist Winter. Aufgrund überfrorener Glätte, kommt es in Ihrem Einsatzbereich zu einer Reihe von Verkehrsunfällen. Sie kommen mit einem Löschgruppenfahrzeug zu einem Verkehrsunfall mit einem Tankzug der Diesel geladen hat. Der Tankzug ist gegen einen Baum gerutscht, wobei der Tank beschädigt wurde und Diesel ausläuft. Der Motorbereich blieb unbeschädigt. Beschreiben Sie bitte das taktische Vorgehen!”

{Na, werter Leser, haben Sie nicht einmal Lust vor dem Weiterlesen schnell selber die Aufgabe zu lösen?}

Die meisten Prüflinge entschieden sich für folgendes Vorgehen: Absichern der Einsatzstelle, Eindämen der Dieselausbreitung, Schaumangriff mit Schwerschaum.
Üblicherweise verlief die Prüfung wie folgt weiter:

„Warum Schaumangriff?”
„Wegen Diesel – brennbare Flüssigkeit”

”Zu welchen Gefahrenklasse gehört Diesel nach der VbF?”
„AIII”

„Was bedeutet AIII?”
„AIII ist eine Flüssigkeit mit einem Flammpunkt zwischen 55ºC und 100ºC.”

„Wie hoch schätzen Sie die Brandgefahr ein?”
„Na so mittel – geringer als bei Benzin, da Benzin ja eine AI Flüssigkeit ist.”

„Welche Temperaturen werden wohl der Boden und die Luft und somit der ausgelaufene Diesel haben?”

Den Brandmeisteranwärtern haben ich und meine Mitarbeiter zwar zwei Jahre lang sehr viel theoretisches Wissen (sogar das Bohrsche Atommodell!) in den Kopf geprügelt – aber dieses dann einsatztaktisch sinnvoll zu verwenden, nicht. Eine bittere Erkenntnis, die ich in der Feuerwehr-, Rettungsdienst und Führungsausbildung bis heute immer wieder – auch bei mir – feststellen muss. {Übrigens, das obere Beispiel kann ich in meinem derzeitigen Wirkungsbereich bei Prüfungen nicht entsprechend verwenden.}

Drohnen photo

Drohnen

Auch in anderen Gebieten stellen wir meines Erachtens nicht immer die richtigen Fragen – oder ich bekomme sie nicht mit. So findet sich auf der Webpage des deutschen Feuerwehrverbandes folgender Eintrag: „Vom ersten Lagebild aus der Höhe bis zur Personensuche mit Wärmebildkamera in einer vom Einsturz bedrohten Halle – ein unbemanntes Luftfahrtsystem (umgangssprachlich als Drohne bezeichnet) kann die Feuerwehr in den verschiedensten Einsatzszenarien sinnvoll unterstützen. Demgegenüber steht ein Genehmigungsverfahren, das je nach Bundesland unterschiedlich ist. Im Ergebnis erhalten Feuerwehren in manchen Fällen Aufstiegsgenehmigungen, die einen länderübergreifenden Einsatz im Rahmen der nachbarschaftlichen Löschhilfe jedoch nicht zulassen. Anlässlich der Weltleitmesse Interschutz in Hannover fordert Hartmut Ziebs, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) nun eine umgehende Änderung des Luftverkehrsrechts.”

Werden im Bereich des deutschen Bevölkerungsschutz eigentlich auch folgende Fragen diskutiert:

