Posted On 3. März 2015 By In Bevölkerungsschutz With 3009 Views

Aufgabenorientierte Lagedarstellung für Führungsstäbe

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2012 haben Florentin von Kaufmann und ich in einem Artikel für die Zeitschrift Bevölkerungsschutz eine aufgabenbezogene Lagedarstellung vorgestellt, die sich von der hergebrachten Lehrmeinung (siehe z. B. http://www.idf.nrw.de/service/downloads/pdf/taktisches_arbeitsblatt_einf.pdf) unterscheidet. (Kaufmann, Florentin von; Karsten, Andreas H.; Aufgabenbezogene Lagedarstellung für operativ-taktische Stäbe; In: Bevölkerungsschutz (2012), 4, S.30-35; http://fis.bbk.bund.de/aDISWeb/app;jsessionid=9648C13B19BB297E8A5D86B3EEBCA7AE?service=aDISAsset/POOLBMSD_44002300_28A47E00/ZLAK_HTMLGL_1&sp=S%24OTPDF_1&sp=SMT00000001&requestCount=2) Mit der Darstellung der wesentlichen Ideen möchte ich heute an meine früheren Überlegungen zum Informations– und Wissensmanagement anknüpfen.

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Wesentliches Ziel der Lagedarstellung

Eine Forderung an jedes Führungsgremiums ist, vor die Lage zu kommen, zu agieren. Dass heißt, mit seinen Entscheidungen nicht hinter der Schadenlagen hinterherzulaufen und lediglich zu reagieren. Dies ist aber nur erreichbar, wenn man sich auf die prognostizierte Lage und nicht auf die vergangene konzentriert.

 

Grundprinzipen der Lagedarstellung

Ziel der Lagedarstellung ist es nicht, die Lage möglichst realistisch darzustellen. Sondern sie muss vielmehr die Arbeit der Stabsmitglieder (Entscheidungsfindung unter Stress) unterstützen. Diese Grundanforderung finden wir auch bei den Lagemeldungen und der Lagebesprechung wieder. Der Entscheidungsprozess hat entsprechend der FwDV / DV 100 dem Führungsvorgang (Lagefeststellung [Erkundung/Kontrolle] -Einsatzplanung [Beurteilung und Entschluss] – Befehlsgebung) zu folgen. Dieser Denkprozess und die Aufgaben eines operativ-taktischen Stabes (Bildung des Einsatzschwerpunktes, Ordnung von Raum, Kräfte, Zeit und Information) sollten die Form der Lagedarstellung bestimmen.

Drei Arten der Darstellung von Informationen können grundsätzlich unterschieden werden:

  • Darstellung von räumlichen Informationen auf Lagekarten
  • Darstellung von zeitlichen Abläufen über einer Zeitachse
  • Darstellung von räumlich und zeitlich unabhängige Informationen in schriftlicher und/oder numerischer Form

(Die Darstellung von raum-zeitabhängigen Informationen stellt weiterhin eine Herausforderung dar. (siehe z. B. Andrienko, N; Andrienko, G; Gatalsky, P; Exploratory spatio-temporal visualization: an analytical review; Journal of Visual Languages & Computing; http://geoanalytics.net/and/papers/jvlc03.pdf)

Im Weiteren ist zu beachten, dass nur die Informationen an der Lagewand dargestellt werden, die für gemeinsame Arbeitsschritte mehrerer Sachgebiete notwendig sind. Die anderen Informationen sind bei den entsprechenden Sachgebieten „vor Ort” vorzuhalten. Sollte doch einmal der Bedarf bestehen, sie in einer Lagebesprechung visualisieren zu müssen, so stellt dies bei der Nutzung von vernetzten Computern kein Problem dar.

Durch die Art der Darstellung ist die Aufmerksamkeit der Stabsmitglieder auf den Einsatzschwerpunkt zu konzentrieren. Er hat im „Mittelpunkt” der Darstellung zu stehen. Und die Dynamik des Führungsvorganges ist zu unterstützen.

Grundlage jeder Planung und somit jeder Entscheidung ist die zukünftige Situation zum Zeitpunkt des Wirksamwerden der Einsatzmaßnahmen und nicht die derzeitige oder die des Abfassens einer Lagemeldung. Deshalb müssen die Informationen, die Grundlage dieser Arbeitsschritte sind, prognostisch dargestellt werden. Dagegen ist im Bereich Controlling der Istzustand möglichst aktuell abzubilden.

Deshalb wird empfohlen, die Informationen für diese beiden Bereiche deutlich erkennbar zu trennen.

Und um es deutlich hervorzuheben: in operativ-taktischen Stäben ist das „Große Bild” darzustellen, keine Details!

 

Lage der Erkundung und Kontrolle

Im Bereich der Lage der Erkundung / Kontrolle wird die Lage der Vergangenheit dargestellt (siehe Abbildung 1).

