Posted On 28. April 2015 By In Bevölkerungsschutz, Führen und Leiten With 1210 Views

Aufgaben der Verbandführerin 

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Die FwDV / DV 100 beschreibt in Punkt 3.4.2.1 die Führungsstruktur bei einem Einsatz eines Verbandes. Danach führt die Verbandführerin 2 bis 5 Züge. Dazu steht Ihr in der Regel eine Führungsstaffel und ein ELW 1 bzw. ELW 2 zur Verfügung. Da nur in Ausnahmefällen Führungsebenen bei der Befehlsgebung übersprungen werden dürfen, bedeutet dies, dass die Verbandsführerin maximal 5 Zugführer – und bei besonderen Einheiten ggf. auch mal Gruppenführer – führt. Da stellt sich natürlich die Frage, inwieweit sie einsatztaktische Maßnahmen anordnen muss.

M. E. ist ihre Hauptaufgabe dafür zu sorgen, dass ihre unterstellten Führungskräfte vernünftig arbeiten können. Sie hat also zu koordinieren und zu kultivieren.

 

Grundlagen der Befehlsbefugnis (Sehr-Kurzübersicht)

Drei Eigenschaften machen nach Pigeau und McCann ( Pigeau, R., McCann, C.; Re-Conceptualizing Command and Control; In: Canadian Military Journal; Spring 2002 S. 53-64) aus einem Menschen eine Führungskraft (siehe auch Abbildung 1):

  • Kompetenz
  • Autorität
  • Verantwortung

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Abbildung 1: Grundlage der Befehlsbefugnis

Eine Verbandführerin benötigt alle drei Eigenschaften, um erfolgreich Menschen zu führen. Im Folgenden möchte ich nur einige Aspekte bezüglich der persönlichen Autorität und der Verantwortung betrachten. In einem späteren Blog werde ich auf die Theorie von Pigeau und McCann ausführlicher eingehen.

 

Kennzeichnung der Verbandführerin (Exkurs)

Neben den Helmkennzeichnungen haben sich in den letzten Jahren Westen durchgesetzt. Dabei trägt die Einsatzleiterin in NRW eine gelbe Weste. Als Verbandführerin erscheint man in der Regel nach den ersten Einsatzkräften. Daraus folgt, dass die Einsatzleitung und damit die gelbe Weste von jemand anderem übernommen werden muss. Sollte der Einsatz so groß werden, dass ein weitere Führungsebene oberhalb des Verbandes einzuführen ist, hat die Verbandführerin die gelbe Weste an die Einsatzleiterin abzutreten und dafür eine weiße überzuziehen. Beim Aufbau des Führungssystems wechselt theoretisch die gelbe Weste vom Gruppenführer zum Zugführer zur Verbandführerin und zur Einsatzleiterin: wahrlich ein schönes Spiel.
Seit jeher vertrete ich die Auffassung, dass die Führungskräfte an ihrem Benehmen an der Einsatzsteile erkennbar sein müssen! Schnelles Herumlaufen, direkt vorne beim Angriffstrupp herum gestikulieren, in Drehleiterkörben erkunden usw. sind Anzeichen einer „Nichtführungskraft”. Dagegen ruhiges, selbstsicheres Verweilen auf dem „Feldherrenhügel”, unterbrochen von gelegentlichen „Truppenbesuchen” zeichnet eine gute Führungskraft aus.

Ausschlaggebend für eine Verbandführerin sollte nicht die Weste oder die Kennzeichnungen am Helm sonder der Inhalt des Kopfes unter dem entsprechenden Helm sein!

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Das große Bild im Auge behalten

Die erste wichtige Aufgabe für eine Verbandführerin ist es, ständig den Überblick über die Gesamteinsatzsituation in ihrem Zuständigkeitsbereich zu behalten. Dazu ist es unabdingbar, dass sie Distanz zum Einsatzgeschehen behält. Sie darf sich nicht von Einzelschicksalen (z. B. einer Reanimation) gefangen nehmen lassen.
Erst mit dem Überblick (beachten Sie bitte den begrifflichen Zusammenhang zum Feldherrenhügel) ist sie in der Lage, Einsatzschwerpunkte oberhalb der Zugebene zu erkennen und ihre unterstellten Einheiten entsprechend einzusetzen.

 

Einsatztaktische Maßnahmen

Die einsatztaktischen Maßnahmen „beschränken” sich auf das Erteilen von Aufträgen (Zielen) und der Zuweisung, dem Unterstellen entsprechend notwendiger Ressourcen (Einheiten, Gerätschaften und Materialen). Stehen nicht genügend Ressourcen zur Verfügung sind die Ziele entsprechend anzupassen. Es darf niemals das Erreichen von Zielen angeordnet werden, ohne die entsprechenden Ressourcen dem Beauftragten zur Verfügung zu stellen. Dies ist nicht nur unfair (da das Scheitern des Unterstellten vorprogrammiert ist) sondern es untergräbt auch das Vertrauen des Beauftragten in seine Verbandführerin als Person oder in ihre fachliche Kompetenz.