  • Wer kann diese Drohnen fliegen? Können wir Feuerwehrleute dazu ausbilden oder müssen wir Drohnenpiloten in die Feuerwehr aufnehmen?
  • Wenn bei einem Einsatz kein geeigneter Pilot zur Verfügung steht (was bei freiwilligen Feuerwehren sicherlich vorkommen kann), ist das ein Organisationsverschulden, wie das Fehlen eines Fahrers des Löschfahrzeuges oder genügend Atemschutzgeräteträger?
  • Wer ist in der Lage, Größenverhältnisse auf Luftbildern richtig einzuschätzen? Wie können wir dies schulen?
  • Welche Entscheidung würde eine Einsatzleiterin (zum Beispiel bei einem Hallenbrand) anders Treffen, wenn ihr Bilder einer Drohne zur Verfügung stehen würden?
  • Welche Informationen können nur aus Bildern von Drohnen gewonnen werden und welche sind nutzbarer und leichter durch „herkömmliche” Informationsquellen zu gewinnen? (Da fällt mir gerade ein: Wird heute eigentlich noch Kartenkunde unterrichtet? Und gibt es in Niedersachsen noch die Waldbrandkarten in aktueller Version oder Verlassen wir uns heute alle auf unsere Smartphones und Google?)

Ihnen und mir fallen sicherlich bei etwas Nachdenken noch weitere Fragen ein.

Für Stäbe halte ich allerdings weiterhin einen die Situation einsatztaktisch bewertenden Lagebericht durch eine Führungskraft, die sich vor Ort befindet, für wertvoller als jedes Drohnen- oder 360º-Foto. Sollten Sie nicht dieser Meinung sein, dann überzeugen Sie mich bitte mit entsprechenden Fallbeispielen. Ich freue mich auf die Diskussion, da ich in diesem Bereich noch Vieles zu lernen habe. (Lebenslanges Lernen ist ja auch für Führungskräfte und Ausbilder im Bevölkerungsschutz nicht so schlecht.)

Zumindest für den Bereich der S2-Ausbildung müssen wir dringend über die derzeitige Aus- und Fortbildung nachdenken. Das einsatztaktische Auswerten und Beurteilen von Luftbildern (Satelliten gibt es ja auch noch) und Informationen aus den Social Media stellt den S2 vor neuen Herausforderungen. Dieses einsatztaktische Auswerten und Beurteilen bedarf Kenntnisse und Erfahrungen als Einsatzleiter. Die Erfahrungen aus vielen Einsätzen der Alten und die Offenheit und Begeisterung für neue Technologien der Jungen und deren Fähigkeiten, diese zu nutzen, müssen zusammengeführt werden. Ob wir als Ausbilder in der Lage sind, diese unterschiedlichen Kompetenzen in einer Person zu generieren oder ob Teams notwendig sein werden, weiß ich nicht. Aber wir sollten umgehend mit der Diskussion und ersten Seminaren / Lehrgängen beginnen, bevor das Luftverkehrsrecht geändert wird.

„Vor die Lage kommen!” muss auch hier das Ziel sein!

 

Ausbildung photo

Schlussbemerkung

Im US Militär gilt seit langer Zeit das Motto: „Train as You Fight!” Dahin müssen auch wir kommen. Mir ist schon klar, dass die Übergabe eines Löschfahrzeuges viel medienwirksamer ist als eine Ausbildungsstunde. Trotzdem sollten wir unsere Prioritäten einmal überprüfen.

Und bei aller Technologiebegeisterung: Die neuen Technologien müssen von den Einsatzkräften beherrschbar sein. Bei Tag und Nacht, im Regen wie mit eiskalten Händen und besonders immer auch unter Stress und Todesangst. Gerade der letzte Punkt liegt mir sehr am Herzen, da ich selber erfahren musste, welche Fehler ich mache, welche einfachen Entscheidungen ich nicht mehr richtig treffen kann, wenn ich in eine lebensbedrohende Notlage während eines Atemschutzeinsatzes komme.

Wir sollten – nein wir müssen – mehr in Köpfe als in Technologien investieren. Auch wenn dies unsexy erscheint! Die Menschen – die Betroffenen wie die Helfer – müssen einfach immer im  Mittelpunkt unserer Entscheidungen stehen!

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
follow and like us:
0

Tags : , , , , , , ,

LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com

Enjoy this blog? Please spread the word :)

RSS35
Facebook0
Facebook
Twitter20
LinkedIn
Google+
http://jemps.de/bilden-wir-eigentlich-richtig-aus/
Follow by Email