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Abbildung 1: Lagedarstellung der Erkundung / Kontrolle

Folgende Bereiche werden unterschieden:

  • Gesamtpersonal – dies kann mittels eines Kiviat-Diagrammes erfolgen (siehe Blog „Personalplanung in Führungsstäben”)
  • Ressourcen – möglichst intuitive Darstellung
  • Kommunikation – möglichst intuitive Darstellung
  • Arbeitsauslastung der einzelnen Stabsbereiche – schematisch: grün: noch freie Kapazitäten; gelb: am Rand; rot: bereits untergegangen
  • Situation in den unterstellten Führungsbereichen – Dazu werden die Informationen der Übersichtsseite aus den Lagemeldungen dargestellt (siehe Blog „Lagemeldung und Unterrichtungen”). Im Idealfall zeigen alle Angaben die Situation zum selben Zeitpunkt an (siehe Blog „Wie finde ich in einem Führungsstab Zeit zum Denken?”). Problematisch wird es, wenn die Informationen aus den einzelnen unterstellten Führungsbereichen sehr unterschiedlichen Zeitpunkten entstammen.
  • Situation der benachbarten (räumlichen und Aufgaben bezogenen) Führungsgremien
  • Lagekarte – hier ist vornehmlich die Ordnung des Raumes darzustellen: Gefahrenbereiche, Einsatzschwerpunkt, Zuständigkeitsbereiche, Bereitstellungsräume, wichtige Transportwege, …
  • Allgemeine Informationen – z. B. Wetter, aber nur schematisch: Sonne, bewölkt, Regen, Temperatur,…
  • Darstellung der einzelnen bereits beauftragten Arbeitsschritte in ihrem zeitlichen Verlauf. Hierzu kann z. B. ein Gantt-Diagramm verwendet werden. Die hier dargestellten Informationen reichen u. U. bis in nahe Zukunft.

 

Planungslage

Im Bereich der Planung wird eine Prognose und denkbare Einsatzoptionen dargestellt (siehe Abbildung 2).

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Abbildung 2: Planungslage

Dabei wird im Bereich Optionen die Ergebnisse der Einsatzgrobplanung (siehe Blog „Führungsvorgang in einem operativ-taktischen Stab”) und in den rot umrandeten Bereichen die der Einsatzfeinplanung dargestellt.

Der Bereich Planung der Lagedarstellung dient der Unterstützung der kreativen Planentwicklung. Deshalb sollte hier auch mit „dicken Stiften” gearbeitet werden. Ein zu großer Detaillierungsgrad ist hier eher kontraproduktiv. Besonders mit Hilfe der grafischen Planungskarte und abwaschbaren Stiften können entsprechend die Vor- und Nachteile der einzelnen Einsatzoptionen diskutiert werden.

Bei Verwendung von moderner Software und interaktiven Whiteboards können Zwischenergebnisse der Diskussion immer wieder gespeichert werden und stehen somit später weiterhin zur Verfügung.

Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, die einzelnen Einsatzoptionen in Arbeitsschritte und deren grobe zeitliche Durchführung in Netzwerkdiagrammen darzustellen. Vor- und Nachteile eines jeden Arbeitsschrittes sind kurz festzuhalten, damit später die Gründe, die zur Entscheidung geführt haben, nachvollzogen werden können.

Nach dem Entschluss der Einsatzleiterin für eine Option sollten die verworfenen Ideen aufbewahrt werden. Sollte die gewählte Option nicht zum gewünschten Ergebnis führen, so können die verworfenen Optionen als Grundlage für die neue Planung verwendet werden.

Der Zeitstrahl (an der gleichen Stelle wie das Gantt-Diagramm in der Lagedarstellung der Erkundung / Kontrolle stellt die Lageentwicklung und die zu beauftragenden Arbeitsschritte dar und ist somit zeitlich gesehen die Wortschreibung des ersteren.

 

Nutzung der Lagedarstellung während der Lagebesprechung (siehe auch Blog „Lagebesprechung und Lagevortrag„)

Besonders der S2 und der S3 haben sowohl die aktuelle Istlage sowie die prognostizierte Lage vorzutragen. Um diesen Vortrag mittels der Lagedarstellung visuell zu unterstützen, müssen sie bei ihren Vorträgen von einem Bereich zu dem anderen hinüber springen. Dies hat aber den großen Wert, dass dadurch jedem Stabsmitglied deutlich wird, ob von der (vergangenen) Realität oder von der erwartenden Zukunft gesprochen wird. Selbst bei großem Stress wird so vermieden, dass ein erwarteter Meilenstein als schon abgehacktes Ereignis ins eigene Bewusstsein rutsch.

 

Fazit

Bei der hier beschriebenen Lagedarstellung werden nur die Informationen dargestellt, die für die Arbeit von operativ-taktischen Stäben notwendig sind. Dabei erfolgt die Darstellung so, dass die notwendigen Planungsprozesse, der Entschluss und das Controlling unterstützt werden und die dafür notwendigen Informationen schnell und missverständnisminimierend sowie auf den Einsatzschwerpunkt hinweisend wahrgenommen werden können.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
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