 

Vermittlung von Souveränität, Zuversicht und Selbstbewusstsein

Eine Verbandführerin wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie Souveränität, Zuversicht und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Sollte Sie Zweifel an dem Einsatzerfolg haben, darf sie sie nicht zeigen. Denn Zweifel verbreiten sich wie eine Grippewelle. Und zweifelnde Menschen können keine Höchstleistung erbringen. Denken Sie bitte immer an eine Hochspringerin bei den olympischen Spielen. Nur wenn sie daran glaubt, über die Stange springen zu können, wird sie es auch schaffen.
Natürlich muss die Zuversicht realistisch sein. Sollte ich vorgeben, bei der nächsten Hochsprungveranstaltung 2,30 m zu überspringen, wird sich meine „Zuversicht” nicht ausbreiten. Ich muss die Latte tiefer ansetzen. Im Einsatz gilt das Gleiche: Unrealistische Ziele sind nicht vorzugeben. Manchmal bleibt der Verbandführerin nur übrig, die Bergung von Leichen als Ziel auszugeben. Dieses als ein positives Ziel darzustellen, ist sicherlich nicht einfach. Aber denken Sie immer an die Angehörigen, für die es sehr wichtig ist, von ihrem verstorbenen Familienmitgliedern würdevoll Abschied nehmen zu können.

 

Fürsorgepflicht
Eine gute Vorgesetzte kümmert sich auch um das Wohlergehen ihrer Einsatzkräfte. Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie müssen schwer an der Einsatzstelle bei 35ºC in der Sonne arbeiten und erfahren, dass ihr Verbandführer im klimatisierten ELW 2 gerade seine Vesper einnimmt. Bei der Versorgung gilt immer: erst die Einsatzkräfte dann die Führungskräfte.

Aber die Verbandführerin sollte auch gelegentlich die Einsatzstelle begehen. Dies hat ruhig und mit Souveränität zu geschehen. Dabei kann sie dann kontrollieren, ob auch die notwendigen Schutz- und Vorsichtsmassnahmen eingehalten werden. Und eine gelegentliche Nachfrage über das Befinden der Einsatzkräfte unterstreicht die Fürsorge der Verbandführerin. Gleichzeitig erfährt sie aus erster Anhand Informationen über die Belastung und Ermüdung der Einsatzkräfte. Eine wichtige Information für die weitere Einsatzplanung.

 

Vertretung des eigenen Bereiches gegenüber überstellten und benachbarten Führungsgremien
Bei Besprechungen mit Führungskräften, die nicht ihr unterstehen (z. B. Vorgesetzte, Polizeiführer, Amtsärzte usw.), hat sie ihren Bereich zu vertreten. Sie sollte nur in Ausnahmefällen, diese Aufgabe eine andere geeigneten Person übertragen.
Umgekehrt hat sie die Entscheidungen / Absprachen solcher Besprechungen gegenüber ihren Zugführern zu erläutern. Dabei hat sie die getroffene Entscheidung als „mit ihr getroffene” zu vertreten. Fatal wäre es, wenn sie die Entscheidung als falsch darstellt und entschuldigend hinzufügt, sie wurde überstimmt. Dies unterminiert das Vertrauen der unterstellten Einsatzkräfte in die eigene Führung.

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Zusammenfassung

Die Verbandführerin hat ihre unterstellten Führungskräfte die Ziele vorzugeben, den Rücken zu stärken, die ein oder andere Empfehlung auszusprechen und sich um das Wohlergehen der Einsatzkräfte zu kümmern.

Wendet sie, wie in der FwDV / DV 100 vorgeschrieben, das Führen mit Auftrag an, wird sie für diese anspruchsvolle Tätigkeit auch die entsprechende Zeit haben. Verfällt sie allerdings ins Mikromanagement und weisst den Angriffstrupp an, zwei Meter weiter nach rechts zu spritzen, wird sie ihre originären Aufgaben nicht nachkommen können.

Andreas Karsten

Andreas Karsten

Andreas H. Karsten
Ministry of Interior UAE, United Arab Emirates, Strategic Advisor Department of Public Safety and Quick Intervention
Civil Expert for NATO Civil Protection Group

Geboren 1962 in Braunschweig. Ich arbeite, unterrichte und forsche seit einigen Jahren in den Bereichen Disaster Response, Entscheidungsfindung, Stabslehre und Spezielle Einsätze im Bereich des Bevölkerungsschutzes.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich Mitglied der FF Braunschweig/Rautheim und seit 2004 im THW Bochum.
Nach meinem Studium der theoretischen Kernphysik an der Technischen Universität Carolina Wilhelmina zu Braunschweig absolvierte ich mein Referendariat zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst bei der Berliner Feuerwehr. Danach arbeitete ich als Direktionsdienstbeamter bei den Berufsfeuerwehren Stuttgart und Bochum bevor ich 2006 als Lehrbereichsleiter zum BBK an die AKNZ wechselte.
Seit Mai 2014 arbeite ich für das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate.
Andreas Karsten
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